Kursbuch 200 – Editorial

Armin Nassehi 
Editorial 

Dies ist das 200. Kursbuch, das 31. seit 2012 unter unserer Verantwortung. Dass es Revolte 2020 heißt, ist nicht nur eine Reminiszenz an den alten Mythos, das Kursbuch sei gewissermaßen der Begleiter aller Revolten seit 1965 gewesen, sondern auch ein Hinweis darauf, dass wir es derzeit – weltweit – mit Revolten und Protesten ganz unterschiedlicher Natur, ganz unterschiedlicher Interessen und vor allem ganz unterschiedlicher politischer Couleur zu tun haben. Es ändert sich viel – und das nicht nur durch geradezu unsichtbaren sozialen Wandel im Hintergrund oder im Sinne langsamer Veränderungen durch die Entscheidungsinstanzen der Gesellschaft, sondern in protestierender, revoltierender, in mancher Hinsicht gar revolutionärer Form. Protest erzeugt Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Lautstärke. Wir nehmen das Jubiläum also nicht zum Anlass einer nostalgischen Rückschau, sondern zur strengen Gegenwartsanalyse. 

Werden die Proteste in Hongkong China wirklich herausfordern können? Was wird aus den unterschiedlichen Protestformen in Südamerika werden? Wird Protest in autoritären Regimen eine Chance haben? Welche Bedeutung hat der Rechtspopulismus mit seinen Bewegungen? Werden die Klimaproteste tatsächlich eine weltweite Lösung des Problems ermöglichen? Es ließen sich noch viele Fragen stellen, die die weltweiten Protestbewegungen angehen. Gemeinsam ist all diesen Beispielen, dass Protest offensichtlich dann wahrscheinlicher wird, wenn staatliche oder andere institutionelle Formen der Konfliktbearbeitung, der Entscheidungsfindung, des Interessenausgleichs und der Deliberation nicht mehr zu befriedigenden Ergebnissen kommen. Protest ist ein großer Demokratiegenerator – er macht auf Missstände und Interessenlagen aufmerksam. Er kann aber auch zivilisierte Formen der Gewaltenteilung infrage stellen oder delegitimieren. Protest und Revolte weisen jedenfalls auf Ordnungsprobleme hin und darauf, dass sich die Gesellschaft ohnehin schon verändert – nur vielleicht nicht in die Richtung, in die man selbst es gerne hätte. Proteste sind gewissermaßen der Lackmustest dafür, wie Gesellschaften mit ihren inneren Konflikten umgehen. Und sie sind ein Veränderungsgenerator. 

Dieses Kursbuch steht damit dann doch in der Tradition des Kursbuchs, ein Begleiter und Beobachter, aber ein reflektierender, bisweilen distanzierter, manchmal eher skeptischer Zeitgenosse von protestierenden Bewegungen zu sein. Die Autorinnen und Autoren, die wir dafür gewinnen konnten, arbeiten sich an ganz unterschiedlichen Feldern ab.  

Adrian Lobe spürt Revolten im digitalen Zeitalter nach und erkundet die Handlungsfähigkeit des digitalen Menschen, der sich in einem System bewegt, das Nein-Sagen nicht vorsieht. Jasmin Siri eruiert, wie die SPD als eine politische Kraft aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen ist und gerade aufgrund ihres Erfolgs nicht mehr Protest und Revolte verfolgt, sondern diese in die Form des Verwaltungsaktes bringen muss. Gert Heidenreichs engagierter Beitrag ist der Lüge auf der Spur, nicht nur der Lüge, die es immer gegeben hat, sondern der politischen Lüge, die sich nicht darum schert, dass das Lügenhafte sichtbar wird. Heidenreichs Text ist selbst ein Protest gegen diesen Siegeszug der organisierten Unwahrheit. Wolfgang Schmidbauer untersucht mit psychologischem Blick die Figur Greta Thunberg als Gesicht des Klimaprotestes. Für ihn materialisiert sich in Thunberg eine historisch durchaus öfter zu beobachtende Form der revolutionären Kraft von Mädchen, während Hedwig Richter wirklich überraschende Einsichten darüber vermittelt, welche Rolle Frauen in revolutionären Umwälzungen und in der Geschichte der Demokratie spielen. 

