Kursbuch 183 – Editorial

Editorial von Armin Nassehi »Wohin flüchten?« – das ist derzeit für viele die entscheidende Frage ihres Lebens. In den unterschiedlichsten Regionen der Welt flüchten Menschen vor Verfolgung, Gewalt, Staatszerfall und ökonomischer Hofnungslosigkeit. Man könnte es sich leicht machen und betonen, dass Flucht, Vertreibung, Wanderung und die Suche nach einem besse­ren Leben letztlich ein konstitutives Merkmal unseres…

Armin Nassehi: Die arbeiten nichts

Das Asylrecht der Bundesrepublik kann nur historisch verstanden werden. Was politische Verfolgung ist, das wussten die Väter und Mütter des Grundgesetzes ziemlich genau – schon weil viele Deutsche während der NS-Zeit selbst, teils erfolgreich, teils vergeblich, Schutz in anderen Ländern Europas oder in Übersee gesucht haben. Das Asylrecht hat viel mit der Entwicklung freiheitlicher Demokratien…

Carlo Kroiß: Und sie bewegen sich doch

Asylbetrüger, Asylanten, Asylbewerber, Flüchtlinge, Geflüchtete – es gibt zahlreiche Erzählungen über Flucht: von kriminellen Schlepperbanden und ihren skrupellosen Machenschaften, von ungebremsten Flüchtlingsströmen und Asylbetrug oder von Krieg, Verfolgung, Elend und der rettenden Flucht. Doch dies sind alles Erzählungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft über Menschen, die geflüchtet sind. Die Geschichten der Geflüchteten selbst taugen maximal als Grundlage…

Roger Zetter: Angstgetrieben

Zehntausende Migranten, die das Mittelmeer in nicht seetüchtigen Booten überqueren; Tausende Migranten, die auf der Überfahrt ertrinken; Zehntausende Migranten ohne Papiere allein in Deutschland; das Lager in Calais, wo sich Migran­ten versammeln und darauf hoffen, nach Großbritannien zu kommen; die Vehemenz, mit der das Thema »Einwanderung« in den Wahlkämp­fen auf nationaler und europäischer Ebene behandelt…

Wolfgang Bauer, Philipp Ruch: Die Flüchtlinge und wir

Ich habe den Eindruck, dass Sie sich beide am gleichen Problem abarbeiten: Wie gelingt es, die Deutschen für die Situation der Flüchtlinge zu interessieren? Sie wenden dabei drastische Methoden an. Sie, Wolfgang Bauer, haben sich als Flüchtling ausgegeben und versucht, mit syrischen Flüchtlingen über das Meer von Ägypten nach Europa zu gelangen. Das Ergebnis dieser…

Jürgen Ebach: Ethik aus Erinnerung

Oft zu einer Worthülse politischer Rhetorik wird die Bekundung, Deutschland sei ein christlich-jüdisch geprägtes Land. Die ebenso übliche wie auch fragwürdige Bindestrichfloskel »christlich-jüdisch« wird spätestens dann fatal, wenn sie eingesetzt wird, um den Islam von dieser Grundprägung abzusetzen. Etwas ganz anderes wäre es, in konkreten Feldern politischer Praxis christliche und jüdische Normen ernst zu nehmen…

Jochen Oltmer: Der lange Marsch

Der Mensch der Vormoderne war ebenso wenig grund­sätzlich sesshaft wie der Mensch der Moderne. Einen Mythos bildet auch die Auffassung, in der Vergangenheit habe Migration einen linearen Prozess dargestellt – von der dauerhaten Abwanderung aus einem Raum zur dauerhaften Einwanderung in einen anderen: Rückwande­rungen, Formen zirkulärer Migration und Fluktuationen kennzeich­nen die lokalen, regionalen und globalen…

Albert Scherr: Abschiebungen

Wer als ethnografisch forschender Soziologe Roma-Siedlungen im Kosovo und in Serbien besucht, macht eine erstaunliche Erfahrung: Es gibt keinerlei sprachliche Verständigungsprobleme. Denn in diesen informellen Siedlungen, von denen einige den Slums aus dem globalen Süden ähneln, die wir alle aus den Medien kennen, gibt es zahlreiche Menschen, die Deutsch sprechen. Es handelt sich dabei um…

Ferdinand Haenel: Flüchtiges Glück

Wohin flüchten, wenn im eigenen Land Krieg herrscht? Das Haus zerbombt, die Familie getötet oder man selbst von Folterknechten gequält wurde, mitunter monatelang, jahrelang. Ist Deutschland da ein guter Zufluchtsort? Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Herrn F. Als er zu uns in die Tagesklinik im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer gebracht wurde,…