Kursbuch 192 – Editorial

Es ist dies das 145. Kursbuch seit dem Kursbuch 47 mit dem Titel „Frauen“, das 1977 erschienen ist. Ob die damaligen Autorinnen – es waren tatsächlich ausschließlich Autorinnen – damals gedacht haben, dass es nach 40 Jahren erneut ein Frauen-Kursbuch geben würde?
Wir wissen es nicht, haben uns die Frage aber selbst gestellt. Ein Frauen-Kursbuch in einer Zeit, in der Rechtsnormen wenigstens in unseren Breiten geschlechtsblind geworden sind? Ein Frauen-Kursbuch in einer Zeit, in der sich die Semantik der Geschlechter im Vergleich zu 1977, von 1967 oder 1957 ganz zu schweigen, radikal geändert hat? Ein Frauen-Kursbuch in einer Zeit, in der die Rede von »der Frau« längst dekonstruiert ist, feministisch, epistemologisch, empirisch? Ein Frauen-Kursbuch angesichts einer jungen Generation von Frauen, deren Selbst­bewusstsein als Frauen mit dem früherer Generationen kaum vergleichbar ist? Radikaler formuliert: Lohnt sich ein Frauen-Kursbuch überhaupt?

Wir drucken einen der Texte aus dem 40 Jahre alten Kursbuch Frauen wieder ab, nämlich „Power Frauen!“ von Karin Reschke. Es ist ein dunk­­­ler, ein fast pessimistischer Text. Es ist ein Text, der einerseits ein be­gin­nendes Selbstbewusstsein für Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten beschreibt, der Versuche beschreibt, wie sich Frauen beruflichen und familiären Zwängen zu entziehen versuchen. Andererseits beschreibt er die Macht einer Praxis, die jenes Selbstbewusstsein immer wieder korrumpiert. Untereinander seien Frauen in entsprechenden Initiativen selbst­bewusst und stark, aber zurück in den praktischen Zwängen ihrer Familien und Arbeitsplätze bleibe davon nicht viel übrig. Was Reschke beschreibt, ist die Widerständigkeit einer Gesellschaft, die oftmals stär­ker ist als der Wunsch ihrer Akteure, an ihren Praktiken etwas zu ändern. In der kurzen Vorbemerkung zu dem Wiederabdruck konstatiert Reschke durchaus einen Fortschritt, wähnt die Dinge auf einem guten Weg, deutet an, dass sich gegenwärtige Feministinnen vielleicht allzu sensibel zeigen und auch dort Diskriminierung wittern, wo sie womög­lich nicht zu finden ist, aber dass die Frauenfrage, wenn man das so alt­modisch ausdrücken will, noch lange nicht gelöst ist. Aber lesen Sie selbst!
Man könnte vielleicht in Analogie zu Kant argumentieren, der 1784 auf die selbst gestellte Frage, ob wir in einem aufgeklärten Zeitalter leben, meinte: Nein, wir leben in einem Zeitalter der Aufklärung. So scheint es sich hier auch zu verhalten. Progress als work in progress, könnte man sagen.
Dieses Editorial ist der einzige Text dieses Kursbuchs, der von einem Mann geschrieben wurde. Ob die folgenden Sätze davon bestimmt sind? Kann man nicht wissen. Aus meiner Perspektive – und das sieht der andere Herausgeber genauso – ist ein Frauen-Kursbuch trotz aller Dekonstruktion des Geschlechts, trotz aller erreichten Gleichstellung der Geschlechter, trotz der Feminisierung vieler Teile der Gesellschaft, trotz eines erheblichen Selbstbewusstseins von Frauen, die explizit als Frauen sprechen, und trotz einer ohne Zweifel liberaler und pluraler gewordenen Kultur nicht nur möglich, sondern nötig. Gerade an diesem Thema lässt sich eindrucksvoll sehen, wie weit formale Gleichstellung und ihre informelle Umsetzung, wie weit semantische Verstärkungen und konkrete Praktiken, wie weit Ansprüche und Wirklichkeiten voneinander entfernt sind. Das gilt übrigens für beide Seiten: für Männer, aber auch für Frauen selbst, die in mancher Hinsicht womöglich die Fremdzurechnung als Frau in eine praktische Selbstzurechnung übersetzen, die strukturell gar nicht so weit von dem entfernt ist, was Karin Reschke 1977 beschrieben hat. Nicht nur Männer sehen in Frauen nur Frauen, sondern auch die Praktiken von Frauen erzeugen Frauen.

