Kursbuch 177 – Editorial

Editorial
Armin Nassehi

Gerade als ich mit der Niederschrift dieses Editorials beginne, kurz, allzu kurz vor der Drucklegung, Peter Felixberger hat schon gemahnt und die Produktion wartet schon, bekomme ich eine E-Mail von einer Organisation, die sich um Studenten kümmert, Studierende jedenfalls empowern möchte. Worum es genau geht, weiß ich nicht, weil ich die beigefügten Links lieber nicht öffne. Angesprochen werde ich freundlich mit Dear Professor. Das ist schon fast persönlich. Unterzeichnet ist die Nachricht nicht mit einem Namen einer natürlichen Person, sondern mit einer URL, also mit einem Link, dem ich nicht folge. Eher unpersönlich das. Unter dieser Nicht-Unterschrift findet sich der folgende Hinweis: We value your privacy. Your information will not be shared.

Das beruhigt mich – zunächst. Denn zumindest muss der unpersönliche Absender meine E-Mail-Adresse haben – ich sehe nach und stelle fest, dass er nicht nur meine hat, sondern mehrere, denn die E-Mail ging an undisclosed recipients, also an ein unspezifisches Publikum, das zumindest auf Dear Professor hören muss und etwas mit dem empowerment von students zu tun hat. Der Absender hat also durchaus eine ganze Menge an Informationen über mich und teilt sie gerade. Der Absender dürfte ein (zugegebenermaßen recht simpler) Algorithmus sein, der aus allerlei Daten zwar undisclosed, aber durchaus handhabbare recipients identifiziert hat, von denen er hofft, dass einer der Links angeklickt wird. Ich werde nie erfahren, welche Folgen ein Klick gehabt hätte, schon weil mein eigenes Mailprogramm wenigstens Zweifel an der Mail hat, es könne Werbung sein. Vielleicht ist das nur eine Untertreibung meines schönen Mailprogramms aus Cupertino, CA. Ein anderes aus Redmond, WA, hätte wohl ähnlich untertrieben.

Diese E-Mail ist nun nichts Besonderes – aber sie zeigt deutlich, wie sehr wir, ob wir wollen oder nicht, in das verstrickt sind, was Gesa Lindemann in ihrem Beitrag die »Matrix der digitalen Raumzeit« nennt, in der wir für uns, aber nicht für andere unbemerkt Spuren hinterlassen und dann zu für uns undisclosed, für andere durchaus disclosed Adressen werden. Über die Folgen dieser neuen technologischen Potenziale wird derzeit viel nachgedacht – bis vor Kurzem vor allem im Hinblick auf ihre politischen, ökonomischen, moralischen, militärischen und rechtlichen Folgen. Dass das Thema sich freilich als Thema der Hauptnachrichten und der Feuilletons etabliert hat, ist wohl ein Zeichen dafür, dass es die Lebenswelt unseres Alltags erreicht hat – spätestens in dem Moment also, in dem diese technischen Potenziale nicht nur in unsere Privatsphäre eindringen – das tun sie schon länger –, sondern in dem Moment, in dem das nicht mehr unsichtbar bleiben kann. Wer hat nicht schon unpersönlich personalisierte Mails bekommen? Wer bekommt nicht zielgenaue Kaufempfehlungen? Und es hat sich sogar herumgesprochen, dass die Teilnahme an social networks nicht deshalb kostenlos ist, weil es sich dabei um ein Menschenrecht handelt, sondern weil es ein Geschäftsmodell ist, dessen Wertschöpfungskette mit den Daten beginnt, die dort freiwillig eingegeben werden. Sichtbar wird all das also in dem Moment, in dem es die Grenzen zur Privatheit nicht nur überschreitet, sondern porös werden lässt.

Diese Erfahrung nehmen wir zum Anlass für dieses Kursbuch Privat 2.0. Die Beiträge kreisen, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, um den neuen Kampf um Privatheit. Und sie begeben sich auf die Suche nach den neuen Schnittstellen zwischen öffentlich und privat. Und beschreiben ihre Konsequenzen auf unser Leben. Die ersten drei Beiträge holen historisch aus. Georg von Wallwitz rekonstruiert Lord Byrons Kampf um seine Privatsphäre als eine Parabel darauf, dass Privatheit sich immer schon dadurch definiert hat, dass sich andere dafür interessieren; der darauffolgende Beitrag sieht bereits am Beginn der Moderne einen Zusammenhang zwischen Datenerhebung und der Zurichtung von Privatheit; und Patrick Bahners führt Auseinandersetzungen um die Telefonüberwachung in den USA als eine frühe Form des Ringens um jene Grenze vor.

Wo anfangen, wenn Edward Snowdon recht hat? Es geht um die Frage der Konsequenz. Urs Stäheli diskutiert diesbezüglich Bedingungen, wie man nicht anschlussfähig sein kann. Es geht um Strategien, keine Antwort zu erhalten, woran Jan Schallaböck mit einer radikalen Forderung anschließt: Löscht die Daten! Wie der Kampf um Privatheit repolitisiert werden könnte, führt Evgeny Morozov vor, und Karl-Heinz Ladeurs Vorschlag der Etablierung von privaten Cyber Courts als rechtlicher Selbstregulierung des Netzes könnte eine der Formen einer neuen, kollektiv bindenden Gestaltung des Internets sein. Jörn Müller-Quade, Fachmann für Kryptographie und Datensicherheit, gibt nicht gerade beruhigende Einblicke in neue technologische Konstellationen rund um Big Data. Und Steffan Heuer zeigt, wie in Zukunft Arbeitsstellen uns finden und nicht umgekehrt – so ähnlich wie das anticipatory shipping, das Amazon gerade entwickelt, unseren Kaufwunsch schon erfüllt, bevor wir ihn geäußert haben werden, bewerben wir uns mit unseren Daten bei anderen Arbeitgebern, bevor wir womöglich den Wunsch verspüren, uns zu verändern. All das eben, wie schon mit Gesa Lindemann erwähnt, das Ergebnis von Spuren in der »Matrix der digitalen Raumzeit«.

Äußerst froh sind wir über Eric Jarosinskis »Memeia Moralia«. Jarosinski ist Betreiber des unglaublich erfolgreichen Twitter-Accounts @NeinQuarterly – der vielleicht ersten intellektuellen Plattform mit maximal 140 Zeichen, gehalten bisweilen im Stil Theodor W. Adornos, der kaum einen seiner Sätze in 140 Zeichen bekommen hätte. Jarosinski freilich fragt: Hätte Adorno getwittert? Antwort: Klar, hat er doch. Und zwar in Minima Moralia, die Jarosinski als Memeia Moralia rekonstruiert.
Private Rückzugsräume ganz eigener Art zeigen die Somalia Houses von Olaf Unverzart. Vielleicht gelingt nur noch in ihnen Privatheit? Ohne Strom- und DSL-Anschluss und ohne maschinenlesbare Sensoren. Aber vielleicht trügt der Schein auch.
Jakob Schrenk danken wir für die Fortführung unserer Kolumne
»Brief eines Lesers«. Suchen Sie sich eine private Nische und lesen Sie Privat 2.0 – wir werden es schon irgendwie erfahren!

München, im März 2014
Armin Nassehi

(weiterlesen im Kursbuch 177)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“.

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