Stephan Lohr – Brief eines Lesers (6)

Das Kursbuch 175 über Krankheit – so übersetze ich den zwar merkwürdigen, indes deutlicher seine Bedeutung benennenden Titel Gefährdete Gesundheiten – habe ich nicht ohne Selbstbezüglichkeit zu lesen vermocht. Umso mehr, als ich zu jenen gehöre, für die Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte durchaus nicht zum Alltag gehören. So sehr Krankheiten und Gespräche über sie bei den…

Rainer Erlinger – Warum ich (k)ein Moralist bin

Eine kleine Begriffsbiografie Wer möchte schon »Moralist« sein? Moralist – eine Bezeichnung, die irgendwie angestaubt klingt, bieder, ein wenig nach moralinsauer, belehrend, spaßfeindlich. Oder – wenn man historisch denkt – nach einer mehr oder weniger fest umschriebenen Gruppe von Autoren um das 17. Jahrhundert herum. Andererseits steckt das Wort »Moral« darin, und das hat gerade…

Heinz Bude – Das Schicksal des Gutmenschen

Ein Vorschlag zur Güte Der Ausdruck stammt von Kurt Scheel. Anlässlich seines Abschieds vom Merkur hat der langjährige Herausgeber dieser »deutschen Zeitschrift für europäisches Denken« erzählt, wie es zur Prägung des Gutmenschen kam.(1) Karl Heinz Bohrer, der andere Herausgeber, hatte im Januarheft 1992 »gegen die westdeutsche Schaumsprachigkeit« gewettert und die Anlegung eines »Wörterbuchs des guten…

Irmhild Saake – Alles wird ethisch

Gremienethik als neue Herrschaftskritik Ethische Gremien stehen im Verdacht, Parkplätze für diejenigen Mitarbeiter zu sein, die – vielleicht wegen ihrer vielen guten Ideen – weggelobt werden. Die Legitimation von solchen Gremien ist oft ungeklärt und wird sogar bestritten – wie etwa im prominenten Fall des Deutschen Ethikrates, der als Nachfolgeinstitution des Nationalen Ethikrates eine politisch…

Armin Nassehi – Ist Dialog gut?

Paradoxien im moralischen Dialog der Kulturen Dass man auf weltgesellschaftliche Herausforderungen und Konflikte mit Dialog reagiert, liegt irgendwie nahe. Und dass die Antipoden des Dialogs Kulturen sind, scheint auch plausibel zu sein. Wie sollte man auch sonst zwischen Unterschieden vermitteln? Wie sonst ließe sich das Trennende zugunsten des Gemeinsamen überwinden? Wie sonst wären Missverständnisse auszuräumen,…

Alfred Hackensberger – Islam? Irrweg einer Weltreligion

Eins: Früher Ein palästinensischer Restaurantbesitzer trank einen Schnaps nach dem anderen auf den »guten Adolf«, wie er sagte, dessen einziger Fehler es gewesen sei, »mit den Juden nicht ganz aufgeräumt zu haben«. Ein junger Israeli versicherte, er würde allen Palästinensern die Hälse abschneiden und damit das Nahost-Problem ein für alle Mal beheben. Er strich dabei…

Barbara Vinken – Sexualmoral oder Liebeskunst?

Über das Verschwinden des Weiblichen aus der katholischen Kirche Bevor der Kirchenfürst Tebartz-van Elst im Oktober 2013 mit seiner »Protzburg« die deutschen Schlagzeilen für Wochen beherrschte, war es nicht das Laster der Verschwendung, das man als Erstes mit seiner Kirche assoziierte. Es waren eher die von vielen als sexbesessen eingeschätzten Verlautbarungen zur Sexualmoral, die für…

Birger P. Priddat – Moral führt!

Moralische Deutungsmacht im ökonomischen Raum Moral als Indikator Wenn wir über Wirtschaft und Moral reden, müssen wir den Blick auf die Gesellschaft und ihre kulturellen Ausprägungen richten. Vieles, was wir als Moral thematisieren – theoretisch wie im gesellschaftlichen Diskurs –, ist eingelagert in die Kulturlandschaft, in deren Normen, formelle und informelle Institutionen, Muster und Habitus.…

Peter Felixberger – Machtgeil, romantisch oder kompetent?

Paradoxe Diskurse um Mindestlohn und Spitzensteuer Die Deutschen haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Im Oktober 2013 plädierten 83 Prozent im ZDF-Politbarometer für einen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro. Und 69 Prozent votierten für einen höheren Spitzensteuersatz. Man reibt sich verwundert die Augen: Mindestlohn und Spitzensteuer, haben Trittin und Gabriel damit nicht gerade die Wahl verloren? In…

Yasmina Khadra – Der Schreiber von Koléa

Autobiografisches Zwei große Neuigkeiten erwarteten uns zu Beginn des letzten Schuljahrs. Die gute: Die Schule erklärte sich endlich bereit, jedem Abiturienten, der mindestens mit »sehr gut«, wenn nicht mit Auszeichnung, bestanden hatte, ein Universitätsstipendium mit auf den Weg zu geben. Die weniger prickelnde Nachricht: Das Fach »französische Literatur« sollte abgeschafft werden! Unser ganzer Zweig wurde…