Kursbuch 171 – Editorial

Wo es mehrere Alternativen gibt, wird optimiert, denn es gibt stets eine bessere und eine schlechtere Möglichkeit. Insofern ist das Optimieren geradezu unvermeidlich. Alles, was geschieht, geschieht im Horizont anderer Möglichkeiten. Das gilt für die gesamte belebte Natur ebenso wie für die kulturelle Entfaltung von Möglichkeiten. Dass wir von natürlicher und kultureller Evolution sprechen, ist unmittelbarer Aus­druck dieser gegenwartsbasierten Problemstellung, dass auch an­deres möglich wäre und wir selektiv auf verschiedene Möglichkeiten zugreifen müssen. Dass wir dabei stets die bessere Lösung suchen, gilt als ausgemacht – und dort, wo die Lösung sich als eher nicht so gut herausstellt, wird sie im Falle der natürlichen Evolution als bloße Variation verschwinden und nicht weiterverfolgt. Im Falle der kulturel­len Evolution und Auswahl von Möglichkeiten wird die zweitbeste Möglichkeit bisweilen nachträglich als die bessere ausgegeben – man hat es ja nicht besser wissen können.

Die Beiträge in diesem Kursbuch setzen an diesem Grundgedanken an: dass wir die Wahl haben und dass wir stets vor diese Wahl gestellt sind. In der Kybernetik nennt man Evolutionsprozesse zustandsdeterminierte Prozesse – sie können je nur die Möglichkeiten wahrnehmen, die sich ihnen auch stellen, das heißt die Möglichkeiten, für die ent­sprechende Gelegenheiten und Mittel anwendbar sind. So ist alles, was geschieht, auch als Problemlösung anzusehen, selbst wenn die Lösung das Problem ist – immer aber mit der Überzeugung, das zu tun, was getan werden muss, und damit das Gegenteil zu vermeiden. Insofern zeichnen sich komplexe Systeme stets durch eine merkwürdige Kom­bination aus innerer Ruhe und Unruhe aus. Sie sind stabil und lassen uns erwarten, was geschieht. Aber sie sind zugleich hinreichend in­stabil, um sich an sich selbst, an eine Umwelt, an geänderte Rahmen­bedingungen, an Erwartungen, auch an Zufälle anzupassen. Anpas­sung und Abweichung, Stillstand und Fortschritt, Wirklichkeit und Möglichkeit sind stets aufeinander bezogen – und Zustände sind jenes Optimum, das sich aus den konkreten Gegenwarten ergibt.

Optimierung ist Selbstanpassung – oder wie Birger Priddat es in seinem Beitrag ausdrückt: »Wir müssen die Rationalität neu definieren: ›Wähle die beste Möglichkeit‹ bezieht sich dann nicht auf das, was extern angeboten wird, sondern auch auf sich selbst: ›Wähle dich als deine Möglichkeit.‹« Damit spricht Priddat an, worum es uns in diesem Kursbuch geht. Nicht ums Optimieren, sondern ums Besseroptimie­ren. Das ist doppeldeutig – doppeldeutig deshalb, weil sich letztlich alles als Optimierungsstrategie ansehen lässt, nun aber das Optimie­ren selbst zum Thema wird. Noch einmal am Beispiel des Beitrags von Priddat: Der Kapitalismus hat einerseits die Güterproduktion und -­distribution radikal optimiert, er hat überdies jene Identitäten hervor­ gebracht, nach denen sich Individuen selbst und den Markt optimie­ren – aber zugleich hat diese Art Optimierung jene Versprechungen nicht eingehalten, mit denen sie die Motive erst befeuert hat, die den Kapitalismus optimiert haben: dass die Menschen erfüllter und glück­licher werden.

Es gehört vielleicht paradoxerweise zu den Optimierungsgewinnen unserer Zeit, dass wir danach fragen, ob Optimierungen stets optimal sind – irgendwie kann man es sprachlich gar nicht korrekt ausdrücken. Jedenfalls werden Optimierungsfolgen und ihre Voraussetzungen re­flexiv. Wenn wir also »Besser optimieren« als Titel wählen, spotten wir nicht übers Optimieren, wie Ingo Rechenberg vermutet hat, als wir ihn um einen Beitrag gebeten haben. Gerade sein aus der Perspektive eines Ingenieurs und Bionikers geschriebener Beitrag zeigt sehr eindrucks­voll, dass Optimierungen stets nur dann gelingen, wenn eine angemes­sene Selbst-­ und Fremdanpassung gegeben ist.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Deutschland. Ein Drehbuch“ (zusammen mit Peter Felixberger).

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