Kursbuch 178 – Editorial

Editorial
Armin Nassehi

1964 war der geburtenstärkste Jahrgang Deutschlands, und zwar in Ost und West – danach ging es nur noch bergab, wenigstens im Westen. In der DDR hat es in den Siebzigern und Achtzigern dann wieder einen Anstieg der Geburten gegeben, was sicher auch an der Selbstverständlichkeit von Betreuungseinrichtungen lag. Die Raten von 1964 freilich wurden hier wie dort nie wieder erreicht.
Es gibt so etwas wie eine Faustregel: Je zufriedener, zukunftsgewandter, optimistischer und unbeschwerter die Menschen leben, desto höher liegt die Geburtenrate. Daraus kann man wenigstens zwei Schlüsse ziehen: 1964 muss es den Europäern ziemlich gut gegangen sein. Sie müssen optimistisch in die Zukunft geblickt haben – in den meisten Fällen noch ziemlich festgelegt in traditionellen Familienformen mit klaren geschlechtlichen Rollenverteilungen und relativ stabilen Schichtindizes. Die kulturellen Öffnungen, die man später mit den Achtundsechzigern assoziieren wird, haben bereits ihre Schatten vorausgeworfen. Die Arbeitsmarktlage gab keinen Anlass zu individuellen Sorgen – und mit dem Kippen der Stimmung durch die Ölkrise Mitte der Siebzigerjahre war die Generation der Mittsechziger schon auf dem Weg in die weiterführenden Schulen.
Der zweite Schluss, den man ziehen kann, ist der, dass die Stimmung heute erheblich gedämpfter, pessimistischer, weniger zukunftsgewandt ist, setzt man tatsächlich die Geburtenrate als Indikator fest.

Dass die Geburtenrate auch von anderen Faktoren abhängt, wird deutlich, wenn man Deutschland und Frankreich vergleicht – und Frankreich kann derzeit nicht gerade als ein Ort grandiosen Optimismus angesehen werden. Aber handelt es sich bei den jetzt etwa Fünfzigjährigen um eine Generation in dem Sinne, dass ihnen so etwas wie eine gemeinsame Erfahrung zugesprochen werden kann, etwas, das sie von anderen unterscheidet? Bei vorherigen Generationen, den Achtundsechzigern oder der sogenannten skeptischen Generation, scheint das einfacher zu sein, selbst wenn nicht alle, die ihre wichtigsten politischen Sozialisationserfahrungen Ende der Sechzigerjahre gemacht haben, Achtundsechziger im Sinne jener Protestformen sind, die wir bei den Achtundsechzigern sofort imaginieren.

Vielleicht kann die Generation der Mittsechziger nur negativ beschrieben werden. Sie waren keine Achtundsechziger mehr, die sich vor allem durch die Durchpolitisierung der gesamten Weltsicht auszeichneten, sie sind aber auch noch nicht jene Generation X oder Y, die von den zuvor angeblich klaren Konfliktlinien nichts mehr wissen will. Wir wollen in diesem Kursbuch die Frage der einen, einheitlichen, identitätsstiftenden Generationslage gar nicht überstrapazieren, nehmen lediglich die Tatsache, dass der geburtenstärkste Jahrgang heuer 50 wird und in den wichtigen Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Bildung, Politik und Kultur sitzt, zum Anlass, über diese Gruppe nachzudenken – ob man sie nun als Generation beschreiben will oder nicht.

