MONTAGSBLOCK /33

Ein Händedruck ist eine einfache Sache. Stark ritualisiert, funktioniert fast automatisch. Man kann es ausprobieren. Selbst wenn man auf einen wildfremden Menschen zugeht und ihm die Hand ausstreckt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sich einem dessen Hand wie von selbst entgegenstreckt, bevor derjenige, der an der Hand hängt, das womöglich weiß. Für uns Soziologen ist das eine schöne Situation, an der man erklären kann, wie Kommunikation und Handlung unter Anwesenden funktioniert. Zum einen nennen wir das „doppelte Kontingenz“ – beide machen ihr Verhalten vom Verhalten des anderen abhängig, und zwar gleichzeitig, was zu einer Situation führt, die kaum auflösbar ist, denn wenn beide sich vom Verhalten des anderen abhängig machen, müssten sie ewig warten. Dafür gibt es dann Normen, Routinen, Erwartungen, die die symmetrische Situation aufbrechen. Eine ausgestreckte Hand ist so etwas, auf die wir dann gerne habituell reagieren. Die Hand bewegt sich von selbst, und wir stimmen der Hand dann entweder im Nachhinein zu oder unterdrücken den Reflex und tun so, als sollte die Bewegung dazu dienen, sich an der Nase zu kratzen oder Ähnliches.

Zum anderen kennen wir die Figur des role taking – wir spiegeln uns in Situationen über die Reaktion des Gegenübers und erkennen daran, ob wir uns richtig verhalten. Dieser bereits vor 100 Jahren im amerikanischen Behaviorismus und Pragmatismus entstandene Gedanke wird heute von der neurowissenschaftlichen Entdeckung der Spiegelneuronen bestätigt, die uns mit der Fähigkeit ausstatten, unser prinzipiell wenigstens in seinen kognitiven Operationen für uns unsichtbares Gegenüber einschätzen zu können. Es handelt sich dabei um lernende, also sozial veränderliche Neuronenaktivitäten.

Daraus kann man soziologisch eine Art Minimalmoral der Kommunikation ableiten, also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Achtung des anderen in der Interaktion dadurch wahrscheinlicher wird, weil es so leichter ist, an ihn anzuschließen.* Für den Soziologen am interessantesten freilich ist die Störung, weil man an ihr schön sehen kann, wie der Normalfall funktioniert. Eine hübsche Störung sind inszenierte Händedrucke bei Politikern, die diese sogar wiederholen müssen, damit alle Fotografen den spontanen und herzlichen Händedruck ablichten können. Seit aber Donald J. Trump vor einiger Zeit die Hand des japanischen Ministerpräsidenten im Weißen Haus gar nicht mehr loslassen wollte und auf den nicht gerade hünenhaften Japaner erhebliche physikalische Kräfte hat wirken lassen, ist die routinierte Form der inszenierten spontanen Geste mehr Aufmerksamkeit wert. Wird er wieder zupacken? Wie lange? Wie fest? Das dürfte auch seine jeweiligen Gegenüber den Händedruck viel bewusster machen lassen, als das sonst der Fall ist. Jedenfalls wird da nichts mehr von selbst gegangen sein, sondern wohlüberlegt und bewusst. Auch das übrigens eine Erkenntnis der beiden Theoriefiguren „doppelte Kontingenz“ und role taking, dass solche einfachen Aktionen nur dann die Beteiligung von Bewusstheit brauchen, wenn sie sich nicht vollständig habitualisieren lassen.

Und nun kommt Emmanuel Macron, der frisch gekürte französische Präsident, der am vergangenen Donnerstag in Brüssel dem US-Präsidenten das erste Mal begegnet ist. Die Szene des inszenierten Händedrucks ist wohldokumentiert und kann im Netz gut nachverfolgt werden. Die beiden sitzen – wahrscheinlich im Nato-Hauptquarteier, aber das spielt keine Rolle – nebeneinander. Donald J. streckt die Hand aus, fordernd, selbstbewusst, selbstverständlich. Der jugendliche Emmanuel schaut verschmitzt, aber das sieht man eigentlich erst in der Wiederholung, wenn man schon weiß, was kommt. Er schlägt also ein, und der übliche Handkampf beginnt, aber dann will Donald J. loslassen, und Emmanuel hält ihn weiter fest und führt das Schütteln fort. Man weiß jetzt, woher der verschmitzte Ausdruck vorher kam, und Donald J. wendet sich ab und weiß nicht, wie ihm geschieht. Es war alles sehr sichtbar, und die Aufmerksamkeit der Kameraleute war gut genug, um Donald J.s vergeblichen Befreiungsversuch deutlich erkennbar machen zu können.

Macron hat auf spätere Nachfrage seine Hintergedanken verraten und gesagt, dies sei „ein Moment der Wahrheit“ gewesen – in der Tat.** Dieses Aufbrechen, diese Abweichung, diese Überraschung hat auf die Bedingungen dessen aufmerksam gemacht, was sonst unsichtbar bleibt. Um es nochmals in soziologischen Termini zu sagen: Doppelte Kontingenz wurde anders aufgelöst, und das role taking hat durch Umkehrung auf entstandene Strukturen hingewiesen. Insofern hat Macron recht, es war ein Moment der Wahrheit, vielleicht der wahrheitsträchtigste während der ersten Auslandsreise des Präsidenten in seiner Amtszeit – sieht man von der Situation ab, als er den montenegrinischen Ministerpräsidenten zur Seite drückt, um sich im habituellen Stil unserer evolutionären Vorfahren vor der Weltpresse aufzubauen. Auch das eine schön sichtbare Störung, die auf Strukturen aufmerksam macht, die man sonst nicht sieht.

Was ich hier analysiere, ist kein politisches Statement oder gar eine politische Analyse. Aber es enthält einen Aspekt der praktischen Wahrheit, die in solch kleinen Situationen zum Ausdruck kommt. Insofern sollten wir dem französischen Präsidenten für diese kleine Abweichung dankbar sein. Überhaupt gilt, um es in der Diktion des Führers der freien Welt zu sagen: Grab them by the hands!

* Siehe dazu Armin Nassehi: „Moral im System“, in: Jan-Christoph Heilinger, Julian Nida-Rümelin (Hg.): Anthropologie und Ethik. Berlin 2015, S. 171-190.

** Sehr wahrheitsträchtig waren auch einige Bemerkungen nach dem G-7-Gipfel, den einige Teilnehmer so kommentierten, der amerikanische Präsident habe sich durchaus lernfähig gezeigt. Eine größere Decouvrierung im Kleide eines Lobs ist kaum denkbar. Wäre auch ’ne schöne Geschichte gewesen.

Armin Nassehi
MONTAGSBLOCK /33, 29. Mai 2017

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