Kursbuch 197 – Editorial

Der Verleger des neurechten Antaios-Verlages hat vor einigen Tagen eine Feinderklärung abgegeben. Auf seinem Blog heißt es: »Das grüne Kon­zept ist das der offenen Grenzen, der Dekonstruktion des Entstandenen, der Totalemanzipation des Ichs auf Kosten der Allgemeinheit, des Neu­baus der Gesellschaft und der moralistischen Weltordnung.« Es sei das Konzept, das das Gewachsene, das gewissermaßen Natürliche ver­nichte – auch das »Volk« als letzte Kategorie des Natürlichen, des Gewachsenen. Der Autor versteigt sich sogar dazu, an der Dekonstruktion des Volkes, an jener für ihn und seinesgleichen natürlichen Grundlage aller Kultur und Gesellschaft, den Punkt zu sehen, an dem aus dem po­litischen Gegner nicht nur ein Feind, sondern sogar ein »Todfeind« wird. Steht da so.

Aber, das muss man ihm zugutehalten, recht hat er. Das grüne Konzept ist in der Tat eines jenes Milieus, das sich in der postmaterialistischen Generation nach dem Zweiten Weltkrieg von fast allen Institutionen be­freien wollte, sie verflüssigt hat, Alternativen ausprobiert hat, Stehendes und Geltendes infrage gestellt hat. Nicht von den Grünen ist hier nur die Rede, sondern von einer gesellschaftlichen Pluralisierung, die tatsächlich dort Fragen stellt, wo man vorher nicht einmal Antworten brauchte. Es ist der angemessene Feind für diejenigen, die all das im Be­wusstsein einer quasi natürlichen Ordnung nicht wollen. Diese Feind­schaft hat sich das grüne Konzept redlich verdient. Es gibt nichts Schlim­meres, als von den Falschen zum Feind erklärt zu werden.

Aber ganz stimmt das mit dem Gewachsenen und der Natur nicht. Denn bei aller Verflüssigung klarer Bedeutungen und Zugehörigkeiten ist es gerade das Gewachsene, ist es die Natur, die dem grünen Konzept sogar seinen Namen gibt. Da geht es um Erhaltung der natürlichen Le­bensgrundlagen, um den Boden aller Horizonte, um die Frage des Bewahrens, auch einer gewissen Modernitätskritik. Nur das Volk und die Lebensformen, die haben sich nicht nur im grünen Konzept aus der Na­türlichkeit der Natur emanzipiert – und was das angeht, ist das Grüne tatsächlich zu einer neuen Normalität geworden –, so die Formulierung von einer der beiden Parteispitzen der Grünen, Robert Habeck, im Ge­spräch, das Peter Felixberger und ich mit ihm geführt haben.

Das grüne Konzept ist nicht identisch mit der politischen Partei der Grünen. Die »neue Normalität« ist das Grüne auch deshalb, weil seine Themen – die Pluralisierung von Lebensformen, die selbstbewussten Le­benskonzepte urbaner Mittelschichten, aber auch ökologische Fragestel­lungen und manchmal auch die Romantisierung des Natürlichen und die Moralisierung des Eigenen – weit über das eigentliche Milieu hinaus Geltung beanspruchen können. Das politische Grün ist auf dem Weg zur Volkspartei – da ist es wieder, das Volk. Das grüne Konzept selbst gilt weit über das unmittelbare grüne Milieu hinaus. Freilich ist das, was manche als »grüne Hegemonie« (Giovanni di Lorenzo) bezeichnen, eher ein Platzhalter für die Erfahrungen der lebensweltlichen Pluralisierungen und Liberalisierungen seit Mitte des 20. Jahrhunderts, aber die klassische industriegesellschaftliche Phase nach 1945, explizit ab Mitte der 1960er-Jahre wird auch gerne als die »sozialdemokratische Epoche« bezeichnet, ohne dass da nur Sozialdemokraten mitgewirkt hätten.

Dass das Grüne von rechts (und von richtig links) so sehr gehasst wird, ist nur konsequent. Der vielleicht interessanteste Wandel der Grü­nen und auch des grünen Konzepts – ich bleibe jetzt bei dieser Formulierung – besteht wohl darin, dass das Grüne Ende der 1970er-Jahre damit angetreten war, alle Institutionen plattzumachen, infrage zu stel­len und für überflüssig zu erklären, heute aber als große Verteidigung der klassischen staatlichen Institutionen und des bundesrepublikanischen Institutionenarrangements gilt. Das ist eine erstaunliche, aber durchaus konsequente Karriere. Übrigens gilt für die Rechten auf der Suche nach dem Feind die Kanzlerin als die grüne Amazone schlechthin.

Dieses Kursbuch hat einen Schwerpunkt auf dem politischen Grün, aber nicht nur, es befasst sich mit der Vergrünung des Denkens. Wir beginnen mit einem Beitrag des taz-Chefreporters Peter Unfried, wohl einer der besten Kenner des grünen Innenlebens, zugleich aber auch dessen schärfster Kritiker. Kaum jemand hat die inneren Wi­dersprüche zwischen hehren Idealen und dem konkreten Leben tugend­hafter Idea­­listen schöner auf den Punkt gebracht als Peter Unfried. Meine Lieb­lings­passage aus diesem Kursbuch: »Keiner hatte selbst zu Hause ein Atomkraftwerk in der Garage. Der Atomprotest war ideal mit der Vorstellung eines tugendhaften Weltbürgerlebens verknüpfbar, weil er die Alltagsnotwendigkeiten dieser Weltbürger nicht tangierte.«

