Kursbuch 179 – Editorial

Editorial Armin Nassehi Georg von Wallwitz schreibt in seinem Beitrag, in der Parole der Französischen Revolution – Liberté, Égalité, Fraternité – sei die Dritte im Bunde, die Brüderlichkeit, ein Fremdkörper. Freiheit und Gleichheit seien diejenigen Mechanismen, die individuelle Eigeninteressen promovieren, Eigeninteressen, die die Brüderlichkeit mit dem anderen korrumpieren. Wallwitz bezieht das vor allem auf ökonomische…

Thomas Palzer – Brief eines Lesers (9)

Was ist Ausbeutung? Leider hat Kant zur Beantwortung dieser Frage keine wasserdichte Gebrauchsanleitung hinterlassen. Wir müssen uns auf unsere Intuition verlassen. In einer Welt, in der es aufgrund knapper werdender Ressourcen zunehmend um Verteilungsgerechtigkeit geht, sind wir da schnell überfordert. Das gilt erst recht für das digitale Double, wo permanent Entscheidungen darüber getroffen werden müssen,…

Hansjörg Küster – Mensch und Natur

Innovation, Ausbeutung, Übernutzung Landschaft wird stets von Natur und Kultur geprägt. Natur ist statisch gedacht, aber in der Realität dynamisch: In ihr kommt es ständig zu Temperaturschwankungen, Abtragung und Ablagerung von Gestein, Wachstum und Absterben von Lebewesen, Veränderung von Standorten. Kultur soll für Stabilität sorgen: Landnutzung soll die Grundlage für stabile Lebensbedingungen von Menschen sein.…

Erich Weede – Freiheit impliziert Ungleichheit …

… Ungleichheit impliziert Ansporn und Chancen Allgemeine Überlegungen zu Freiheit und Gleichheit. Am Anfang jedes human- und sozialwissenschaftlichen Denkens sollten zwei Einsichten stehen. Erstens unterscheiden wir Menschen uns in vielerlei Beziehungen – nicht nur in Länge oder Gewicht, Alter oder Geschlecht, sondern auch in Intelligenz, Humankapital oder Arbeitsproduktivität. Sofern man (wie John Locke) das Selbsteigentum…

Elmar Altvater – Die Dialektik der Ausbeutung

Ohne Ausbeutung keine Moderne, mit Ausbeutung keine Zukunft Zur Ausbeutung gehören mindestens zwei: einer, der ausbeutet, und ein anderer, der ausgebeutet wird. Herrschaft und Ungleichheit der sozialen Lage in der Gesellschaft sind daher eine notwendige Bedingung dafür, dass ein Ausbeutungsverhältnis zustande kommt. Auch die Freiheit, ausbeuten zu können und zu dürfen, muss gegeben sein. Das…

Dirk Baecker – Der Arbeitskraftunternehmer

Arbeit im Zeichen ihrer Kritik Die Kritik. Der Arbeitskraftunternehmer, das klingt nach einer doppelten Denunziation. Erstens werden hier Arbeiter und Arbeiterin auf jene abstrakte Arbeitskraft reduziert, die das Kennzeichen eines unmenschlichen, weil um die konkreten Umstände unbekümmerten Kapitalismus ist, wie ihn Karl Marx beschrieben hat. Und zweitens wird dieser abstrakten Arbeitskraft zugemutet, auf den Märkten…

Armin Nassehi – Arbeit 4.0

Was tun mit dem nicht organisierbaren Rest? Nein, dies wird kein romantisches Plädoyer für einfache Arbeit. Es wird auch keine Kritik komplizierter Arbeit – übrigens eine Unterscheidung, die wir schon im ersten Kapitel von Marx’ Kapital finden. Eigentlich geht es gar nicht primär um einfache Arbeit, sondern um Arbeit schlechthin, und nicht zuletzt darum, warum…

Gerhard Klas – Mythos Mikrokredit

Warum Kleinstdarlehen die Armen noch ärmer machen Es war eine mediale Erfolgsgeschichte. Und in vielen Kreisen gilt sie bis heute noch als solche: der Mikrokredit als probates Mittel zur Bekämpfung der Armut im globalen Süden. Die Grundannahme: Als Unternehmer können sich die Armen aus der Armut befreien – dafür brauchen sie nur etwas Investitionskapital. Das…

Dorthe Nors – Der Buddhist

Eine Erzählung Bevor der Buddhist Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk wurde, war er ein gewöhnlicher Christ und Beamter im Außenministerium. Er schrieb die Reden des Außenministers und legte ihm gewissermaßen die Worte in den Mund. Es war eine Form der Lüge, doch anfangs störte ihn das nicht. Dann ging es ihm jedoch…