MONTAGSBLOCK /77

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Wenn ich einen Montagsblock schreiben muss, mache ich mir ungefähr eine Woche vorher Gedanken darüber, worüber ich schreiben möchte. Meistens wird es etwas anderes als das, was ich mir als Erstes vorgenommen habe. Das Thema pflegt zu gären und sich in meinem Kopf zu entwickeln, manchmal verwirft es sich wieder, meistens kann ich bei Unentschiedenheiten auf andere Gedanken umstellen, weil ja noch nicht entschieden werden muss. Spätestens am Samstag vor dem Blockmontag freilich erhöht sich der Zeit- und damit der Entscheidungsdruck. Zumeist schreibt sich der Text dann aber fast von selbst.

Auch diesmal ist es etwas anderes als ich mir vorgenommen habe, aber diesmal ist es anders. Die ganze Woche wurde in den Feuilletons und in den sozialen Netzwerken übers Framing verhandelt – anlässlich eines Gutachtens, das sich die ARD bei einem Berkeley-Institut erworben hat, das mit der UC Berkeley offenbar nur marginal zu tun hat. Ich habe mir also vorgenommen, dass ich auf keinen Fall übers Framing schreibe, auf gar keinen Fall. Dass ich es jetzt doch tue, bestätigt ja eigentlich die Regel, dass es meistens anders kommt, als ich es mir anfangs vorgenommen habe. Aber was ist anders? Anders ist zweierlei: Einerseits könnte ich fast auf die Idee kommen, dass ich Opfer eines Frames geworden bin, der mein Gehirn dazu zwingt, nun doch zu tun, was ich gar nicht wollte. Das hätte das Framing ja bestätigt. Andererseits hätte ich mit dem Vorsatz, übers Framing zu schreiben, zumindest der Determinationsthese widersprochen, nach der es Veränderungen im Gehirn seien, die mich dazu gebracht hätten, den Frame-Frame zu wählen und auch zu seiner Stabilisierung beizutragen. Hätte dann eigentlich die Gegenthese gegen das Framing die These bestätigt? Oder ist das gar die List der Framing-Vernunft, dass das Framing als Marke stabilisiert wird, ob man nun dafür oder dagegen spricht?

Nun, ich weiß nicht, was mein Gehirn so tut. Ich jedenfalls will gar nicht übers Framing reden – und in einem gewissen performativen Widerspruch ist die Explikation, es nicht tun zu wollen, schon die eigene Dementierung. Aber ich rede aus anderen Gründen nicht übers Framing – denn die Sache selbst ist ja an Banalität nicht zu übertreffen. Dass diejenigen, die Macht über Begriffe und Sprechweisen haben können, damit politisch (oder marketingtechnisch) etwas anrichten können, wussten wir bereits. Was wir übrigens auch wussten, ist, dass die gleichen Leute, die solche Dinge anrichten, sich selten auf die Determination fremder Gehirne verlassen, sondern gerne auch auf Zwangsmaßnahmen außerhalb des Nervensystems setzen.

Also, die Sache selbst ist banal, und wenn die ARD klug genug ist, wird sie das Manual nicht eins zu eins anwenden und auf Begriffsbildungen verzichten, die allzu peinlich sind. Die Rundfunkgebühr ist eben eine Rundfunkgebühr, und wenn man sie eine Gemeinwohlabgabe nennt, kann man nur auf die Dummen setzen, die es nicht merken. Die kann man übrigens auch meist nicht mit dem Gemeinwohl beeindrucken.

Bemerkenswert ist aber, und insofern bin ich dankbar, dass ich nun doch aufs Framen geframet wurde, welche Denkungsart hinter dieser ganzen Sache steht. Kürzen wir einmal die Banalität der semantischen Luftherrschaft weg und nehmen wir an, dass man intelligentere Begriffe und Erklärungen finden kann als die vorgeschlagenen und denken wir uns Eseleien wie die von Detlef Esslinger in der Süddeutschen Zeitung weg, der meint, wer die Framing-Thesen kritisiere, wolle eher Medien wie Fox News statt ARD und ZDF, dann bleibt am Ende nur der banale Streit übrig, wie es geschickter Begriffs- und Identitätspolitik gelingen kann, hegemonialen Status zu erreichen.

Interessant ist an all dem zweierlei: Wenn Unsinn nur im Namen des Guten vertreten wird, muss man nicht so genau hinsehen – so ähnlich tönt es aus den Debattenbeiträgen. Wenn man nur die Fox News verhindern kann, dann wird schon was dran sein. Und auch wenn es nicht gelingt: es gewollt zu haben, darf dann schon gereicht haben. Man wundert sich darüber, was unter manchen Kalotten so vor sich geht. Übrigens macht die Behauptung, dass Frames unvermeidlich seien, zugleich aber im Plural vorkommen, die ganze Sache irgendwie bedeutungslos. Als Soziologe könnte man dann etwas darüber sagen, dass soziale Milieus, soziale Erwartungen, Typisierungen usw. wirkmächtig, stabil und widerständig sind, aber durchaus infrage gestellt werden können.

Aber dies ist noch bedeutender: Die Framing-Sache kommt deshalb mit so großer Autorität daher, weil sie ihre Thesen mit einem Schuss Determinismus ausstattet. Die eigene Unfähigkeit, inhaltliche Herausforderungen gegen die „Rechten“ und die „Populisten“ zu bestehen und dräuende Gefahren im Hinblick auf alle möglichen kolonialisierten Gehirne abzuwehren, wird dankbar dadurch unsichtbar gemacht, dass man das Problem naturalisiert und formalisiert. Die Gehirne wurden falsch programmiert. Nun müssen sie umprogrammiert werden. So eine Art Update oder Softwarewechsel. Man müsse sich nur wehren, weil die Rechten uns programmieren. Seit heute wird zurückprogrammiert!

