Kursbuch 188 – Editorial

Editorial von Armin Nassehi   Frieden, verstanden als die Abwesenheit von Krieg, von geplanter oder roher Gewalt, von militärischen Auseinandersetzungen, von Tod und Zerstörung seinem Gegenteil vorzuziehen ist, ist trivial. Weniger trivial ist, von welchem Frieden die Rede ist. In der Kriegstheorie von Clausewitz war der Krieg letztlich das Mittel, der Frieden der Zweck, der sich freilich vom Kriege her verstand. Insofern hat der Krieg mehr Informationswert, weil er eben als Mittel Sichtbareres erzeugt als sein Derivat, der Frieden. Man mache nur den Test und suche nach Medienmeldungen über den Krieg und solchen über den Frieden. Der Krieg kommt gewissermaßen aus eigener Logik vor. Er ist für sich eine Meldung wert. Er hat Ereignischarakter und macht damit einen Unterschied. Der Frieden ist dagegen nichts, das aus eigener Kraft einen Informations­wert hätte, sondern nur als negativer oder (wie man will) positiver Ge­genwert des Krieges.

In diesem Kursbuch geht es um Temperamente. Der kalte ist dem hei­ßen Krieg allemal vorzuziehen – und erstaunlicherweise gilt das auch für den Frieden. Wir nennen dieses Kursbuch Kalter Frieden, weil wir skeptisch sind, dass ein »heißer Frieden«, also einer, der starke Voraussetzungen im Hinblick auf gemeinsame Bekenntnisse, auf fried­liche Mobilisierung, auf starke Gefühle und hohen Energiefluss hat, unrealistischer ist als ein kalter Frieden. Ein kalter Frieden gibt sich schon damit zufrieden, dass die zivilisatorische Eisdecke hält – denn je heißer der Frieden begründet wird, desto heißer müsste er auch verteidigt werden. Vielleicht ist die größte Utopie, alle Amplituden möglichst niedrig zu halten. Deshalb legen wir ein Kursbuch vor, das sich in erster Linie mit Temperamenten beschäftigt. Die Beiträge ringen alle um das angemessene Maß an kühlem Temperament.

Wolfgang Schmidbauer weist darauf hin, wie brüchig die zivilisa­torische Eisdecke ist, wenn es zu Selbstgefühlskrisen kommt, Karsten Fischer weist auf die zivilisatorische Leistung des Irrtumsvorbehalts bei allen Entscheidungen hin, und Ulrike Guérot plädiert dafür, die Frie­densordnung Europas endlich von ihrer Kriegsgeschichte zu emanzipieren.

Bernd Stiegler zeigt, wie selbst die bildliche Darstellung des Grauens in Zeiten des kalten Friedens der Selbststabilisierung dient. Deniz Yücel rekonstruiert die Geschichte der Türkei, deren innerer Frieden stets an ziemlich heißen Konfliktlinien mühsam und oft wenig erfolgreich ver­tei­digt werden musste, und Manon Clasen und Stephan G. Humer ­machen drauf aufmerksam, dass das Internet anders, als der erste ­Eindruck im Hinblick auf den semantischen Zivilisationsverlust in den so­zialen Medien suggeriert, ein weniger gefährlicher Ort ist, als man bisweilen erwartet. Mein eigener Beitrag weist darauf hin, dass Gesellschaften nur pazifiziert werden müssen, weil sie es nicht per se sind.

Klaus Hofmanns literarisches Stück handelt von einer fiktiv-utopischen Republik Kanaan, die das heutige Israel mit den Palästinensern in einem Staat vereinigt. Das Stück ringt um niedrigschwellige Formen eines friedlichen Zusammenlebens und ist ebenfalls vor allem temperamentsensibel.

Die Beiträge dieses Kursbuchs entfalten keine gemeinsame Program­matik, kommen aber aus ganz unterschiedlichen Perspektiven dar­auf, welcher Vorteil es sein könnte, das, was uns zusammenhält, möglichst niedrigschwellig und kühl zu halten. Das ist weniger pathetisch als andere Lösungen, aber produziert dann vielleicht auch weniger Pathologisches, wenn man den Verlust zivilisatorischer Selbstkontrolle mit guten Gründen für einen ungesunden Zustand hält.

Die Fotografien des österreichischen Atomkraftwerks Zwentendorf das nie ans Netz gegangen ist, also kalt und friedlich blieb, sind gerade in ihrer aufdringlichen Kälte faszinierend. Micha Pawlitzkis Aufnahmen negieren das Pathos geradezu pathetisch!

Wir danken Johann Hinrich Claussen für den 16. Brief eines Lesers.

Editorial von Armin Nassehi, Kursbuch 188 „Kalter Frieden“, Dezember 2016
Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Deutschland. Ein Drehbuch“ (zu­sam­men mit Peter Felixberger)

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