Kursbuch 176 – Editorial

Editorial
Armin Nassehi

Wir haben uns ein schwieriges Thema vorgenommen. Und mit unse­rer Frage, ob Moral gut sei, haben wir es noch einmal schwieriger gemacht. Denn damit ist sogar die Frage nach der Moral reflexiv zu einer moralischen Frage geworden. Unsere Autoren jedenfalls haben die Reflexivität aufgenommen und nicht einfach mit normativen und moralischen Fragen begonnen, sondern nach den empirischen Bedin­gungen des Moralischen gefragt. Der Pluralismus dieses Kursbuchs ist kein moralischer Pluralismus in dem Sinne, dass hier unterschiedli­che Moralkonzepte oder Moraltheorien um die besten Gründe ringen. Alle Beiträge nehmen die reflexive Frage danach, ob Moral gut sei, wirklich ernst und fragen nach den empirischen Bedingungen, unter denen sich moralische Fragen als moralische Fragen stellen.

Barbara Vinken arbeitet die Sexbesessenheit der kirchlichen Moral als eine moderne Verdrängung jeglicher Erotik heraus, welche die Kir­che zuvor sehr wohl kannte; Wolfgang Sofsky sucht nach den Gelegen­heiten und Bedingungen, unter denen das Böse sich Bahn bricht; Irmhild Saake spürt Symmetrisierungsprozessen nach, die buchstäblich alles ethisieren; Gert G. Wagner macht auf die Doppelmoral von Anti­-Doping-­Kampagnen aufmerksam; Birger P. Priddat fragt, wie morali­sche Ansprüche in wirtschaftliche Logiken übersetzt werden können; Peter Felixberger zeigt, dass sich Mindestlohn und Spitzensteuersatz nicht mit moralischer Eindeutigkeit austarieren lassen; Heinz Bude bringt das Kunststück fertig, die Figur des »Gutmenschen« zugleich zu dekonstruieren und zu verteidigen; Alfred Hackensberger arbeitet per Anschauung aus erster Hand die Bedingungen heraus, unter denen der Islam binnen weniger Jahrzehnte von einer religiösen zu einer moralistischen Bewegung mit zerstörerischem Potenzial mutierte; Rainer Erlinger bekennt sich sowohl dazu, ein Moralist zu sein, als auch, es nicht zu sein; und mein eigener Beitrag zweifelt an der Moral des Dia­logs der Kulturen. Stephan Lohr schließlich hat unsere Leserbriefreihe fortgesetzt.

In der kleinen autobiografischen Erzählung von dem in Frankreich lebenden Exil-­Algerier Mohammed Moulessehoul, der unter dem Pseudonym Yasmina Khadra publiziert, wird die Verstrickung unter­schiedlicher sozialmoralischer Ansprüche gegenüber dem jungen Er­zähler dargelegt. Zwischen dem militärischen Alltag, den väterlichen Erwartungen und den schriftstellerischen Aspirationen des Erzählers ist eine Vermittlung und Übersetzung geradezu ausgeschlossen.
Was alle Beiträge verbindet, ist der Verzicht auf Eindeutigkeit, auch der Verzicht auf letzte Gründe, erst recht der Verzicht auf normative Sicherheit – im Zentrum steht freilich in diesem Kursbuch die Bild­strecke. Der Reporter und Fotograf Uli Reinhardt fotografiert seit Jahrzehnten in den Krisen-­ und Kriegsgebieten der ganzen Welt. Er hat in seinen Bildern nicht einfach Kriegs-­ und Krisenfolgen dargestellt und dokumentiert, sondern auf eine sehr eindringliche Weise die fundamentale Verletzlichkeit von Menschen ins Bild gesetzt. Diese Bilder können nicht relativiert werden. Sie klagen vor dem Gerichtshof des Mitleidens an und setzen dabei etwas um, das zu den großen Errun­genschaften des modernen Rechts gehört – und sie tun das dort, wo diese Errungenschaft nicht wirklich gilt.
Das Verhältnis von Moral und Recht ist ein sehr komplexes und schwieriges Verhältnis. Ohne Zweifel enthalten moderne Rechtssysteme moralische Intuitionen von Gerechtigkeit und zivilisatorischem Interessenausgleich. Das Recht ist sogar in der Lage, zivilisiert mit Zivilisationsbrüchen umzugehen. Es ist aber vor allem dazu da, Erwartungssicherheit zu gewährleisten, normative Erwartungen zu stabilisieren und dies so zu generalisieren, dass das Recht für alle gilt – auch für das Rechtssystem selbst übrigens.