Das jedenfalls ist der – horribile dictu! – Frame, in dem sich diese Diskussion bewegt. Man wähnt sich von den Rechten dämonisch programmiert – und wenn nicht sich selbst, dann den fehlgeleiteten Nachbarn, mit dem man gar nicht mehr reden kann, weil sein Gehirn schon kolonialisiert wurde. Was also tun? Selbst Framen!

Der autoritäre Traum, der sich darin zeigt, hat eine Menge mit Mathematik zu tun. Hier werden formale Systeme, also mathematisch abbildbare Programme als Vorbild für das komplexe Geschehen in einem Gehirn genommen (ganz abgesehen davon, dass Bewusstsein und Gehirn hier identisch gesetzt werden). Aber spätestens seit David Hilberts berühmter Frage, ob Mathematik vollständig, konsistent und entscheidbar sein kann und spätestens seit Kurt Gödels negativen Antworten aus den 1930er Jahren, die unter dem Titel der Unvollständigkeitssätze bekannt sind, kann man wissen, dass solche Formen des Determinismus schon aus logischen Gründen ausgeschlossen sind.

Selbst wenn das Gehirn ein formaler Algorithmus wäre, könnte es nicht in der erwarteten Weise determiniert werden. Nun ist das Gehirn zugleich weniger und mehr als ein programmierter und programmierbarer Algorithmus – wenn eine Leseempfehlung erwünscht ist, dann weise ich auf das Buch „Who’s in Charge?“ von Michael S. Gazzaniga hin, bei dem man viel darüber lernen kann, dass selbst die radikalste Naturwissenschaft auf Uneindeutigkeiten stößt, die Vollständigkeit, Konsistenz und Entscheidbarkeit im Hinblick auf die Operationsweise des Gehirns geradezu ausschließen.* Was unter logischen Gesichtspunkten Gödels Unvollständigkeitssätze sind, ist unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten die Nichtdeterminierbarkeit dessen, was das Gehirn mit sich selbst macht, und das ist unter kybernetischen Gesichtspunkten die Frage der Gleichrangigkeit von Kontrolleur und Kontrolliertem.**

Nein, das kann hier nicht zu Ende diskutiert werden, aber es wirft ein Licht darauf, wie dankbar eine verunsicherte Öffentlichkeit in sensibler Weise vorführt, dass sie gerne geordnete, wenn man so will: programmierbare Verhältnisse hätte. Sie hofft gar nicht auf die Zone der Unschärfe, die Lösungen auftauchen lässt, in denen ein besseres Argument platziert werden könnte, in denen es darauf ankommt. Sie hätte es gerne eindeutig. Es ist eine Öffentlichkeit, die übrigens in ihrer Selbstverunsicherung jegliche Kritikfähigkeit verloren hat und nur noch die Pose der Selbstvergewisserung kennt.

Und so stoßen wir dann doch auf mehr Regelmäßigkeit und Erwartbarkeit, als der Sache guttut. Ich habe mit Peter Felixberger unter dem Titel „Deutschland. Ein Drehbuch“ den Versuch unternommen, öffentliche Debatten nachzuzeichnen. Wir sind auf Regelmäßigkeiten gestoßen – darauf, dass die Leute ihre Rollen spielen und sehr erwartbar argumentieren. Es hat eine gewisse Ironie, dass das auch für die Diskussion um das Framing gilt. Der engagierte Kommentar des bereits erwähnten Herrn Esslinger warnt vor der Verfoxung von ARD und ZDF, die Bild-Zeitung fragt ganz unschuldig, ob man uns an der Nase herumführen will (dabei wissen die, wovon sie reden), Kritiker der Gemeinwohlabgabe sehen sich ebenso bestätigt wie die sensiblen Nichtrechten, die immer schon wussten, dass sie die Hegemonie verloren haben, die natürlich keine war, sondern das angestammte Recht derer, die auf der richtigen Seite stehen. Man kann froh sein, dass das auch für die Vertreterin des One Woman-Instituts mit dem großen Namen gilt. Gar nicht auszudenken, wenn sie auf der falschen Seite stünde.

All das ist so langweilig wie stets. Und doch beunruhigend: Wo ist eigentlich der systematische Ort für Kritik, für Kritikfähigkeit, für das Ausbrechen aus diesen Routinen? Komme keiner mit Frames. Es reicht, sich ein wenig zu bemühen. Dafür sorgt schon die mathematische Unvollständigkeit aller formalen Systeme – und die Unschärfe, die jede Situation auch enthält. Der Ort der Kritik ist selten dort, wo man ihn vermutet, am seltensten bei denen, die es gerne deterministisch hätten.

Zur Ehrenrettung übrigens der schon erwähnten Münchner Tageszeitung sei gesagt: In der Samstagsausgabe hat Gustav Seibt in einem bemerkenswerten Beitrag die Untiefen der Framing-These gut auf den Begriff gebracht. Es gibt sie also, die Räume, in denen man sich den allzu erwartbaren Sätzen entziehen kann. In diesem Raum finden Sie übrigens auch das Kursbuch! Und dieser Raum war es wohl auch, der mich über das Framing hat schreiben lassen, nicht mein fehlprogrammiertes Gehirn.

*Michael S. Gazzaniga: Who`s in Charge? Free Will and the Science of the Brain. The Gifford Lectures 2009, New York: HarperCollins 2011
** Ranulph Glanville: Objekte, Berlin: Merve 1988.

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /77, 25. Februar 2019