Kursbuch 194 – Editorial

Alternatives Editorial 

In Alternativen zu denken ist alternativlos. Das hört sich wie eine wohlfeile Parole an, ist es aber nicht. Selbst wenn wir nicht in Alternativen denken, so ist schon die Festlegung auf etwas Bestimmtes von möglichen Alternativen geprägt. Wenn wir jemandem eine Handlung zuschreiben, also meinen, dass er oder sie gehandelt hat, dann besteht der Test letztlich darin, ob es eine Alternative zum Verhalten gab. Um herauszubekommen, dass ein beobachtetes Verhalten ein zurechnungsfähiges Handeln ist, fragen wir, ob auch Alternativen denkbar sind. Bewusstseinsprüfungen bei Komapatienten etwa werden so betrieben. Ist eine Reaktion auf einen Reiz ein pures vegetatives Geschehen, oder hätte das Gegenüber auch anders handeln können? Zurechnungsfähig ist der andere nur, wenn er Alternativen hat, wenn er also auch etwas anderes hätte tun können. So unterscheiden wir willkürliches und unwillkürliches Verhalten – willkürliches Verhalten richtet sich nach einem Willen, der nur wollen kann, indem er Alternativen ausschließt. Unwillkürliches Verhalten kennt keine Willkür. Dass wir atmen oder das Herz schlägt, werden wir nicht als Handeln ansehen, denn wir haben keine Alternative dazu. Alles andere ist alternativenkontaminiert – alternativlos. 

Das hört sich auf den ersten Blick an wie die alte Unterscheidung von Natur (Reich der Notwendigkeit) und Kultur (Reich der Freiheit), aber das wäre ein Fehlurteil, denn die Natur ist in ihrer evolutionären Logik der Alternativengenerator schlechthin. Selektion, Variation und Restabilisierung spielen geradezu mit alternativen Möglichkeiten, die sich dann durchsetzen können. Natur ist das Gegenteil von Notwendigkeit, sie ist eine kreative Formation zur Testung von Alternativen, von denen sich die meisten nicht durchsetzen. Insofern bestehen zwischen der natürlichen und der soziokulturellen Evolution zwar erhebliche Unterschiede, aber der Grundmechanismus ist in der Tat derselbe: Es entstehen alternative Stränge von Möglichem, die nicht alle dieselbe Chance haben, sich durchzusetzen.

Dass alles stets auch anders möglich ist, ist letztlich die Grundvoraussetzung von Ordnung. »Identity requires disorder«, sagt der Mathematiker und Netzwerkforscher Harrison White, und meint damit zweierlei: Zum einen weist er darauf hin, dass jegliche Identitätsbehauptung, also jegliche Festlegung auf etwas Bestimmtes immer schon im Horizont anderer Möglichkeiten, im Horizont also von Alternativen erfolgt. Die Identität von etwas zu behaupten, heißt, dass es dies und nicht jenes ist, dass es so und nicht anders ist, dass es auch anderes geben könnte. Das ist das fast Tragische daran, wenn Identitäten stark gemacht werden: Es wird damit auch immer eine Differenz behauptet. Die behauptete Identität einer Gruppe (welcher Art und Größe auch immer) verweist immer und sogar gegen die Intentionen der Sprecher auf die Differenz zu anderen Gruppen. Das ist schon aus logischen Gründen unvermeidbar, fast wäre ich geneigt zu sagen: alternativlos. Identitäten verweisen also auf Differenzen, auf alternative Möglichkeiten.

Zum anderen weist Harrison Whites Satz darauf hin, dass es Ordnung nur im Durcheinander gibt, Ordnung also stets eine Funktion von Unordnung ist. Die Welt selbst hat keine Ordnung, oder besser: Die Ordnung der Welt erscheint uns nur in der Ordnung, mit der wir sie sehen. Das ist das Zentrum modernen europäischen Denkens, das Welterkenntnis und Weltbezüge in den Blick nimmt, weil es gar nicht anders kann, als die Welt über den eigenen Zugang zu erschließen. Immanuel Kants geradezu epochale Wende vom Sein der Welt zum Bewusstsein, die Dinge also nur als Gegenstand der Erfahrung erkennen zu können, radikalisiert den Zweifel, dass die Welt so und nicht anders ist. Es ist eine Denkungsart über die Bedingungen, die gegeben sein müssen, dass das Bewusstsein angesichts der Mannigfaltigkeit der zunächst ungeordneten Eindrücke eine Ordnung in die Welt bringen kann. Es soll hier kein philosophisches Proseminar veranstaltet werden, aber es ist einen Gedanken wert, dass modernes Denken tatsächlich davon geprägt ist, dass die Ordnung eine Folge der Anschauung ist und nicht umgekehrt. Solches Denken rechnet immer schon damit, dass die Dinge auch anders sein könnten, als sie zunächst erscheinen.

