Editorial – Kursbuch 189

Von Armin Nassehi    »Er lügt wie gedruckt« – das Urteil, das sich in diesem Sprichwort ausdrückt, ist erst auf den zweiten Blick plausibel. Mündlich zu lügen, müsste viel einfacher sein, weil der Sprechakt in dem Moment verschwindet, in dem er ausgesprochen wurde. Der mündliche Alltag ist ja geprägt davon, dass wir uns irgendwie durch Bewährungsräume hindurchlavieren, in denen es darauf ankommt, mit möglichst wenigen sozialen und physikalischen Kollisionen durchs Leben zu kommen. Dabei das Gesagte an Erwartungen, an Situationen, an Erfolgsbedingungen, auch an taktvolle Unwahrheiten anzupassen, ist unvermeidlich. Sollte es also heißen: »Er lügt wie gesprochen«?

Dass die Lüge eher in gedruckter Form auftaucht, liegt wohl daran, dass es erst die Schrift ist, die so etwas wie Wahrheitsansprüche formulieren kann – Wahrheitsansprüche, die kontextübergreifend auch für andere Situationen gelten als die, während derer der Satz geschrieben wurde. Wahrheit ist ein Schriftkorrelat – weil man eben auf das festgelegt werden kann, was man geschrieben hat. Beim Sprechen bedarf es der Erinnerung, die sich ihre Wahrheit bekanntlich performativ so zurechtlegen kann, dass die Dinge dann doch passen. Und mündliche Kommunikation kann sich zunutze machen, dass es unpräzise bleibt.
Das Schriftliche wird zur Präzision gezwungen – wenigstens prinzipiell. Und deshalb fällt die Lüge – oder das, was wir dafür halten – auch an der schriftlichen Form eher auf. Und vielleicht hat es der politische Populismus deshalb auch so leicht, im konkreten Moment mündlich zu lügen und damit durchzukommen, zugleich aber auf das Geschriebene zu verweisen, dem die Lüge schon dadurch anhaftet, dass es Wahrheitsansprüche formuliert. Die Lügenpresse hat es schwerer als der Lügensprecher.

Dieses Kursbuch liegt in gedruckter Form vor. Es wird also auf Präzision festgelegt und vermeidet daher in seinen Beiträgen eine allzu tugendhafte Selbstfestlegung darauf, nur die Wahrheit zu sagen. Die Beiträge befassen sich vielmehr damit, in welcher Gestalt der Vorwurf der Lüge oder des flexiblen Umgangs mit Wahrheiten – was immer das sei und welcher Art auch immer – erhoben wird und in welchen Konstellationen die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge überhaupt auftaucht.

So zeigt etwa Matthias Hansl in seinem Beitrag, dass der politische Lügner durchaus einen Nerv, vor allem aber den richtigen Ton trifft. Der Vorwurf der Lüge ist performativ sehr wirksam. Ahnlich weist Barbara Zehnpfennig darauf hin, dass wir uns an die Relativierung der Wahrheit gewöhnt haben, nicht aber an eine ähnliche Relativierung der Lüge. Nur die Ideologen könnten klar zwischen politischer Wahrheit und Lüge unterscheiden – alles andere finde in einem schwierigen Graubereich statt.
Für diese performative, vor allem orale Seite der Lüge interessiert sich mein eigener Beitrag – »oral« nicht psychoanalytisch gedacht, sondern medial. Jan-Werner Müller lotet das Verhältnis von Populismus, Demagogie und Lüge aus. Keineswegs sei der Populismus stets eine Lüge. Aber, so Müllers These: Die eine große Lüge, nämlich die, dass es ein homogenes Volk mit einem authentischen Willen gebe, ziehe kleinere Lügen nach sich. Die fast ironische Diagnose lautet also, dass der Populist lügen muss, um konsistent bleiben zu können.

Ludger Heidbrink und Alexander Lorch beobachten, dass die geradezu überbordende Rede von der Verantwortung in Unternehmen in einer Zeit stattfindet, in der komplexe Organisationen die Verantwortung des Einzelnen geradezu wegarbeiten. Der kommunikative Überschuss an Verantwortung sei damit etwas Postfaktisches. Fritz Breithaupts und Martin Kolmars »kleine Geschichte postfaktischer Autoritäten« beginnt mit der Beobachtung, dass das streng Faktische immer schon die Ausnahme gewesen sei, und in meinem Gespräch mit André Kieserling kommt der schöne Satz vor, von »Lüge« zu sprechen sei oft schon deswegen unangebracht, weil den Leuten mit der Wahrheit nicht wirklich gedient sei. Dieser Satz bezieht sich zwar auf den (therapeutischen) Umgang mit Lebenslügen, trifft aber tatsächlich die performative, also praktische Seite der Differenz von »Wahrheit« und »Lüge«.

Gerhard Waldherr begibt sich dorthin, wo und worüber man am besten lügen kann, ins Feld nämlich, wie man ethnologisch sagen würde. Er sucht Heimaten, Gelegenheiten, Geschichten, Widersprüche auf an unspektakulären Orten, und zeigt, wie ambivalent sich die Dinge darstellen, wann man sie wirklich darstellen wollte. Dass es ganz unterschiedliche Blicke gibt, die die Dinge wahrheitsgemäß abbilden können, zieht dem Lügenvorwurf den Zahn.
Wie sehr wir uns an die Pluralität von Wahrheiten im politischen Diskurs gewöhnt haben, zeigt Peter Felixberger am Beispiel der öffentlichen Debatte um soziale Gerechtigkeit. Auf den ersten Blick sieht die Debatte aus wie eine Kapitulation vor möglichen Ergebnissen. Aber es hat doch auch eine zivilisatorische Qualität, dass die unterschiedlichen »Semantikcontainer«, wie Felixberger sagt, durchaus einen modus coexistendi finden, oder? Ob das gerecht ist? Wenigstens lügt keiner. Oder doch?

Cord Riechelmann sucht nach Potenzialen des Lügens im Tierreich und kommt zu dem Befund, dass es durchaus Täuschungsversuche bei verschiedenen Arten gibt, dass aber die explizite Lüge wohl eine sehr menschliche Erscheinung ist. Eine allzu menschliche, wie man Claudia Pichlers Analyse von Gerhard Polts sensiblen Beschreibungen entnehmen kann. Polt hat die Gabe, auf Selbstbeschreibungen hinzuweisen, die sich selbst dementieren und die das ungewollt Gesagte sichtbar machen. In diesen manchmal tragischen Geschichten ist gar kein Platz und oft auch gar kein Potenzial für die Lüge.

Sind die Fotografien von Walter Schels Lügenbilder? Oder zeigen sie mehr Wahrheit, als man ertragen kann? Sehen Sie selbst.
Wir freuen uns über den nunmehr 17. Brief einer Leserin, diesmal verfasst von Sabine am Orde. Vielen Dank dafür.

Editorial von Armin Nassehi, Kursbuch 189 „Lauter Lügen“, März 2017
Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Deutschland. Ein Drehbuch“ (zu­sam­men mit Peter Felixberger)

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