Um nicht missverstanden zu werden: Es scheint eine praktische Form zu geben, mit der sich Männer und Frauen als Männer und Frauen verhalten, selbst dann, wenn sie gerade darüber reden, dass ihre Argumente mit dem Geschlecht des Argumentierenden nichts zu tun haben. Über diese Stabilität hinter dem Rücken der Akteure muss man sich wundern – übrigens auch darüber, dass der Grad des Wunderns darüber bei den beiden Seiten sehr ungleich verteilt ist.
Es gibt wohl kaum eine ostentativere Form der Sichtbarkeit als diejenige, die an Frauenkörpern hängt – was sich ziemlich bescheuert anhört, weil auch Männer Körper haben. Aber als Männer werden sie nur sichtbar, wenn Frauen dazukommen. Und die ostentative Form der Zur­schaustellung von Männerkörpern – etwa in der Werbung – muss sich am Bild der Frau messen lassen. Wo Männerkörper immer schon hingehörten – im Sport zum Beispiel –, sind sie keine Männerkörper. Zuvor spielte das Geschlecht tatsächlich keine Rolle, nämlich weil keine Frauen sichtbar waren. Wir unterscheiden dort, wo es einen Unterschied macht. Aber auch dort, wo es eigentlich keinen machen müsste. Aber keinen Unterschied macht es nur dann, wenn man keine Männer und Frauen sieht, oder besser: wenn man keine Frauen sieht. Frauen, so schreibt Margarete Stokowski in ihrem Beitrag, würden »immer noch viel stärker als körperliche Wesen wahrgenommen«, und Männer verschwänden »in einer nahezu körperlosen Neutralität«.
Das Mysterium besteht wohl darin, dass auch in Bereichen der Gesellschaft, in denen es ganz offenkundig nicht um Geschlechterunterscheidungen geht und das Geschlecht des Handlungsträgers (ge­nerisches Maskulinum, sonst wäre der Satz sinnlos!) für die Sache selbst keinen In­for­mationswert hat, die jeweilige Geschlechterpräsenz dennoch eine Rolle spielt. Aber warum scheitern nur weibliche Dax-Vorstände öffentlich, männliche aber selten? Wohlgemerkt: selten öffentlich oder wenigstens weniger öffentlich! Nur weil es weniger davon gibt? Und Frauen einen Körper haben?

Diese Fragen sind nach wie vor ungelöst – und vielleicht sind sie heute noch schwieriger zu beantworten als 1977. Denn die Provokation besteht ja darin, dass nach 40 Jahren wirklich anders geredet und gedacht wird. Dass nach 40 Jahren wenigstens konfessionell das meiste erreicht scheint und trotzdem fast alles gilt, was Karin Reschke 1977 berichtet hat, ist die Provokation – es gilt in veränderter Form, aber was die Asymmetrie von Frauen und Männern angeht, sehr wohl ähnlich. Es scheint bis tief in die Praktiken der Gesellschaft hinein eine Asymmetrisierung zu geben, die sich nicht einmal durch die stärksten Symmetrie­bekenntnisse auflösen lässt. Dass sich dies zumeist in Machtkonflikten niederschlägt – etwa bei der Frage sexueller Machtausübung –, ist ja nur ein Hinweis darauf, dass es um stabile Asymmetrien geht. Deren Stabilität ist das Merkwürdige, das erklärt werden muss. Deshalb darf, deshalb muss auch 2017 noch über »Frauen« geschrieben werden.

