Kursbuch 183 – Editorial

Editorial von Armin Nassehi

»Wohin flüchten?« – das ist derzeit für viele die entscheidende Frage ihres Lebens. In den unterschiedlichsten Regionen der Welt flüchten Menschen vor Verfolgung, Gewalt, Staatszerfall und ökonomischer Hofnungslosigkeit. Man könnte es sich leicht machen und betonen, dass Flucht, Vertreibung, Wanderung und die Suche nach einem besse­ren Leben letztlich ein konstitutives Merkmal unseres Gattungslebens sind – und das buchstäblich. Die Ausbreitung des Homo sapiens hat stets damit zu tun, dass die Leute woanders hingegangen sind – und sicher nicht, um die Welt zu besiedeln, sondern um wegzukommen, weil es »zu Hause« nicht mehr passte.

Vielleicht ist sogar unser eigener Hefttitel ein akademisches Selbst­missverständnis – irgendwie an den schönen Narrativen des Menschen als eines suchenden Wesens, als eines Überschreitenden und an Neuem Interessierten orientiert. Die Wirklichkeit ist wohl prosaischer. Man geht nur, wenn die gewohnte Umgebung nicht mehr funktioniert, das heißt, wenn man es sich woanders besser erhoft. Unsere Frage »Wohin flüchten?« ist womöglich nicht die erste Frage, sondern frühestens die zweite. Die erste zielt aufs Gehen. Erst mal weg hier!

Und das ist doch das, was Fluchtgründe derzeit hauptsächlich aus­ machen. Die meisten wissen nicht, wo sie landen werden und was sie erwartet – und letztlich ist das ja ein geradezu unnatürliches Verhalten, das Gewohnte aufzugeben und damit die vertraute Lebenswelt zu ver­lassen. Kritiker von Flüchtlingen tun immer so, als hätten Flüchtlinge unsere Heftfrage bereits beantwortet, dabei gehen sie meistens erst dann, wenn es zu Hause unerträglich geworden ist.

Man kann es schön an der Diskussion um die sogenannten »sicheren Herkunftsstaaten« nachverfolgen, etwa am Beispiel der Balkanstaaten, die, an der Schwelle zur EU­ Mitgliedschaft, so schlecht nicht sein kön­nen. Und das stimmt sicher zum Teil sogar. Aber womöglich nicht, wenn man ein Roma ist. Oder vielleicht sogar ein Jude in Ungarn, das ja der EU bereits angehört, aber längst nicht mehr hineingehört. In all diesen Fällen ist das Wegkommen die wichtigere Frage als die des Wo­hin. Und für die Krisenregionen der Levante gilt das erst recht. Wer vor dem IS flüchtet, fragt nicht: »Wohin?« Und wer aus afrikanischem Staatszerfall flüchtet, auch nicht.

Und doch gibt es auf das »Wohin?« eine deutliche Antwort. Sie heißt Europa – jenes Europa, das seine internen Fragen der Finanzpolitik, des Handlings unterschiedlich potenter Volkswirtschaften, seine Pro­bleme einer nur unvollständigen Demokratie und die Utopie eines eu­ropäischen Staatsvolks als Basis für Transferleistungen und aus dem Nationalstaat bekannte Umverteilungen nicht hinbekommt. In einer Zeit, in der Europa sich selbst krisenhafter sieht denn je, wird es von außen immer attraktiver für Flüchtlinge – trotz der Grunderfahrung, die wohl die meisten Flüchtlinge zunächst machen: dass sie letztlich nicht gewollt und nicht willkommen sind. Der Strand von Lampedusa sagt: Unter humanitären Gesichtspunkten ist es schön, dass ihr nicht ersoffen und verreckt seid, unter politischen Aspekten ist jeder von euch zwei zu viel: du selbst und derjenige, der durch deinen Erfolg mo­tiviert wird, auch nach Europa zu kommen. Energie wird dann nur noch aufgewandt, dich möglichst schnell über den Brenner zu bekom­men.

Es gibt eine merkwürdige Aufmerksamkeitsökonomie. Brennende Wohnheime, lautstarke Proteste, zweifelhafte Wortwahl im politischen Diskurs und ein merkwürdiger kleinbürgerlicher Hass gegen die an­geblich privilegierten Flüchtlinge werden derzeit sehr sichtbar und stellen die Toleranzfähigkeit und auch die humanitären Potenziale un­serer wohlsituierten und satten Region infrage. Unsichtbar bleibt da­ bei die enorme Hilfsbereitschat an konkreten Orten und in konkreten Projekten, die Bereitschaft vieler, bei Alltagsproblemen zu helfen. Es mag noch keine gesellschatlichen und politischen Lösungen geben – Lösungen auf der Ebene der konkreten Interaktionen gibt es sehr wohl, was wieder ein Hinweis darauf ist, dass die meiste Kommunikation, die wir pflegen, Kommunikation unter Anwesenden ist – also das, was wir Soziologen Interaktion nennen. Sobald das Gegenüber konkret wird, werden aus abstrakten Problemen konkrete Probleme.

