Kursbuch 179 – Editorial

Editorial
Armin Nassehi

Georg von Wallwitz schreibt in seinem Beitrag, in der Parole der Französischen Revolution – Liberté, Égalité, Fraternité – sei die Dritte im Bunde, die Brüderlichkeit, ein Fremdkörper. Freiheit und Gleichheit seien diejenigen Mechanismen, die individuelle Eigeninteressen promovieren, Eigeninteressen, die die Brüderlichkeit mit dem anderen korrumpieren. Wallwitz bezieht das vor allem auf ökonomische Beziehungen, in denen etwa asymmetrisches Wissen ökonomisch hilfreich ist, unter Brüderlichkeitsaspekten aber eher nicht. Diese Art von Asymmetrien freilich scheint sich durch alle möglichen Beziehungen zu ziehen. Deshalb ist unsere Begriffsreihe Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung erwartbarer, als es auf den ersten Blick erscheint.

Die Beiträge in diesem Heft variieren allesamt diesen Zusammenhang zwischen Freiheit und Gleichheit auf der einen Seite und Ausbeutung auf der anderen, und das durchaus kontrovers. Die Beiträge von Erich Weede und Elmar Altvater etwa bestechen in ihrer Gegensätzlichkeit – aber vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit, denn beide stoßen auf eine merkwürdige Dialektik: Weede darauf, wie der Kapitalismus als Ungleichheitsgenerator die Voraussetzung für Demokratie schafft, und Altvater darauf, dass inkludierende Ausbeutung womöglich besser ist als die Exklusion aus allen Ausbeutungsverhältnissen. Eine deutliche Absage erteilt Gerhard Klas den sogenannten Mikrokrediten für die Armen, die nur selten die Freiheit der Kreditaufnahme in eine Freiheit der Lebensführung ummünzen – parallel dazu nimmt Elísio Macamo die inneren Widersprüche der expandierenden kolonialen Aufklärung aufs Korn, die Freiheit in Abhängigkeit und Asymmetrie ummünzt. Wirklich aufregend ist auch Sudhir Venkateshs Reflexion über die Gangsterökonomie im New Yorker Untergrund. Er zeigt, wie sich Unternehmertum, also die bewusste Übernahme von Risiken mit dem Ziel der Maximierung eigener Optionen, in den sogenannten Unterwelten nach den gleichen Regeln richtet wie in der sichtbaren Welt. Man weiß am Ende nicht, ob der ethnografische Soziologe Venkatesh die Ökonomie der Glaspaläste als Parabel auf die Gangsterökonomie führt, oder ob diese eine Parabel auf jene sein soll.

Jedenfalls zeigt er schön, wie sich gute Motive in ihr Gegenteil verwandeln können – und umgekehrt. Ähnliches hat auch Dirk Baecker im Blick, der in seiner furiosen Dekonstruktion des »Arbeitskraftunternehmers« den denunziatorischen Gehalt von »Arbeit« und »Unternehmer« aufnimmt, um diese beiden Seiten ganz neu zu ordnen und als eine Kippfigur darzustellen, die weder für Moral noch für Kritik taugt, aber Moral und Kritik anzieht. Auch Hansjörg Küster stößt auf eine Kippfigur: Die Forderung nach Schonung der Natur zielt darauf, eine Natur zu schonen, die selbst Ergebnis einer kulturgeschichtlich rekonstruierbaren Ausbeutung ist – einer Ausbeutung der Natur übrigens. Er plädiert für Strategien, die die Perspektive der gesamten Landschaft einnehmen, also nicht auf Reparatur an bestimmten Stellen, sondern als eine Strategie, die zwar lokal ansetzt, sich aber irgendwie aufs Ganze richten muss. Mit diesem Gedanken sind wir wieder am Anfang angelangt. Denn das ist genau das Problem: Man kann das Ganze benennen, aber gehandelt werden kann nur hier und dort. Das erzeugt neue Freiheiten und Gleichheiten, aber auch neue Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse.