Wir haben unsere Autorinnen gebeten, sich dieser Asymmetrie anzu­nehmen und das Terrain zu vermessen. Sie nähern sich alle von unterschiedlichen Seiten dem Gegenstand. Der Unterschied zum Kursbuch 47 jedenfalls wird dadurch markiert, dass der Gegenstand damals klarer war. Auf die Idee zu kommen, ob man die Frage nach den Frauen über­haupt stellen solle/könne/dürfe, war gar nicht möglich, denn es ging darum, die Frage zunächst überhaupt zu stellen. Heute muss mit Anführungsstrichen begonnen werden. Paula-Irene Villa tut das explizit, um die Gegenstandskonstitution schon schriftästhetisch auf den Begriff zu bringen, während Tatjana Schönwälder-Kuntze in ihrem Beitrag über die Frage der Prominenz von Judith Butler auf dem Gebiet die Idee der Kritik mit imaginären Anführungsstrichen belegt. Und Christina von Braun nimmt ebenfalls die Frage sich verflüssigender Kategorien und die ziemlich stabilen Kritikformen dagegen aufs Korn. Gertrud Lehnerts Perspektive auf die Mode als angebliches »Frauenthema« überrascht mit einer Konsequenz, die ich so ausdrücken möchte: Die weibliche Vielfalt und Sequenzialität des Modischen lässt Frauen als geradezu akzidentell erscheinen, während die Unveränderlichkeit des Modischen des männlichen Anzugträgers gewissermaßen wie die Beharrlichkeit der Substanz erscheint. Unsichtbarkeit als Existenznachweis gewissermaßen. Um Unsichtbarkeit geht es auch bei Jasmin Siri, die über die Unsichtbarkeit rechter Frauen nachdenkt und zu dem Schluss kommt, dass Weiblichkeit hier als Strategie eingesetzt wird. Als Potenzial erscheint Weiblichkeit in dem Beitrag von Barbara Thiessen, die eine Entdramatisierung, aber auch Marginalisierung von Care-Arbeit durch ihre Vergeschlechtlichung diagnostiziert.

Ein wirklich bemerkenswerter Beitrag ist der von Shila Meyer-Behjat. Sie berichtet über die persische Frauenrechtlerin Tahiri, die es 1848 wagte, auf einer Versammlung von Gelehrten ihr Kopftuch zu entfernen und eine Erneuerung von Religion und Gesellschaft zu fordern. Ihren Weg aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit bezahlte Tahiri wenige Jahre danach mit ihrem Leben. Es ist ein historischer Fall, aber auch eine Parabel auf die Asymmetrie der Sichtbarkeit.
Die Bilder der aus Afghanistan stammenden Hamburgerin Moshtari Hilal können geradezu als Parabel auf den Topos Sichtbarkeit versus Un­sichtbarkeit gelesen werden, der sich durch dieses ganze Kursbuch zieht. Ihre Frauenporträts sind Skizzen, die eben nicht porträtieren, sondern mit dem Weglassen spielen. Sie reduzieren die gezeigten Gesichter auf etwas Wesentliches, das aber nicht gleich sichtbar wird. Sie bewegen sich, so sagt sie selbst, zwischen theoretischen und therapeutischen Welten und sind auf der Suche nach marginalisierten Identitäten. Ihr besonde­rer Reiz liegt aber darin, dass sie auf ostentative Identitätszumutungen verzichtet und damit viel Raum für Deutungen und Assoziationen bietet.
Identität ist das Thema von Widad Nabi. Die Geschichten einer »Frau am Spreeufer« der aus Aleppo geflohenen kurdischen Syrerin changieren zwischen der Suche nach konkreter Herkunft und universa­len Schicksalen. In einem Interview mit Amnesty International betonte die Auto­rin in diesem Jahr, wie sehr sich Kriegs- und Zerstörungserfahrungen überall ähneln, sie erwähnt auch die Kriegserfahrung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, und wie sehr es die Literatur sei, die hier auf Gemeinsamkeiten, ja Universalität der Erfahrung hinweisen könne und müsse. Bewegend ist, wie sie hier berichtet, dass sie sich, auch nach dem Verlust ihrer eigenen Bibliothek, deutschsprachige Bücher gekauft habe, bevor sie ein Wort deutsch konnte – gewissermaßen als ein Versprechen auf zukünftige Zugehörigkeiten.

Ein besonderer Dank gilt Lilly Murmann, die bei der Vorbereitung dieses Kursbuchs einen ersten Aufschlag mit Themen- und Namensvorschlägen gemacht hat und die Konzeption dieses Kursbuchs maßgeblich mitgestaltet hat.
Sonja Zekri schließlich gilt unser Dank dafür, dass sie den 20. Brief einer Leserin geschrieben hat.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft“.

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