Das »Wohin?« ist zwar eine offene Frage, aber nicht die entschei­dende. Und doch stellt sich die Frage – und auch wir stellen sie. Die Beiträge in diesem Kursbuch lavieren alle zwischen den Push- und Pull- Kräten zwischen dem Weg und dem Wohin. Und sie weisen allesamt darauf hin, dass die Kategorien der öffentlichen Diskussion über die derzeitigen europäischen Flüchtlingsfragen völlig untauglich geworden sind. Diese Kategorien speisen sich aus zwei Quellen: Zum einen ist es ein stark moralisch aufgeladener Diskurs, zum anderen eine allzu starke Konzentration auf den Asyltatbestand, im deutschen Fall gestützt durch den Artikel 16a des Grundgesetzes. Beides ist wichtig und unverzicht­bar. Doch das moralische Eintreten für die Interessen von Geflüchteten taugt leider wenig zur Lösung der Fluchtprobleme selbst. Und der Asyl­tatbestand kann die heutigen Fluchtursachen weder abbilden noch als Algorithmus dienen, um Bleiberegelungen und entsprechende Rechts­status zu begründen.

Das klassische Asylrecht ist nur historisch zu verstehen. Es stammt aus der Zeit und aus der Erfahrung mit den rechten und linken Dikta­turen des 20. Jahrhunderts. Heutige Fluchtgründe sind komplexer – was heißt Verfolgung, wenn wirtschatliche und politische Strukturen völlig zusammengebrochen sind, wenn es keine Zukuntsperspektive gibt, wenn man um die eigenen Kinder fürchtet? Die Figur des »wirk­lich Verfolgten« trifft nur auf wenige zu, die anderen sind die schlichte Realität, und darauf müssen wir uns einstellen. Die Unterscheidung von »wirklich Verfolgten« und »Wirtschatsflüchtlingen« taugt nicht mehr – menschlich und politisch.

Die Wanderungen, die uns bevorstehen, werden eher vormodernen Wanderungen ähneln, werden unkontrollierbarer sein und ganz neue Herausforderungen zeitigen. Wahrscheinlich sind die derzeitigen Aus­einandersetzungen um Flucht und Vertreibung Vorboten einer Situa­tion, in der eine der Kategorien der Nachkriegswelt immer mehr infrage gestellt wird: nämlich die Stabilität von Staaten und staatlicher Ordnung, die wenigstens ansatzweise für eine Bindung von Bevölkerungen an den Raum gesorgt hat. Es war der Ost­West­-Antagonismus, der über­ all auf der Welt für relativ stabile Zugehörigkeits-­ und Integritätsfor­men staatlicher Gebilde gesorgt hat, weil kein Fleckchen Erde sich letztlich dem einfachen Algorithmus »wir« oder »die anderen« entzie­hen konnte. Schon das hat Flüchtlingsströme wie derzeit unwahr­scheinlicher gemacht. Ab jetzt aber scheint die Bindung an den Boden weniger stabil zu sein, was ganz andere Bevölkerungsbewegungen her­vorbringen wird – in jedem Falle solche, die mit manchen Selbstverständlichkeiten nationalstaatlicher Ordnungen brechen.

Das Kursbuch »Wohin flüchten?« bietet deshalb auch keine klaren Antworten, sondern eher eine Bestandsaufnahme eines Prozesses, der gerade beginnt. Den Beiträgen dieses Kursbuchs kann man mehr als in unseren früheren Ausgaben ansehen und anhören, wie ungeklärt die Gemengelagen um Flucht und Vertreibung sind. Umso mehr danken wir unseren Autoren dafür, sich darauf eingelassen zu haben.

Die Herausgeber haben diesmal den »Brief eines Lesers« vergessen, weil beide gedacht haben, der andere hätte sich darum gekümmert. Pi­lot und Kopilot werden bei großen Fluggesellschaften niemals als feste Teams ins Cockpit geschickt, sondern immer wieder neu gemischt, da­ mit der eine nicht denkt, der andere hätte es schon erledigt. Unsere Kabinencrew hat übrigens auch nichts gemerkt. Dass sich so etwas rächen kann, führen wir Kursbuch­ Piloten damit gerade vor. Aber – wir liegen trotzdem zusammen weiter. Besonders hingewiesen sei auch auf den Kursbogen – mit dem wir eine alte Kursbuch-­Tradition wiederbeleben und bestimmt nicht das letzte Mal präsentieren. Und zu guter Letzt auf unsere Medienkooperation mit dem Kölner Migrations­ Audio­Archiv, die auf unserem erstmals produzierten Wickelumschlag abgebildet wird. QR­Codes und Weblinks verweisen auf Flüchtlinge und ihre Lebensgeschichten. Crossmedial zum Hören.

Editorial von Armin Nassehi, Kursbuch 183 „Wohin flüchten?“, September 2015
(Weiterlesen im Kursbuch 183)

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