MONTAGSBLOCK /27

Heut mal etwas allzu abstrakt und etwas ganz anderes: Was macht eigentlich eine Theorie plausibel? Warum erscheint uns eine bestimmte Theorie zutreffender als eine andere? Warum finden wir bestimmte Denkungsarten gut, andere nicht? Ich rede jetzt als Wissenschaftler: Der Königsweg ist der, dass Theorien das Ergebnis von empirischer Forschung sind, man also die Güte einer Theorie daran erkennen kann, ob sie zutrifft oder nicht. Forschung soll ja genau das leisten: zu entscheiden, ob eine Hypothese zutrifft oder nicht. So etwas bringen wir auch unseren Studierenden bei – mit Recht, denn welche Kriterien sollte es denn für wissenschaftliche Theorien sonst geben als das harte Kriterium, ob dies oder jenes der Fall ist?

Zunächst: Wissenschaftliche Forschung hat keinen direkten Zugriff auf ihren Gegenstand, sondern muss methodisch kontrolliert werden und stößt dabei auf die eigene Beobachtung. Es macht einen Unterschied, was ich messe, welches Messgerät ich verwende, welche Methode ich anwende, welche Theorien und Modelle meine Beobachtung lenken usw. Wissenschaft ist stets selbstbezüglich. Sie kommt mit selbst erzeugten Daten zu Aussagen über die Welt, die freilich nicht einfach positiv vorliegt, sondern methodisch zugerichtet werden muss. Für einen Sozialwissenschaftler: Es macht einen Unterschied, wen ich befrage, ob ich standardisiert oder offen befrage, ob ich überhaupt befrage oder andere Quellen verwende. Es macht schon einen Unterschied, ob ich so oder anders frage. Hinter diese Selbstbezüglichkeit kann man nicht zurücktreten. Und doch werden von Wissenschaft klare Aussagen erwartet.

Warum aber gibt es dann in der Wissenschaft so unterschiedliche Aussagen über den gleichen Sachverhalt oder dieselbe Fragestellung? Warum produziert Wissenschaft oft nicht einmal eindeutige Replikationen, selbst wenn man den Forschungsprozess standardisiert? Warum erzeugen wissenschaftliche Berater oftmals mehr Unsicherheit, als vorher bestand, bevor man Wissenschaft konsultiert hatte?

Nach meinem Dafürhalten wird unterschätzt, wie stark die Plausibilität wissenschaftlicher Aussagen etwas mit der Ästhetik ihrer Argumentation zu tun hat. Damit meine ich nicht, ob die argumentierenden Personen schön anzusehen sind oder die Präsentation eines Ergebnisses ästhetisch überzeugen kann. Gemeint ist eher, dass sich Denkungsarten durchaus ästhetisch unterscheiden können. Ästhetisch heißt: Die Form muss plausibel sein. Es sind letztlich Formen, die bereits vor aller empirischen Arbeit überzeugen müssen. Man kann fast sagen: Nur eine Theorie oder eine Denkungsart, die eine gewisse Ästhetik hat, wird mich überzeugen, bevor ich mit der Überzeugungsarbeit beginne. Nicht, dass wissenschaftliche Theorien und Denkungsarten unter Kunstverdacht geraten sollen, aber es geht schon darum, ob ihre Gestalt überzeugt.

In meinem Fach, in der Soziologie, gibt es sehr unterschiedliche Schulen und Denkungsarten, die sich ihrem Gegenstand manchmal radikal verschieden nähern. Welche man wählt und welche plausibel sind – dafür gibt es kaum übergeordnete Kriterien. Aber was es gibt, ist tatsächlich ein ästhetischer Zugang, also die Frage, welche Form am ehesten überzeugt. Es gibt Theorien, die dadurch überzeugen, dass sie stark verfremden und das Bekannte in möglichst unvertrauten Begriffen wiedergeben wollen. Es gibt Theorien, die vor allem kulturelle Räume des Vertrauten und Unvertrauten sehen. Es gibt Theorien, die an die rationale Transparenz des Handelns oder an die utilitaristische Logik des eigenen Vorteils glauben und mit diesen unpräzisen Prämissen Daten einer selbsterzeugten Präzision herstellen. Es gibt Theorien, die gerne von bewusster Repräsentation absehen und sich ausschließlich auf Praktiken kaprizieren. Es gibt Theorien, die in der sozialen Welt einen großen geradezu animistischen Schuldzusammenhang sehen. Es gibt Theorien, die geradezu obsessiv nur Männer und Frauen sehen. Es gibt Theorien, die jegliche Asymmetrie für illegitim halten. Es gibt Theorien, die die Gesellschaft für einen umbaufähigen Gegenstand halten. Es gibt sogar Theorien, die alles Soziale für politisch halten.

Ich selbst präferiere Theorien, die sich für den Eigensinn von Prozessen interessieren und darin auf die Paradoxie der Selbstbezüglichkeit stoßen. Solche Theorien – ich nenne hier keine Namen – halte ich für wissenschaftlich klüger als fast alles andere, zumal die meisten interdisziplinären wissenschaftlichen Innovationen der letzten Jahrzehnte solche Theorien waren. Aber das ist es nicht, warum sie wirklich plausibel sind. Es überzeugt vor allem die Form dieser Art Theorie, die in der Lage ist, noch die Selbstbezüglichkeit der Wissenschaft selbst abzubilden. Nur solche Theorien können übrigens das sehen, worum es mir hier geht: dass Theorien sich an der eigenen Selbstbezüglichkeit scharfstellen und viel weniger an einem objektiven Gegenstand. Nur diese Ästhetik kann mit der Paradoxie umgehen, die darin aufscheint – und muss sie nicht unironisch unsichtbar machen. Vielleicht können nur solche Theorien heute wirklich kritisch sein, aber das wäre ein weiteres weites Feld.

Ich würde am Ende fast sagen: Solche Theorien sind schöner als andere. Sollte das Wahre, Schöne und Gute doch enger zusammenhängen, als wir bis vor Kurzem dachten? Ich finde: ein schöner Gedanke.

Armin Nassehi
MONTAGSBLOCK /27, 27. Februar 2017

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