Kursbuch 201 – Editorial

Leseproben

Armin Nassehi – Editorial Birgit Franz – Brief einer Leserin (27) • Monika Führer – Wenn ein Kind stirbt • Christina Nöstlinger – Was Neugeborene wollen  • Doris Bühler-Niederberger – Warum es Kindheit nicht gibt • Ernst Pöppel – Warum Kinder ihrer Freiheit beraubt werden • Anne Röthel – Warum Kinder Rechte brauchen • Gottfried Schweiger – Warum Kinder arm sind • Kirsten Boie, Till Weiterdorf – Alles Pippi oder was? • Alfred Hackensberger @al. – Töten. Kämpfen. Repeat. • Armin Nassehi – Warum die Gesellschaft kindisch ist • Marita Metz-Becker  – Warum Kinder getötet werden •  Peter Felixberger – FLXX •  

Armin Nassehi

Editorial

Alle waren einmal Kinder, manche sind es noch, viele dürfen es nie sein. Was Kinder aber genau sind, wissen wir nicht. Dies fasst in etwa zusammen, was in diesem Kursbuch zu finden ist. Der Marker Kind schleppt mehr Eindeutigkeit mit sich herum, als auf den zweiten Blick deutlich wird und werden kann. Denn was wir mit Kindern verbinden, ist stets imprägniert von Vorstellungen, von Projektionen, von historischen Bildern und gesellschaftlichen Strukturen, in denen Kinder vorkommen. Das gilt nicht nur für die Vorstellungen von, sondern auch für den Umgang mit Kindern, dafür, was ihnen widerfährt, was wir ihnen widerfahren lassen und was sie selbst tun und lassen. Das ist eine offenkundig widersprüchliche Formulierung, weil sie nach der Relativierung des Kindlichen in Bezug auf seine gesellschaftlichen und kulturellen Antezedenzbedingungen eben doch von Kindern spricht, die da sind, mit denen wir täglich zu tun haben. Kinder sind überall anwesend – und doch fällt es schwer, genau zu sagen, womit wir es mit ihnen zu tun haben.

Wem dieser Einstig ins Thema zu verschroben klingt, lese den Beitrag von Doris Bühler-Niederberger, der eine skeptische Lesart der Frage nach der Kindheit anbietet: Hat es sie wirklich gegeben? Kinder ja, aber Kindheit? Letztlich ringen die meisten Beiträge dieses Kursbuchs um diese Frage, um die Frage der gesellschaftlichen Bedeutung von Kindern beziehungsweise Kindheit als Kategorie, etwa als rechtliche Kategorie im Beitrag von Anne Röthel, die am Beispiel von Kinderrechten das Verhältnis von Rechtsgeltung und Rechtswirklichkeit abklopft. Der Beitrag von Marita Metz-Becker über Kindsmord rekonstruiert in historischer Perspektive bei aller kulturhistorischen Veränderung eine starke Kontinuität der Form der Kindstötung. Gottfried Schweiger behandelt die kindspezifischen Aspekte sozialer Ungleichheit. Und Ernst Pöppels kurzer Essay stellt die Kindheit in eine Kontinuität auch mit dem späteren Leben des Menschen. Der Hirnforscher rekonstruiert Sozialisation als eine Art Freiheitsberaubung: Das Gehirn wird in seiner inneren Freiheit durch äußere Parameter eingeschränkt, für Pöppel eine tragische Figur, denn es ist eine notwendige Einschränkung, die gerade in der Kindheitsphase eine besonders formende Kraft auf das Individuum ausübt. Mein eigener Beitrag fragt nach dem Verhältnis der Infantilisierung öffentlicher Rede, symbolisiert etwa in der kindischen Sprache der Werbung, zum Kindlichen. Und in dem Interview, das wir mit dem StoryDOCKS-Geschäftsführer Till Weitendorf und der Kinderbuchautorin Kirsten Boie geführt haben, geht es ebenfalls um die Frage, ob und wie das spezifisch Kindliche bestimmbar ist und was das für Kindermedien bedeutet. Peter Felixbergers Kolumne FLXX begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Kindheit – und wenn ich es richtig verstanden habe, wird er wenigstens teilweise fündig: in der Gegenwart.

Zwei Beiträge seien besonders hervorgehoben, weil sie beide auf eine besondere Weise erschütternd und ungewöhnlich sind. Der eine ist die außergewöhnlich lange Fotostrecke in diesem Kursbuch. Auf 64 Seiten zeigen wir Fotografien von zwei Fotografinnen und fünf Fotografen aus aller Welt, die Kinder in auf den ersten Blick nicht kindlichen oder nicht kindgerechten Situationen darstellen – bei der Arbeit, im Krieg, im Haushalt, auf Müllhalden, in Uniform oder als Erwachsene verkleidet. Man muss nicht viel über die Bilder sagen – die Fotografen beschreiben ihr Tun selbst, und die Bilder erzeugen eine Faszination dadurch, dass sie die Spannung zwischen der gesellschaftlichen Rolle und dem Sosein als Kind sichtbar machen. Fast bestätigen die Bilder die eher theoretische Erkenntnis, dass es so etwas wie Kindheit nicht als eigenständige Kategorie gibt, weil sie ja offenkundig Kinder in Situationen und Posen darstellen, die das Kindliche negieren, teils gewaltsam, oder zumindest den Kategorien widersprechen, die wir üblicherweise an das Kindliche anlegen. Zugleich aber dementieren die Bilder diese These, denn sie zeigen in jedem einzelnen Fall ganz offenkundig dies: Kinder. Ohne Wenn und ohne Aber.

Der andere Beitrag ist der posthume Brief an Joshua von Monika Führer. Sie ist Professorin für Kinderpalliativmedizin an der Universität München und Leiterin des Kinderpalliativzentrums unserer Universität, das sie selbst aufgebaut hat. Ich kenne Monika seit vielen Jahren, und sie ist einer der beeindruckendsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Der Brief richtet sich an einen ehemaligen Patienten, der mit 14 Jahren gestorben ist und das Besondere sterbender Kinder auf den Begriff bringt – und die wirklich segensreiche Form einer Krankenbehandlung am Lebensende, deren größtes Kompliment Monika darin sieht, kein Krankenhaus zu sein, wie sie in der kurzen Erläuterung zu ihrem Brief schreibt. Wir danken ihr sehr für dieses äußerst persönliche Dokument, auch den Eltern von Joshua für ihre Einwilligung, den Brief im Kursbuch zu veröffentlichen.

An den Lebensanfang führt uns die Schriftstellerin Christine Nöstlinger in ihrem Beitrag, den wir im Rahmen der Kursbuch Classics aus Kursbuch 72 aus dem Jahre 1984 unter neuer Überschrift nachdrucken. Diese Aufzeichnungen bestätigen sehr schön jenen Weg der notwendigen Freiheitsberaubung des Kindes durch die Gesellschaft, von der Ernst Pöppel in seinem Beitrag spricht.

Schließlich danken wir Birgit Franz für den 28. Brief einer Leserin.


Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität-München. Zuletzt erschien Muster: Theorie der digitalen Gesellschaft.

 

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