Kursbuch 185 – Editorial

Editorial von Armin Nassehi

Von Georg Simmel stammt der schöne Satz, die »Bewohner des Sirius« seien uns »nicht eigentlich fremd«. In diesem Satz aus einem der klassischen Texte über den Fremden drückt sich die ganze Paradoxie des Fremden und des Fremdseins aus. Fremd zu sein heißt nicht, wirklich fremd zu sein – wenigstens nicht in dem Sinne, das, was das Entfernteste und damit auch Unsichtbarste sei, sei das Fremde. Fremd zu sein ist vielmehr ein Beziehungsmodus. Es ist eine soziale und kulturelle Kategorie, es ist etwas, worüber wir mehr wissen, als wir zugeben wollen. Gerade über das Fremde wissen wir oft viel mehr als über das Eigene, denn das Fremde zu bestimmen scheint wichtiger zu sein als das Eigene. Es ist bedrohlich – und muss durch Benennung eingefangen werden. Es ist exotisch – und eignet sich deshalb für Projektionen und Geschichten. Es ist unsicher und unerklärbar – was stets besonders sicher erscheinende Erklärungen nach sich zieht.

Zur Erfahrung mit dem Fremden gehört freilich auch, dass diese Erfahrung auf sich selbst stößt. Erst die Begegnung mit dem Fremden weist das Eigene als das Eigene aus – schon aus logischen Gründen. Dies gehört übrigens zur Grunderfahrung Europas, das über die Konfrontation mit dem Fremden, mit fremden Erdteilen und Lebensformen, Religionen und Kulturen usw., entdeckt hat, dass auch das Eigene nur eine Version unterschiedlicher Möglichkeiten ist. Und sobald man das Eigene beschreiben muss, fällt auf, dass es sich wie das Fremde verhält: Es wird durch die Beschreibung nicht unbedingt sicherer, schon weil man es auch immer anders beschreiben muss. Deshalb haben diese Beschreibungen auch darauf gepocht, dass das Eigene möglichst nur von autoritativen Sprechern beschrieben wird, die das Erhabene der eigenen Nation, Konfession, Religion usw. besonders pathetisch auf den Begriff bringen konnten. Das Eigene ist das Fremde der Anderen – wie das Andere eben nur das Fremde des Eigenen ist.

Aus diesen Konfusionen gibt es kein Entrinnen mehr, sobald Beobachtungen darauf stoßen, dass auch andere beobachten – und dann auch noch anders. Und noch konfuser wird es, wenn man erfährt, dass all die Eigenheiten und Fremdheiten womöglich auch Artefakte der Beschreibungen und Beobachtungen sind – und am konfusesten wird es, wenn man das aufdeckt und feststellt, dass man es nicht einfach lassen kann. Die Aufklärung über diese Sachverhalte hilft nicht, sie zu überwinden, sondern zieht uns noch weiter in den Strudel des Beobachtens und Unterscheidens, des Befremdens und Aneignens hinein.
Von alldem handelt dieses Kursbuch mit dem Titel Fremd sein – ein Thema, das nicht aktueller sein könnte, denn in den öffentlichen Debatten Europas ist derzeit von kaum etwas anderem die Rede als davon, wie wir mit dem Fremden und mit den Fremden umgehen wollen – und irgendwie werden wir uns dabei selbst fremd, vor allem, wenn man diejenigen sieht, die sich als Anwälte des Eigenen aufspielen. Die Beiträge dieses Kursbuchs machen sich weder zu Anwälten des Eigenen noch zu Anwälten des Fremden. Wenn sie überhaupt plädieren, wie es sich für Anwälte gehört, plädieren sie dafür, die Widersprüche und Paradoxien des Fremden und des Eigenen auf den Begriff zu bringen. Sie machen das auf unterschiedliche Weise.

Julia Kristeva etwa macht erneut darauf aufmerksam, welche konstitutive Differenz zwischen den Menschenrechten und den Bürgerrechten besteht – die ersteren universal und für alle gültig, die letzteren nur für die (politisch definierten) Eigenen. Sie zeigt freilich auch, dass das Eine ohne das Andere nicht zu haben ist. Alfred Hackensberger dreht die Perspektiven von Eigenem und Fremdem um und beobachtet uns als die Fremden, die wir für Migranten und Flüchtlinge sind – und zeigt zugleich, wie ähnlich sich hier allzu viel Wissen über das Fremde angesammelt hat, das es fast unmöglich macht, einfach dafür zu plädieren, das Fremde zu schätzen. Diese sehr lehrreiche Perspektivenverschiebung dreht übrigens nicht einfach die Beweislast um, sondern zeigt, wie sehr sich das Fremde aus den unterschiedlichen Beobachtungsperspektiven wechselseitig befremdet. Naika Foroutan stellt die Frage, wie lange man fremd bleibt, und weist darauf hin, dass viele Debatten auf allzu naiven Annahmen darüber beruhen, wie homogen die Eigenen und die Fremden gedacht werden. Sie zeigt auch, wie sehr sich in Deutschland hybride Identitäten etabliert haben, die sich der binären Codierung des Eigenen und Fremden schon lange nicht mehr fügen. Die Empirie sei weiter als die Beschreibung.

