Kursbuch Editorials

Kursbuch 191 „Bullshit.Sprech“
Editorial

Harry G. Frankfurt, Philosoph an der Princeton University, hat einen Essay mit dem Titel Bullshit veröffentlicht.[1] Er startet mit einer lapidaren Diagnose: Es gehöre zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur, dass es viel Bullshit gebe. Wir wüssten zwar nicht genau, was das ist, aber jeder kenne es. Frankfurts Analyse selbst changiert zwischen Bullshit, der einfach anfällt, und Bullshit, der bewusst eingesetzt wird. Gemeinsam ist beiden Perspektiven nach Frankfurt, dass sich Bullshit-Sprech nicht darum schert, ob die Dinge der Wahrheit entsprechen. Das ist das eigentliche Charakteristikum. Dem Bullshitter ist sein Bullshit egal, Hauptsache, er kommt damit durch.  (…)

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Kursbuch 190 „Stadt.Ansichten.“
Editorial

Hier steht üblicherweise das Editorial. Dies ist kein Editorial. Das Editorial hat etwas Zentralistisches, es ist eine Textsorte, die so tut, als kontrolliere sie den Rest des Kursbuchs – auch wenn alle Welt weiß, dass es erst geschrieben wird, wenn es nichts mehr zu kontrollieren gibt, also zum Schluss, damit es am Anfang stehen kann. Ein Editorial entspricht der Ästhetik des Städtischen, widerspricht aber der Praxis des Städtischen. Auch Städte sehen ästhetisch oft so aus, als hätten sie ein Editorial – eine erzählbare Geschichte, einen Namen mit Legende, ein Zentrum mit Prunk oder ein repräsentatives Ensemble, das sich wie eine Art Kontrollzentrum ausgibt. (…)

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Kursbuch 189 „Lauter Lügen“
Editorial

Es gibt derzeit eine vertrackte öffentliche Erzählung: Ein Möchtegern-Despot eines südlichen europäischen NATO-Landes bezichtigt nördliche Partnerländer der Nazimethoden, weil er und seine Abgesandten dort keine PR-Veranstaltungen für eine Verfassungsreform abhalten dürfen, mit der er ein noch größerer Despot werden will. Da hält es Inner-Circle-Europa nicht mehr auf den Stühlen. Rote Karte. Halt! Keinen Schritt weiter! Bei diesem kalkulierten Rückfall in nationalstaatliche Erregungsnarrative geht es in erster Linie auch um billige Wahlpropaganda. (…)

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Kursbuch 188 „Kalter Frieden“
Editorial

Dass Frieden, verstanden als die Abwesenheit von Krieg, von geplanter oder roher Gewalt, von militärischen Auseinandersetzungen, von Tod und Zerstörung seinem Gegenteil vorzuziehen ist, ist trivial. Weniger trivial ist, von welchem Frieden die Rede ist. In der Kriegstheorie von Clausewitz war der Krieg letztlich das Mittel, der Frieden der Zweck, der sich freilich vom Kriege her verstand. Insofern hat der Krieg mehr Informationswert, weil er eben als Mittel Sichtbareres erzeugt als sein Derivat, der Frieden. (…)

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Kursbuch 187 „Welt verändern“
Editorial

Verändern ist ein transitives Verb, das heißt, es braucht ein Subjekt und ein Akkusativobjekt. Es muss also jemand verändern, und jemand muss etwas verändern. Ich verändere geht nicht. Ich verändere die Welt geht – oder besser: Es geht grammatikalisch, in echt geht’s eher nicht, weil die Welt schon deshalb nicht wirklich verändert werden kann, weil alle Veränderung in der Welt stattfindet und damit Subjekt und Objekt in eins fallen. Wenigstens im Prinzip. (…)

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Kursbuch 186 „Rechts. Ausgrabungen“
Editorial

Warum wir ein Heft über »Rechts« machen, muss nun wirklich nicht weiter begründet werden. Es liegt auf der Hand. Deshalb einige Erläuterungen zur Ausgrabungsmethode: »Die Archäologie versucht, nicht die Gedanken, die Vorstellungen, die Bilder, die Themen, die Heimsuchungen zu definieren, die sich in den Diskursen verbergen oder manifestieren; sondern jene Diskurse selbst, jene Diskurse als bestimmten Regeln gehorchende Praktiken. Sie behandelt den Diskurs nicht als Dokument, als Zeichen für etwas anderes, als Element, das transparent sein müsste (…); sie wendet sich an den Diskurs in seinem ihm eigenen Volumen als Monument.« (…)

