Kursbuch 198 – Editorial

Es heimatet sehr. Alle entdecken die Heimat – als Wunschvorstellung, als Projektionsfläche, als Feind und Albtraum, sogar als ministrables politisches Thema. Kurz vor dem Verfassen dieses Editorials habe ich in einem Bioladen am Münchner Rotkreuzplatz fettige Kartoffelchips gesehen – der Markenname hieß »Heimatgut«. Deutsche Kartoffeln. Da fehlte nur noch ein alter weißer Mann, der sie sich gekauft hätte. Unter uns: Das ganze Gerede um Heimat ermattet uns langsam – deshalb heißt dieses Kursbuch Heimatt. Das hat sich Peter Felixberger ausgedacht, und er hat es damit wirklich gut getroffen.

Und doch lohnt es sich, über Heimat nachzudenken – nicht, was sie wirklich ist, sondern warum sich die Frage stellt und was die Leute mit der Frage anstellen. So unterschiedlich die Beiträge dieses Kursbuchs auch sind – es eint sie alle eine Distanznahme zum Thema. Es wird nicht für oder gegen den Heimatbegriff gestritten, es wird nicht die eine durch eine andere Heimat ersetzt, es wird nicht das eine richtige Ver­ ständnis von Heimat propagiert, sondern alle sind in dem Erstaunen darüber verfasst, wie Regionales zu Heimatlichem aufgerundet wird, um es in den Worten von Jürgen Dollase zu sagen, der sich dem Thema von der Kulinarik her nähert. Alle Beiträge weisen je für sich darauf hin, dass der Begriff Heimat zugleich Lösung und Problem ist und ganz offensichtlich auf eine Leerstelle in modernen Gesellschaften verweist, die sehr unterschiedlich gefüllt werden kann. Robert Misik weist darauf hin, dass diese Leerstelle durch jenen »Elefant im Raum« mit Namen Migration derzeit besonders sichtbar wird. Naika Foroutan thematisiert diese Leerstelle, indem sie auf die schwierigen Mehrfachcodierungen verweist. Georg Seeßlen spielt dies am Beispiel Bayerns durch. Mein eigener Beitrag identifiziert die Rede von der Heimat als eine Ersatz handlung, bei der aber nicht ganz klar ist, wofür eigentlich.

Einen ganz neuen Ort, der unter Heimatverdacht geraten kann, ma­chen Dirk von Gehlen und Adrian Lobe aus: das Internet, jenen ortlosen Ort, an dem sich nicht nur die junge Generation immer häufiger auf­ hält. »Es gibt im Sinne der reinen Idee von Volk und Heimat keinen Ort auf der Welt, der unreiner ist als das Internet,« schreibt von Gehlen, und Adrian Lobe bemerkt ganz ähnlich, dass im Netz zwar Heimat gesucht wird, aber nicht ganz klar sei, was da an diesem, zum Teil geistlosen Ort gefunden wird. Er ist sich aber sicher: »Der Geist wird immer eine Heimat finden.«

Dass die Arbeit an dieser Leerstelle von Einheit, Einheitlichkeit und alternativloser Zugehörigkeit zu den größten Katastrophen der Moderne geführt hat, wird in den Beiträgen von Michael Brenner, Michael Haas, Levi Israel Ufferfilge und Maxim Biller sichtbar. Die systematische De­mentierung der Zugehörigkeit des Jüdischen zum Eigenen ist der Index, den alles Nachdenken über Heimat in deutscher Sprache trägt – und in welcher Sprache gibt es sonst Heimat?

Wir freuen uns ganz besonders über die Erzählung Max in Palästina, die Maxim Biller eigens für dieses Kursbuch verfasst hat. Sie schwebt in der Spannung von Drinnen und Draußen, von Zugehörigkeit und ihrer Dementierung, vom Staunen und der lapidaren Einsicht, wie banal die Dementierung daherkommt.

Dann möchte ich auch den Beitrag von Levi Israel Ufferfilge erwäh­nen. Wir haben bei diesem Kursbuch das erste Mal einen Call for Papers für jüngere Autorinnen und Autoren geschaltet. Es erging die Aufforde­rung, uns Konzepte für Beiträge zum Kursbuchthema einzusenden. Auf der Basis von 61 eingesandten Konzeptpapieren haben wir Levi Israel Ufferfilge gebeten, einen Beitrag für dieses Kursbuch zu verfassen. Der 31-­jährige Lehrer für Isrealitische Religionslehre und Hebräisch am Jü­dischen Gymnasium München beschreibt in seinem Beitrag Wenn ich dich vergäße, Jerusalem, wie sich die Spannung zwischen der jüdischen Diaspora und Israel darstellt. Der Beitrag endet so: »›Und hast du dann nie Heimweh?‹, fragte mich vor zwei Jahren im westfälischen Münster eine Grundschülerin in der Sukkah der jüdischen Gemeinde. ›Doch‹, versicherte ich ihr. ›Ich weiß nur nicht, wonach.‹«

Der nächste Call for Papers für das Kursbuch 199 mit dem Titel In­telligenzen ist übrigens bereits online – bewerbt Euch!

Schließlich möchte ich auf die Kunststrecke hinweisen, auf die Zeich­nungen von dem in Tel Aviv lebenden Künstler Eran Shakine, die einen Moslem, einen Christen und einen Juden dabei zeigen, wie sie sich durch die Welt bewegen. Irgendwie wirken die drei verloren, fast matt, Heimatt eben, aber sie mühen sich nach Kräften auf der Suche nach gemeinsamer Zugehörigkeit.

Der geneigten Beobachterin und auch dem mitgemeinten Pendant wird aufgefallen sein, dass die Hauptbeiträge dieses Kursbuchs mit ei­ner Ausnahme aus männlicher Feder stammen. Nichts Neues in dieser alten Heimatt. Werden wir wieder gefragt, ob Heimat vielleicht ein rein männliches Thema sei (vgl. Kursbuch 196)? Vielleicht ist es das – zumin­dest, wenn man den Textoutput betrachtet. Der Input sah ganz anders aus. Der Anteil der angefragten Autorinnen lag bei zirka 40 Prozent, die zweite Runde eingeschlossen. Sofortige oder auch spätere Absagen ha­ben das vorliegende Ergebnis nach sich gezogen. Gut, dass es am Ende auf die Texte und weniger auf das Geschlecht der Autorinnen und Au­toren ankommt – dennoch: Wir bleiben dran (Ihr auch?)!

Umso mehr freuen wir uns darüber, dass Katja Gasser den Stab auf­genommen und den 25. Brief einer Leserin beigesteuert hat.


Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität-München. Zuletzt erschien Gab es 1968? Eine Spurensuche.