Astrid Séville ist dem vulgären Heroismus rechter Populisten auf der Spur, bei dem sich die Selbstzuschreibung des Heldischen mit einer merkwürdigen Opferhaltung verbindet. Sie empfiehlt dagegen die Kraft verständigungsorientierter Deliberation statt Verständnis für diese Opferhaltung. Eine ähnliche Opferhaltung prangert Cornelia Koppetsch mit ihrem Beitrag zur identitätspolitischen Form des gegenwärtigen Feminismus an, in der sie den Ausdruck einer gewissen Gesellschaftsvergessenheit feministischer Proteste und Kritik ausmacht. Boris Groys wechselt das Terrain und sieht gerade in der musealen avantgardistischen Kunst eine bemerkenswerte Dialektik walten: Die Kunst müsse auf ihre eigenen Traditionen Bezug nehmen, gerade um fähig zu sein, das revolutionär Neue ins Werk zu setzen. Karl Bruckmaiers Protestsong gegen/über/an den Protestsong nimmt eine solche künstlerische Tradition aufs Korn und wundert sich darüber, wie wenig Zukunft er immer schon hatte. Ich selbst nehme mir die Freiheit, in einem längeren Beitrag die grundlegende Funktion, die Eigendynamik und die interne Steigerungslogik von Protesten in den Fokus zu nehmen. 

Christina Behlers Beitrag hat ein eher ungewöhnliches Thema im Visier, nämlich die Frauenbewegung Maria 2.0 in der katholischen Kirche gegen die patriarchalischen Strukturen derselben. Dieser Beitrag ist das Ergebnis unseres dritten Aufrufs, dem Call for Papers, für jüngere Autorinnen und Autoren, die sich für einen Text im Kursbuch bewerben können. 

Schließlich sind drei Reportagen hervorzuheben: Anja Dilk, Marc Winkelmann und Heike Littger haben Protest- und Revolteszenen in Berlin, Hamburg und München beobachtet, haben ganz unterschiedliche Orte der Revolte aufgesucht und berichten darüber – von Kleinparteien wie »Volt« oder »Die PARTEI« über »Extinction Rebellion«, über innere Revolten einer Stadtkirche oder einer Handelskammer und der autonomen Szene bis hin zu Künstlerkolonien, nachhaltiger Mode und zum Oktoberfest. Diese drei Reportagen konkretisieren vieles von dem, was in den anderen Beiträgen auftaucht. Und sie zeigen, wie die Nein-Stellungnahme, der Protest und das Nein sich in der und gegen die Widerständigkeit der Gesellschaft behaupten.  

Es ist übrigens eine Widerständigkeit, die offenbar aushält, dass in der Gesellschaft ihr eigenes Ende, ihr Untergang, ja der Weltuntergang öfter behauptet wird, als er stattfindet. Diese Diskrepanz zwischen erwartetem und eingetretenem Weltuntergang ist Gegenstand der zweiten Kolumne »FLXX« von Peter Felixberger.  

Mit den Zeichnungen von Gerhard Seyfried kommt ein Held meiner Jugend in diesem Kursbuch zu Wort oder besser: ins Bild. Gerhard Seyfried ist ein genialer Zeichner, der die Alternativszene in West-Berlin begleitet hat. Das Tollste daran ist die Selbstironie, die mancher Ernsthaftigkeit von Szenen bei Demonstrationen, in theoretischen Diskussionen, in Wohngemeinschaften einen selbstironischen Blick entgegengesetzt hat. Wir freuen uns sehr, dass Gerhard Seyfried uns eine Auswahl seiner Zeichnungen von damals bis in die Gegenwart zur Verfügung gestellt hat. 

Schließlich sei noch Hannah Lühmann gedankt, die den 27. Brief einer Leserin geschrieben hat. 


Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität-München. Zuletzt erschien Muster: Theorie der digitalen Gesellschaft.

 

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