Es folgt das schon erwähnte Gespräch, das die beiden Herausgeber mit Robert Habeck geführt haben. Das Gespräch changiert zwischen biogra­fischen und systematischen Perspektiven. »Uns fehlt im Moment eine Erklärung des gesellschaftlichen Zustandes«, sagt Habeck darin, und diese Einsicht ist in der Tat bereits Teil der Analyse. Biografisch ist auch der Blick von Karl Bruckmaier, der mit dem und den Grünen eine enttäuschte Liebe verbindet. Enttäuscht, weil die linke Bewegungshälfte ver­schwunden ist, immer noch Liebe, obwohl es ihm wie »eine flächen­deckende Rückbildungsgymnastik für einstige Utopisten« erscheint. Wolf Lotter nimmt den Widerspruch zwischen dem grünen Ideal der Selbstbestimmung und der gleichzeitigen Staatstreue des grünen Milieus aufs Korn, gepaart mit dem Vorwurf, diesem ökonomisch saturierten Bildungsmilieu fehle es vor allem an ökonomischer Bildung.

Einen ganz anderen Widerspruch – oder ist es gar kein wirklicher Widerspruch? – macht Oliver Jahraus aus. Er liest Ernst Jünger als einen grünen Vordenker, zumindest im Hinblick auf die modernitäts- und ent­­fremdungskritischen Elemente des ökologischen Denkens – Jahraus zieht hier Parallelen zu Martin Heidegger, aber auch zu Max Webers Perspektive auf die »Entzauberung der Welt«. Sein Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass man die Fragen, ob Jünger eher ein Wegbereiter des Nationalsozialismus war oder ein Vorläufer der ökologischen Bewegung, nicht isoliert voneinander betrachten dürfe.

Cordula Kropps Beitrag interessiert sich für grüne Inseln in der Groß­stadt. Kropp vergleicht hier zwei unterschiedliche Begründungsebenen des Urban Gardening – sie vergleicht solche Projekte in Leipzig und Nantes. Während der deutsche Fall eher an der ökologischen Frage ansetzt, ist das Projekt in Frankreich eher sozialpolitisch motiviert. Mit dieser Spannung zwischen ökologischen und sozialpolitischen Perspek­tiven beschäftigt sich auch Max Koch, der unter dem Stichwort einer »nachhaltigen Wohlfahrt« das Zusammenspiel sozial- und ökologiepolitischer Perspektiven auslotet.

Eine ganz andere grüne Insel in der Stadt nimmt der Beitrag von Irmhild Saake auf. Saake dekonstruiert darin das romantische und sym­metrisierende Naturkonzept des großstädtischen Grünkonzepts, das die Welt zum Zoo macht: »Was also machen wir mit diesen Zootieren? Wir sehen sie an und sehen dabei vor allem die Zäune und stellen uns vor, wie gut es den Tieren ginge, wenn sie frei wären. Aber als Zootiere, nicht als Raubtiere.« Also nicht als solche, die sich in einer wohldefinier­ten Nahrungskette jagen und fressen. Diese grüne Insel holt nicht die Welt in den Zoo, sondern projiziert die symmetrischen Ansprüche eines Milieus auf die Welt. Das Motiv des Einschlusses des Grünen, der Natur in urbane Räume, hier: hinter Glas, findet sich auch bei Mareike Vennen, die Beispiele für die Domestizierung der Natur als urbanisierten beziehungsweise urban vermessenen Raum zusammenträgt. Und Stefan Rammler gibt einen Überblick über nachhaltige Verkehrskonzepte, an denen sich alle Interessen, Perspektiven und auch Widersprü­che einer ökologischen Nachhaltigkeitsstrategie ablesen lassen.

Dass eine der ältesten Pflanzen, die auf der Erde leben, eine immergrüne Pflanze ist, hätten wir uns nie zu erfinden gewagt. Aber es ist so. Der Künstler Thorsten Baensch sammelt die Araukarie (Araucaria arau­cana) – als Fotografien in ihrem Habitat. Wundervolle Bilder, die die lange Geschichte des Grüns und eine Aussicht auf eine noch lange Zukunft geradezu meditativ nähren.

Svenja Flaßpöhler sei dafür gedankt, dass sie den 24. Brief einer Leserin beisteuert. Sie setzt sich hier kritisch mit der Initiative des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn auseinander, für die postmortale Organspende die sogenannte doppelte Widerspruchslösung einzuführen. Bezug nehmend auf dessen Beitrag in Kursbuch 196 rekonstruiert unsere Leserbriefschreiberin, dass diese Lösung tatsächlich durch die religiösen Motive inspiriert ist, die der Minister in seinem Beitrag aufgeführt hatte. Flaßpöhler sieht darin das Problem, nicht die Lösung.

Es ist immer wieder faszinierend, wie sich ein Kursbuch zusammenfügt – wir konzipieren zwar, wählen Autorinnen und Autoren aus, machen uns unsere Gedanken über die Inhalte, können sie aber nicht vollständig kontrollieren. Und am Ende passt dann doch alles wieder zusammen. Ist das nun eine Metapher auf die grüne Natur, in der sich alles fügt, oder auf den grünen Pluralismus, der am Ende meistens doch in allzu kollektivistischen Versöhnungsfantasien aufgeht? Nichts von bei­dem: Es ist die Evolution von Perspektiven, der wir ein wenig auf die Sprünge helfen wollen.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Gab es 1968? Eine Spuren­suche“.