Und es erzeugt merkwürdige innere Widersprüche, aus denen man auch beim besten Willen nicht herauskommt. Dorthe Nors’ kleine, schöne Erzählung »Der Buddhist« beschreibt jemanden, der beim besten Willen in etwas gerät, was er nicht will, oder doch? Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht, was man in den Bildern von Regina Schmeken sieht – und doch sieht man genau, was man sieht. Wir freuen uns sehr über diese beiden ästhetischen – literarischen und fotografischen – Beiträge. Thomas Palzer danken wir für die Fortführung der Leserbriefkolumne.

Ein Thema wird in diesem Kursbuch nicht behandelt – es ist das Thema der Selbstausbeutung. Der Autor, den wir darum gebeten haben, ein »Lob der Besessenheit« zu schreiben, eine Apologie der Selbstausbeutung, hat leider nicht geliefert. Es sollte kein Beitrag sein, der dafür wirbt, das Humankapital besser einzusetzen, abhängig Beschäftigte stärker in Anspruch zu nehmen, Kostensenkung durch Arbeitsverdichtung und Abwälzung von Risiken vom Unternehmen auf den Beschäftigten zu legitimieren. Es sollte eher um die Frage gehen, wie denn Innovation und Kreativität ohne Ausbeutung möglich sein kann, wenn man Ausbeutung wie Karl Marx dort beginnen sieht, wo der Arbeiter mehr leisten muss, als zu seiner Reproduktion nötig ist. Dass in der ökonomischen Rekonstruktion dieses Mehr bei Marx mitgemeint war, dass jener Mehrwert eben nicht dem Arbeiter, sondern Anderen zugute kommt, setzt ja nicht die Überlegung außerkraft, dass Innovation und Kreativität stets damit zu tun haben, mehrere Versionen eines nutzlosen Mehr zu produzieren, bevor es passt, mehr auszuprobieren, als funktionieren kann, vielleicht sogar besessen und wahnhaft ein Ziel zu verfolgen, das letztlich zum Scheitern verurteilt sein muss.

Man kann einwenden, dass das auf bürgerliche Formen unternehmerischer Risikostrategien zielt, oder eher auf künstlerische Tätigkeiten als auf Produktion und Arbeit. Und doch bleibt der Gedanke: Schöpferisches Handeln, also Handeln mit Überraschungswert setzt mehr voraus als die Erfüllung eines Plans. Mehr im qualitativen Sinne und mehr im quantitativen Sinne, manchmal mit selbstzerstörerischen Folgen, manchmal triumphal. Langer Rede kurzer Sinn: Unser Autor konnte nicht liefern, er hat die Aufgabe unterschätzt, er hat uns kurz vor Toresschluss gesagt, dass es nicht zu schaffen sei. Er konnte nur im Konjunktiv sagen, was er geschrieben hätte.
Es ist nicht üblich, über nicht geschriebene Beiträge zu berichten – und auch Autorenschelte ist unüblich. Allein, dies ist keine Autorenschelte, im Gegenteil. Wir möchten gerade diesem Autor danken, denn dass er nicht geliefert hat, ist fast eine Parabel aufs Thema. Denn gerade diese Art der Selbstausbeutung und Besessenheit, die wir dem Autor als Thema ans Herz gelegt haben, ist eben nicht planbar, nicht organisierbar. Man kann damit nicht rechnen – und man darf damit womöglich auch nicht rechnen. Insofern ist die Nichtrealisierung dieses Beitrags ein Beitrag zum Thema. Hier enthält bereits ein nicht geschriebener Beitrag mehr Informationen als mancher Beitrag, der viele Seiten in Anspruch nimmt. Den Widerspruch, dass all das nur sichtbar wird, weil nun doch in diesem Editorial darüber geschrieben wird, sehen Sie uns bitte nach.

(mehr lesen im Kursbuch 179)

München, im August 2014
Armin Nassehi

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“.

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