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Kursbuch 185 „Fremd sein“
Editorial

Von Georg Simmel stammt der schöne Satz, die »Bewohner des Sirius« seien uns »nicht eigentlich fremd«. In diesem Satz aus einem der klassischen Texte über den Fremden drückt sich die ganze Paradoxie des Fremden und des Fremdseins aus. Fremd zu sein heißt nicht, wirklich fremd zu sein – wenigstens nicht in dem Sinne, das, was das Entfernteste und damit auch Unsichtbarste sei, sei das Fremde. Fremd zu sein ist vielmehr ein Beziehungsmodus. Es ist eine soziale und kulturelle Kategorie, es ist etwas, worüber wir mehr wissen, als wir zugeben wollen. (…)

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Kursbuch 184 „Was macht die Kunst?“
Editorial

Es ist ein alter Topos, dass die Kunst nicht nur das Schöne und das Erhabene darstellt, sondern auch ein besonderes Erkenntnismittel ist und der Wahrheit womöglich näher kommt als die begrifflich und methodisch geschärfte, deshalb rational genannte, weil wiederholbare und rekonstruierbare Form, die Welt auf den Begriff zu bringen. Oh – das Schreiben ist schneller als das Denken: eben nicht auf den Begriff zu bringen, sondern zu begreifen oder wenigstens in eine Form zu bringen oder ins Bild zu setzen. (…)

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Kursbuch 183 „Wohin flüchten?“
Editorial

»Wohin flüchten?« – das ist derzeit für viele die entscheidende Frage ihres Lebens. In den unterschiedlichsten Regionen der Welt flüchten Menschen vor Verfolgung, Gewalt, Staatszerfall und ökonomischer Hofnungslosigkeit. Man könnte es sich leicht machen und betonen, dass Flucht, Vertreibung, Wanderung und die Suche nach einem besse­ren Leben letztlich ein konstitutives Merkmal unseres Gattungslebens sind – und das buchstäblich. Die Ausbreitung des Homo sapiens hat stets damit zu tun, dass die Leute woanders hingegangen sind – und sicher nicht, um die Welt zu besiedeln, sondern um wegzukommen, weil es »zu Hause« nicht mehr passte. (…)

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Kursbuch 182 „Das Kursbuch. Wozu?“
Editorial

Das Kursbuch wird 50 Jahre alt. Gegründet im Jahre 1965 von Hans Magnus Enzensberger, weitergeführt von Nachfolgern in wechselnden Verlagen und Formaten, sind bis zum Frühjahr dieses Jahres 181 Aus­gaben erschienen. Dass diese kontinuierliche Zählung womöglich mehr Kontinuität suggeriert, als es die diskontinuierliche Geschichte des Kursbuchs in seinen Textsorten, Denkungsarten und Autoren, aber eben auch im Wandel der Zeitläute verbürgt, kann nur einem Beob­achter aufstoßen, der Kontinuität mit Stillstand oder Stabilität gleich­ setzt. Continere heißt in erster Linie enthalten – etwas zu kontinuieren bedeutet also, dass das Neue das Alte und Überwundene enthält, sonst könnte es gar nicht neu sein, sonst könnte es sich nicht verändern. (…)

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Kursbuch 181 „Jugend forsch“
Editorial

In diesem Kursbuch schreiben nur Autorinnen und Autoren, die 36 Jahre oder jünger sind. Mein Lieblingssatz in diesem Kursbuch lautet: »Es wäre naiv zu glauben, dass junge Menschen, die damit aufgewachsen sind, dass selbst ein Waschmittel eine eigene Farbe, einen Jingle und einen Geruch haben muss, nicht auf die Idee kommen, auch sie bräuchten ein Konzept, eine Markenbotschaft, eine Identity zum Herzeigen.« Er stammt aus dem Beitrag von Lara Fritzsche und bringt ziemlich gut auf den Punkt, was ich als mehr als 20 Jahre Älterer an Bildern über diese Generation im Kopf habe. (…)

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