Die Jahre seit Mitte der Sechzigerjahre sind vielleicht die undramatischsten des 20. Jahrhunderts, auch wenn sich in Europa fast alles verändert hat – eine merkwürdige Paradoxie. Es war die heiße Phase des Kalten Krieges, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nur gut zwei Jahrzehnte später schien so weit weg wie zuvor der Dreißigjährige Krieg. Die Utopien der Stadt­, Sozial­ und Medizinplaner waren technikeuphorisch. Aber die Technik dieser Zeit war eine analoge Eins­zu­eins­Technik. Politische Konflikte waren stabil, man wusste, wo der Gegner steht, und doch begannen sich friedliche Formen der Auseinandersetzung zu etablieren. Man entdeckte das Ausland nun nicht mehr militärisch, sondern touristisch. Peter Felixberger macht sich in seinem Beitrag auf eine Zeitreise mit denen, die 1964 in Wohlstand und Überfluss geboren wurden und nun zu den Verwaltern des »Weniger­ist­Mehr« geworden sind; Ulf Poschardt beschreibt, wie in dieser Generation die Vorstellung von einer unaufgeregten Normalität nicht mehr als repressive Zumutung, sondern als entdramatisierte Form der Selbstgenügsamkeit erlebt wurde – er macht eine Rechnung auf: die vielleicht langweiligste, aber auch friedlichste Generation; Ursula Pasero zeichnet nach, wie sich Geschlechterverhältnisse in Ost und West verändert haben und meint, es sei nun Sache der Vierundsechziger, die Frage des Gender­Bias jenseits der alten Konfliktlinien auf die Agenda zu setzen; Stefan Willeke sieht die Vierundsechziger als eine verwechselbare Generation und Karl Bruckmaier stellt 1964 in den Kontext des Pop; mein eigener Beitrag behauptet recht kontraintuitiv, die Vierundsechziger seien die erste digitale Generation.

Zwei Beiträge sollten als Komplementäre gelesen werden. Wir haben einen Autor und eine Autorin gebeten, die Vierundsechziger aus je unterschiedlichen Positionen zu beschreiben. Johano Strasser, sozialdemokratischer Vordenker, Literat und ehemaliger PEN­Präsident, Jahrgang 1939, berichtet, dass seine Tochter dieses Jahr 50 wird – und Franziska Hohl, Studentin der Musikwissenschaften und Soziologie, Jahrgang 1990, schreibt aus der Perspektive einer Tochter, deren Mutter eine Mittsechzigerin ist. Strasser verteidigt die Generation seiner Tochter vor dem Vergleich mit den Achtundsechzigern. Ihre Generation sei weniger blass, als es im Schatten der Achtundsechziger erscheint. Es sei eher eine individualisierte pragmatische Generation, die viel von dem praktisch umgesetzt habe, was zuvor charismatisch gefordert wurde. Hohl dagegen reklamiert gelungene Individualisierung für ihre Generation und wirft ihrer Elterngeneration vor, eher zwanghaft herausstechen, sich unterscheiden zu wollen. Die Vierundsechziger hätten es einfach nicht verstanden, sich auf die Faktizität der Welt einzustellen. Ist das ein weiterer Schritt in Richtung Entdramatisierung? Am Ende passt kongenial dazu, wie Reinhard Merkel die Vierundsechziger als eine Generation der Angst beschreibt.

Neben diesen Beiträgen haben wir zusätzlich zehn echte Vierundsechziger, also Autorinnen und Autoren, die selbst dieses Jahr 50 Jahre alt werden, gebeten, in eher kurzen Intermezzi eine idiosnykratische Haltung zu sich und ihrer Generationslage einzunehmen. Die Beiträge sind sehr unterschiedlich geworden – was bei nur zehn Beiträgen durchaus als eine Parabel auf die vielen gelesen werden kann. Gemeinsamer Tenor aber auch hier: Die Vierundsechziger haben etwas geschafft, auch wenn es ihnen niemand so recht zugetraut hat, und wenn das nur daran liegt, dass niemand sie als Generation adressiert hat.
Sehr stolz sind wir auf die Bildstrecke von Thomas Demand – und ich versage mir jede Interpretation, man könne daran sehen, dass die 50­Jährigen in voller Blüte stünden.
Jürgen Kaube danken wir für die elegante Fortführung der Kolumne »Brief eines Lesers«. Übrigens – nächstes Jahr wird das Kursbuch selbst 50 Jahre alt!

München, im Mai 2014
Armin Nassehi

(weiterlesen im Kursbuch 177)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“.

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