»Identity requires disorder« – das verweist darauf, dass es gerade Unbestimmtheiten und Unterschiede, Konflikte und Uneindeutigkeiten sind, die für einen Bedarf an Identitätsbeschreibungen sorgen, nicht nur für einen Bedarf übrigens, sondern sogar dafür, dass Ordnung nur ein Ergebnis von Unordnung sein kann. Es geht also darum, wie Operationen selbst Ordnung erzeugen – und das können sie letztlich nur durch das, was in der Kybernetik das »Gesetz der erforderlichen Vielfalt« genannt wird. Diese »requisite variety« ist es also, die Ordnungsbildung überhaupt ermöglicht – und damit auch die Erzeugung von Bestimmtheit. Unbestimmtheit ist der Bestimmtheit vorgeordnet – deshalb meint Harrison White, dass Identität Unordnung voraussetzt und nicht Ordnung. Oder anders ausgedrückt: Alternativen lauern stets im Hintergrund, ob wir wollen oder nicht.

Um nur kleine Beispiele zu nennen: Mit der Opposition hat das politische System Herrschaftsalternativen zur Herrschaft geradezu institutionalisiert; Kunst konfrontiert uns mit alternativen Versionen der bekannten Welt; wer entscheidet, muss in alternativen Möglichkeiten und Szenarien denken; die Alternativszene der 1970er- und 1980er-Jahre hat der Öffentlichkeit einen Lebensstil vorgeführt, der durchaus evolutionäre Veränderungen in Gang gesetzt hat; der Konsumkapitalismus versorgt uns mit alternativen Konsummodellen.

Gerade das letzte Beispiel weist jedoch auf ein Problem mit den Alternativen hin. Ob die Wahl zwischen diesem oder jenem Konsumgut wirklich eine Alternative darstellt, ist die Frage. Und die Alternative zwischen politischen Parteien etwa weist oft nur auf gut eingeführte und bewährte Konfliktlinien hin, sodass dieses Entweder-oder bisweilen gar nicht als Alternative empfunden wird. Das weist auf ein logisches Problem hin, auf die Frage des tertium. Die Unterscheidung von A und B legt uns darauf fest, A als Alternative zu B und umgekehrt anzusehen. Sobald man sich an diese Unterscheidung gewöhnt hat, geraten Alternativen zu A und B aus dem Blick. Es gibt dann nichts Drittes mehr, das man sich denken kann, und zwar Drittes, das letztlich unbestimmt ist, also eine unbekannte Alternative, eine, mit der man gar nicht rechnen kann, weil sie gar nicht im Horizont auftaucht.

Wenn A geschieht, dann geschieht nicht B, wobei auch B ein möglicher Anschluss gewesen wäre. Diese einfache Negation beinhaltet freilich so etwas wie einen realistischen Fehlschluss. Woher weiß man, dass B ausgeschlossen wurde und nicht C? Und wer weiß das? Es ist deshalb notwendig, die Negation selbst noch einmal zu unterscheiden: in eine bestimmte Negation der anderen Seite einer beobachtungsleitenden Unterscheidung, zum anderen in eine unbestimmte Negation aller anderen möglichen, aber nicht mitvollzogenen Unterscheidungen.

Von unbestimmter Negation ist dort zu reden, wo die andere, die ausgeschlossene Seite im Dunkeln bleibt, gar nicht im Horizont möglicher Anschlüsse auftaucht und die Beobachtung eines Systems mit einem unbeobachtbaren Horizont ausstattet – der paradoxerweise nur ein Horizont werden kann, wenn er nicht mehr unbeobachtet bleibt und den es ohne eine solche Beobachtung gar nicht »gibt«. Alles, was geschieht, geschieht also in einem doppelten Horizont: im Horizont des sinnhaft, das heißt konkret und benennbar Ausgeschlossenen sowie im nicht eröffneten Horizont unsichtbarer anderer Möglichkeiten.