Mita Banerjee erinnert uns an die US-amerikanische Geschichte der Einbürgerung – daran, dass auch Iren, Italiener und Griechen in den USA einmal als »colored« galten und letztlich nur dadurch zu »Weißen« wurden, weil es die »Schwarzen« gab. Das ist ein klassischer Fall, der zeigt, wie hybride und instabil auch das Eigene ist. Sie spricht von einer Odyssee, die Fremde durchmachen müssen, um Eigene zu werden. Alan Poseners Beitrag über den Juden als die paradigmatische Figur des Fremden weist wohl am deutlichsten auf die Funktion des Fremden, des vertrauten Fremden für die Identifizierung des Eigenen hin. Er rekonstruiert eine Geschichte, die noch auf den unsichtbaren, darin aber besonders wirksamen Antisemitismus von heute aufmerksam macht, nämlich auf einen Antisemitismus, der das Jüdische als das Andere in geradezu zwanghafter Manier anruft – bisweilen gegen die konkreten Intentionen des Sprechers.

Der Jude sei der Fremde, der das Fremde ins Land hole, schreibt Posener, also derjenige, der stets der Stachel im Fleisch jenes Eigenen ist, das nur stabil ist, wenn man nicht fragt und wenn man jemanden ausgrenzen kann.
Der Beitrag von Thomas Kron und Pascal Berger nimmt die Figur des Terroristen ins Visier und kommt zu dem Ergebnis, dass Terroristen, hier in Gestalt islamistischer Terroristen, keineswegs nur die Anderen sind: Sie sind oftmals Europäer oder solche, die in Europa aufgewachsen sind beziehungsweise ausgebildet worden sind; sie sind aber auch diejenigen, die ihre Differenz als unmittelbare Reaktion auf den Westen definieren. Jedenfalls sind sie nicht die »ganz Anderen«, sondern stets nur in unmittelbarer Abhängigkeit beziehungsweise in Beziehung zu jenen zu verstehen, für die sie als das Fremde schlechthin erscheinen – eben wie Georg Simmel es beschrieben hat: Fremd zu sein ist eine besondere Form der sozialen Beziehung, also ein Modus der Nähe, nicht der Distanz.

Der Beitrag von Wolfgang Schmidbauer und mein eigener nehmen Fremdheit aus einer anderen Perspektive auf, nämlich die prinzipielle, unüberwindliche Fremdheit der Menschen füreinander und für sich selbst. Vom prinzipiell »inneren Fremden« spricht Schmidbauer, dessen Fremdheit anzuerkennen eine Bedingung für den therapeutischen Prozess sei. Ganz ähnlich ist aus einer soziologischen Perspektive die Fremdheit des Anderen als prinzipiell unüberwindlich anzusehen, was erst den Bedarf an Nähe und einer Simulation von Verständigung und Identität ausmacht. Während der Therapeut auf die Wahrung der Fremdheit achten muss, gelingt das der Gesellschaft nicht, obwohl sie letztlich fremd bleiben muss – sonst gäbe es sie nicht. Dieses Streben danach, die Fremdheit des Sozialen zu überwinden und doch immer wieder in der Eigenheit der Bemühungen stecken zu bleiben, thematisiert Bilal Tanweer in dem Ausschnitt aus seinem Roman Die Welt hört nicht auf. Auch diese Bemühungen hören nicht auf, weil sie eben stets nur bis zur nächsten Befremdung reichen.

Spektakulär ist die Bildstrecke von Florian Beaudenon. Seine Fotografien zeigen, wie sensibel man »von oben herab« sehen kann. Es sind Menschen in privaten Momenten und intimen Situationen, deren Fremdheit anrührend ist. Fremd deshalb, weil die abgebildeten Personen unbeobachtet aussehen und ganz bei sich sind – weil niemand zuschaut. Es ist ein seltenes Erlebnis, dabei zuschauen zu können. Die Ästhetik der Bilder ist unaufgeregt – und darin sind sie wirklich aufregend. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich das Fremde hier in Bildern so unaufgeregt zeigt.

Die Komposition dieses Kursbuchs soll einen Eindruck davon vermitteln, dass das letzte Wort über das Fremde noch lange nicht gesprochen ist – gerade weil derzeit so viele so genau wissen, wie es sich mit den Fremden verhält. Das erste Wort freilich hat Gregor Dotzauer, der unsere Kolumne »Brief eines Lesers« mit der nun 13. Folge fortführt. Vielen Dank dafür!

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Editorial von Armin Nassehi, Kursbuch 185 „Fremd sein!“, März 2016

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