Reinhardt kommentiert seine Bilder unter anderem mit dem Satz, sie erzählten von Menschen, die sehr gerne in einer Welt mit Moral leben würden – zugleich gilt aber, dass viele der Schicksale, die man auf den Bildern nur erahnen kann, auch durch Gewalt und Herrschaft hervorgebracht wurden, die im Namen einer unbedingten höheren politischen, religiösen, rassistischen oder sonstigen ideologischen Moral gehandelt hatte. Für die Moralisten unter den Kriegsherren sind die Menschen auf den Bildern nur Kollateralschäden, die sonst nicht sichtbar werden – bedauernswert, aber eben unvermeidlich. Uli Reinhardt gibt diesen ein Gesicht.
So gesehen, schützt das moderne Recht bisweilen vor zu extremer Moral und zwingt auch den Moralisten mit unbedingten Zielen dazu, sich an stabilisierte normative Erwartungen zu halten – was wie­derum Ausdruck des komplexen Verhältnisses von Recht und Moral ist.
In einem Punkt aber ist dieses Verhältnis nicht komplex, sondern ebenso einfach wie konstitutiv. Moderne Rechtssysteme in demokratischen Verfassungsstaaten werden von einer Minimalmoral getragen, von der letztlich alles andere abhängt. Gemeint ist die Errungenschaft, dass das moderne Recht von moralischer Anonymität geprägt ist. Menschen sollen vom Recht als eigenschaftslose Wesen registriert werden – das heißt, dass die Würde und der Wert, der rechtliche Status und die rechtlichen Pflichten eines Menschen durch die bloße Tatsache gegeben sind, dass es sich um einen Menschen handelt.

Würde und Rechte sind nicht an Eigenschaften oder sonstige Qualitäten gebunden, sondern die Rechte gelten in diesem Sinne unbedingt für jeden Einzelnen gleich. Wir haben uns an diese Errungenschaft gewöhnt, aber sie ist eine hochvoraussetzungsreiche Errungenschaft, die letztlich besagt, dass niemand zurückgelassen werden darf. Generalinklusion aller in das Rechtssystem bedeutet: Jeder erfährt, wenigstens potenziell, dieselbe Achtung und damit denselben moralischen Wert. In jedem Einzelnen sind letztlich alle aufgehoben – anders kann ein modernes Rechtssystem nicht funktionieren. Deshalb muss das Recht vom Einzelnen absehen, und deshalb sind Justitias Augen ver­bunden.
Uli Reinhardts Bilder verfolgen auf den ersten Blick das Gegenteil. Sie machen das Vermögen und die Unverwechselbarkeit der Einzelnen nicht unsichtbar, sondern sichtbar. Ihre Bildlichkeit setzt einen sehenden, nicht einen blinden Beobachter voraus. Und die Bilder sind nicht anonym, sondern geradezu verstörend intim, weil hier menschliche Existenz auf ihre Faktizität und Bedürftigkeit heruntergebro­chen wird. Darin aber verfolgt Reinhardt die gleichen Intuitionen, die auch die moralische Grundlage des modernen, generalinklusiven Rechts ausmachen: Keiner darf verloren gehen. Indem hier die unterschiedlichen Eigenschaften, das ganz unterschiedliche Leiden, ganz unterschiedliche Brüche und Unaussprechliches gezeigt werden, entsteht eine Gemeinsamkeit, welche die bloße Faktizität der abgebildeten Menschen als moralischen Geltungsanspruch formuliert. Zu sagen, wir freuten uns, diese Bilder präsentieren zu können, hätte etwa Zynisches. Wir sind aber Uli Reinhardt dankbar für seine beeindruckende Bildauswahl.

München, im Dezember 2013
Armin Nassehi

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss.

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