Ich kann das hier nicht weiterverfolgen, aber zumindest dies lässt sich sagen: Wer von Alternativen redet, redet allzu oft von allzu eingeführten, stabilen Alternativen, von solchen, die gar kein Drittes mehr kennen. Dass wir freilich so selten über solche geradezu ausgeschlossenen Alternativen reden, liegt daran, dass das ausgeschlossene Dritte eben ausgeschlossenes Drittes ist und deshalb kaum wirklich sichtbar werden kann.

Die Beiträge dieses Kursbuchs führen nicht einfach Alternativen vor, sondern diskutieren ganz in dem angedeuteten Sinne die Frage, wie Alternativen entstehen, wie sich ihre Bedeutung erschließt und wie Eindeutigkeiten und Mehrdeutigkeiten sich gegenseitig beeinflussen. So weist Ernst Mohr darauf hin, dass Markenbildung zwischen Alternativen und Alternativlosigkeiten oszilliert. Jagoda Marinić führt vor, wie sich der Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik ändert, wenn man sie aus einer anderen, einer ausgeschlossenen dritten Perspektive erzählt, nämlich der der Einwanderer. Stephan Rammler dekonstruiert die Alternative zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum, Astrid Séville streitet für Pluralismus als Antidot gegen den Populismus der Alternativlosigkeit. Karl Bruckmaier argumentiert so: Pop arbeite mit einem Heilsversprechen, könne aber keine Heilsgewissheit anbieten. Aber den Vorschein einer Alternative, das vermag Pop stets zu vermitteln.

Mein Gespräch mit Matthias Lilienthal, dem Intendanten der Münchner Kammerspiele, hat auch Alternativen zum Gegenstand. Lilienthals Vertrag wird wahrscheinlich nicht verlängert, weil der einen der Parteien in der Großen Koalition des Münchner Stadtparlaments seine Arbeiten als allzu alternativ zum klassischen Sprechtheater erscheinen. Grund genug, nicht darüber, aber über sein Konzept von Alternativen mit ihm zu sprechen.

Daniel A. Bell stammt aus Kanada und ist Politikwissenschaftler in Jinan und Beijing. Er hat sich einen Namen damit gemacht, die chinesische Meritokratie als legitime Alternative zur westlichen Demokratie darzustellen. Sein Beitrag diskutiert, was liberale Demokratien von der größten Einparteiendiktatur lernen könnten. Und Jan-Werner Müller diskutiert Parteipolitik nicht in dem Sinne, dass diese Alternativen im politischen Spektrum anbieten. Er weist vielmehr darauf hin, dass politische Akteure zunehmend andere, bewegungsnahe Organisationsformen annehmen, mithin also eine Alternative zur Parteipolitik etablieren.

Alternativen haben es stets mit Grenzen zu tun, mit Grenzen zwischen Wirklichem und Möglichem, zwischen dieser Beschreibung und jener, zwischen dieser Lösung und einer anderen. Mit der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten beschäftigen sich die Fotografien von Stefan Falke, einem deutschen Fotografen, der in New York lebt. Sie zeigen die Künstlerszene an dieser Grenze, die diese Leinwand für politische und kulturelle Projektionen künstlerisch bespielt. Wie Alexander Gutzmer in seinen Erläuterungen zu den Fotografien schreibt, arbeiten die Künstler nicht nur an der Grenze, sondern mit ihr.

Jeff Beers literarischer Text zwischen Lyrik und Prosa ist ein Erinnerungsstück – lesen Sie selbst. Spannend an ihm ist, dass er geradezu ästhetisch vorführt, welche Alternativen, welche unbestimmte Negationen der übliche Text hat, der konsistent berichtet, Brüche logisch organisiert und einem erwartbaren Aufbau folgt. Das ist das Besondere an der Literatur: Wie es geschrieben ist, ist so wichtig wie das, was geschrieben wird.

Wir danken Tim Renner für den 21. Brief eines Lesers.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Demnächst erscheint „Gab es 1968? Eine Spuren­suche“.