Kursbuch 193 – Brief eines Lesers (21)

Älteren Kursbuch-Lesern, so wie ich es bin, fällt die Visualisierung des Wortes »alternativ« leicht: Fast zwangsläufig tauchen bei der Nennung dieses Wortes ehemalige Mitschüler aus den 1970er- oder 1980er-Jahren vor dem geistigen Auge auf. Gewandet sind diese in Latzhosen und abgetragenen Bundeswehrparkas, tragen Holzschuhe (sogenannte Clogs) an den Füßen, um den Hals ist zumeist ein Palästinensertuch gezwirbelt. Diese »Alternativen« waren verspätete Hippies. Leider fehlte ihnen der Humor der 68er, und über progressive Gesellschaftsentwürfe diskutierten sie auch nicht wirklich gerne. Dafür hörten sie hergebrachtee Bots, neueRockmusik wie BAP und di Technologien (»Atomkraft? Nej tak«) waren für sie Teufelszeug und das Strickzeug bei den Männern war ein Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit. Kurz: Diese jungen Herrschaften waren Konservative – allerdings ohne selbst zu ahnen, dass sie das sind.

Spätestens seither ist das Wort »alternativ« nicht mehr ein Synonym für eine fortschrittliche Variante zum gesellschaftlichen Status quo. Was sich alternativ nennt, ist nun im Gegenteil in der Regel rückwärtsgewandt und lehnt die Moderne ab. Das belegt die »Alternative Music«, ein kontemporäres Rock-Genre, welches sich aus Punk und dem ihm nachfolgenden New Wave speist, also Musik von gestern mit Musikern von heute konserviert. Ebenso die »alternative Medizin«: Auch sie propagiert nicht etwa die neusten Erkenntnisse aus der Forschung, sondern basiert auf der Wiederentdeckung tradierter Heilmethoden. Ganz eindeutig wird die wundersame Wandlung des Worts »alternativ« spätestens mit der »Alternative für Deutschland« kurz AfD: Deren Parteiprogramm verspricht eine Art Restauration der deutschen Gesellschaft im Sinne der 1950er-Jahre. Reaktionärer geht alternativ kaum. Nur noch neofaschistischer: Das sind die Ideologien, die man in den USA unter den Namen »Alt-Right« zusammenfasst.

Alternativ funktioniert nur mit einem Gegenstück. Dieses Gegenstück, zu dem man eine Alternative darstellt, ist aus Sicht der Alternativen die Mehrheitsmeinung, der Mainstream. Wenn das als Monstranz vor sich her getragene »alternativ« konservativ oder reaktionär konnotiert ist, muss der Mainstream also sehr progressiv sein. Zumindest wird er so von denen empfunden, die sich »Alternative« nennen. Und in der Tat, am Ende des letzten Jahrhunderts war der Fortschrittsglaube in Gesellschaft und Politik Common Sense. Er definiert sich allerdings eher über Technologien, weniger über Inhalte. Jede linke Partei war für den Ausbau der Atomkraft – auch wenn sie ein unkalkulierbares Risiko war. Dennoch versprach sie günstigen Strom und damit ein besseres Leben für alle. Besonders nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus stürzte man sich in Ermangelung einer neuen, linken Utopie auf Technik: Die progressive Musik wurde immer elektronischer, kaum ein Theaterstück kam mehr ohne Video und anderen technologischen Schnickschnack aus, Computer von Apple zu nutzen wurde Ausdruck von richtiger Gesinnung. (…)

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Tim Rennergeb. 1964, ist Musikproduzent, Journalist, Autor und Politiker. Zuletzt erschienWir hatten Sex in den Trümmern und träumten. Die Wahrheit über die Popindustrie“ (zusammen mit Sarah Wächter).

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