MONTAGSBLOCK /56

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Neulich im Roten Salon in der Volksbühne Berlin. Großer Aufgalopp der Berliner Altlinken zu unserer Buchpremiere mit Gretchen Dutschke. Bei meiner Anmoderation kommt ein älterer Herr mit Schild auf die Bühne. „Rudi, der Kampf geht weiter!“ Ich merke, dass ich mir jetzt keine ideologische Aberration leisten darf und kontere mit dem Clint Eastwood-Evergreen: „Wir reiten in die Stadt. Der Rest ergibt sich.“ Ein Satz, den Eastwood mal auf einer Pressekonferenz auf die Frage geantwortet hatte, was das Dauermotiv in allen seinen Filmen sei. Gelächter, bei Clint endet der Kampf ja auch nie. Auf dem Podium dann der Selbstarroganz-Samurai Stefan Aust, die wunderbar aufrechte Gretchen Dutschke-Klotz sowie der herrlich entwaffnende Psychiater und Schriftsteller Jakob Hein. Volles Haus, und ewig klang das Lied der Sehnsucht nach 1968 an diesem Abend. Ein Hauch von Lagerfeuerromantik wehte durch den plüschigen Saal und die felsenfeste Überzeugung, noch immer auf der letzten Wahrheitsrille durch die Weltgeschichte zu gleiten.

Das Kursbuch ist aber ein Ort der Perspektivendifferenz. Und deshalb zog sich unser Herausgeber Armin Nassehi in diesem langen Winter zurück, um seine persönliche Sicht auf 1968 zu rekonstruieren. Sein Buch erscheint diese Woche und ist sozusagen das große Löschmanöver der lodernden 68er-Jubiläumsfeuer, von den einstigen Helden re-entfacht. Denn 1968 ist für Nassehi viel mehr als das erwartbare Pro und Kontra jedweder Eindeutigkeit und Wahrheit. Im Gegenteil, er beobachtet eine gegenseitige Abhängigkeit der Gegner und zeigt, wie er es selbst ausdrückt, „wie sehr die unterschiedlichen Seiten voneinander leben, wie sehr sie nicht einfach Positionen sind, sondern zwei Seiten desselben, in ihrer Selbigkeit je auf ihren Unterschied fixiert“. Sein Buch zeichnet deshalb eben nicht die eingespielten Konflikte und Reaktionsweisen nach, mit denen sich erwartbare Auseinandersetzungen führen lassen. Nassehi bindet 1968 als Chiffre in eine lange Gesellschaftserzählung ein. Vier große Erbschaften destilliert er heraus. Erstens die großen Inklusionsschübe, die in der Bundesrepublik etwa die 1978er in den Bildungsfahrstuhl gesetzt hat, und ihre demokratische Selbstverständlichkeitspraxis bis heute. Zweitens die Dauermoralisierung sozialer Zeitgespräche als Versuch einer ständigen „Etablierung geradezu unbedingter Standpunkte“. Drittens die Dauerreflexion aller mit allen, mit einer überbordenden Gleichzeitigkeit von jedem nur möglichen Un-, Schwach- und Klarsinn. Kein Wunder, dass Nassehi am Ende die Popkultur zum ästhetischen Kernresonanzraum der 68er betitelt. Als Dauerberieselung einer Gesellschaft, die den großen vielstimmigen Klangteppich und seine Posen mit gesellschaftlicher Notwendigkeit verwechselt.

Deshalb sei dieses Buch hier nicht nur aus kollegialer Herausgeberverpflichtung empfohlen, sondern vor allem als sehr konkreter Selbstvergewisserungs- und Selbstüberprüfungsraum der Post-68er-Leser (die 68er werden eher die Nase rümpfen). Nassehi ist es im Jubiläumsjahr wie keinem anderen gelungen, den kurzen, heißen Sommer eines scheinbar disruptiven Aufbruchs in die lange, langsame und langatmige Selbstentfaltungslinie dieses Landes einzupflegen. Und so findet vielleicht jeder nach der Lektüre des Buches seine ganz individuelle Antwort auf die Frage, ob es 1968 überhaupt gegeben hat. Der Rest ergibt sich.

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /56, 23. April 2018

Die kursbuch.edition von Armin Nassehi „Gab es 1968? Eine Spurensuche“ im Shop.
Die kursbuch.edition von Gretchen Dutschke „1968. Worauf wir stolz sein dürfen“ im Shop.

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