MONTAGSBLOCK /55

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Am Samstag kam es in Münster zu einem „Zwischenfall“, wie man so sagt. Ich saß zu der Zeit in einem Restaurant in München-Neuhausen, draußen in der Sonne, habe um 15.50 Uhr auf mein iPhone geschaut, um die Bundesliga-Zwischenstände abzurufen und nahm nicht ohne eine gewisse Genugtuung zur Kenntnis, dass der FC Bayern zurücklag (1:0 in Augsburg, am Ende stand es dann 1:4, sechste Meisterschaft in Folge). Während ich das las, kam die erste Meldung über ein News-Banner, dass es in Münster einen Anschlag gegeben habe, vor einem Restaurant, das ich gut kenne. Ich habe in den 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre in Münster gelebt. Die Nachrichtenlage war noch unklar, man wusste nichts, auf Twitter gingen die Spekulationen los, die Leute spielten ihre mehr oder weniger hässlichen Rollen, und die Befürchtungen nahmen ihren Lauf.

Mein erster Gedanke war natürlich, dass wieder ein durchgeknallter Islamist tätig geworden ist, in der vielleicht unschuldigsten Stadt, die man sich vorstellen kann. Einfache Gemüter, die moralisch gestählten wahrscheinlich am deutlichsten, meinen sicher, dass man sich seine Gedanken vornehmen kann. Aber sie kommen. Es gibt dazu abstrakte Theorien wie Husserls Phänomenologie oder auch manches aus dem Poststrukturalismus oder systemtheoretische Modelle, die zeigen können, dass operative Einheiten, also auch Bewusstseine, nur in ihrem eigenen Modus arbeiten können, sich also ihre nächste Aktion gar nicht wirklich vornehmen können, weil sie dafür wiederum eine Operation vornehmen müssen. Nicht umsonst sprechen wir von Re-Flexion. Ich kann nicht denken, was ich gleich denken will, ohne es zu denken. Und ich kann es erst bedenken, wenn ich es schon gedacht habe. Sieht man genau hin, man nennt das dann Reflexion oder Beobachtung zweiter Ordnung oder ähnlich, kann man (verschoben, im Nachhinein) sehen, dass man nicht sehen konnte, was gleich gedacht wird. 

Ich wurde also überrascht von dem Gedanken, der sich dachte. Ein durchgeknallter Islamist. Zugleich habe ich mir den Gedanken verboten, weil man ja noch nichts wusste – und man muss nur die Dynamik in sozialen Netzwerken beobachten, um ausreichend angewidert zu sein von jenen, die ihre ersten Reaktionen instinktiv raushauen. Aber ich war nicht besser. Ich habe, es hat so gedacht. Und es war nicht zu bremsen. Ich habe mich dafür geschämt. Leise, vor mir selbst. 

Als im Laufe des Tages klar wurde, dass es wohl kein islamistischer Anschlag war, sondern nur (!) ein durchgeknallter Psycho, konnte ich wenig gegen die Erleichterung tun, die das auch bedeutete. Auch das ein Gedanke, der kam und für den ich mich wenig verantwortlich fühle. Ich gestehe gerne zu, für das verantwortlich gemacht zu werden, was ich sage (und auch das nur in Grenzen), aber nicht für das, was ich da denke und was sich denkt. Ich war zugegebenermaßen beunruhigt über meine eigene Erleichterung – was widersprüchlich klingt, aber nicht so widersprüchlich ist, wenn man mitbedenkt, dass diese Gedanken kamen. Ich hätte fast gesagt: ohne mein Zutun. Hätte ich triumphiert, wenn es ein rechtsradikaler Anschlag gewesen wäre? Ich hoffe nicht. Hätte ich das besser gefunden? Nein, sicher nicht. Aber wir kommen nicht raus aus diesen Affekten und Reflexen, die sich geradezu drehbuchartig und wie von selbst ereignen. Es geschieht, als geschehe es ohne mein Zutun.

In gewisser Weise war es auch ohne mein Zutun. Ich bin Soziologe genug, um zu wissen, dass das, was wir wissen, wie wir es wissen, warum wir so denken und welche Assoziationen wir haben, natürlich nicht der inneren Unendlichkeit eines eigenen Kerns entstammt. Natürlich sind wir eingebettet in semantische Strukturen, Assoziationsketten, Beobachtungsroutinen, affiziert von dem, was wir aus den Medien wissen und in diesem Fall sogar durch eigene Anschauung des Ortes, denn ich saß oft genug auf genau den Stühlen und an den Tischen, die von dem Kleinbus umgefahren und auf denen Menschen getötet und verletzt wurden.

Was lerne ich also aus dieser Selbsterfahrung? Ich lerne, wie sehr die Erfahrungen der letzten Monate und Jahre mit islamistischem, aber auch rechtsradikalem Terror bis in die vorreflexiven Assoziationsketten hinein wirksam sind. Man kann sie nicht wegreden. Sie hinterlassen Spuren. Es lehrt auch, wie voraussetzungsreich ein zivilisierter Umgang mit diesen Fragen ist. Es lehrt auch, wie wenig manche sich von ihren eigenen Assoziationen distanzieren können, obwohl es geht. Es geht immer nur im Nachhinein, Rationalisierungen sind immer Postrationalisierungen, aber genau das muss dann auch geschehen. Sonst verlieren wir uns in Dynamiken, die unkontrollierbar werden.

Es ist ein Segen, dass wir füreinander intransparent sind. Das birgt wenigstens die Möglichkeit, dass Kommunikation und Bewusstsein getrennt operierende Einheiten sind. Das Gesagte kann die Unmittelbarkeit unserer Assoziationen abfedern – wenn es gut läuft. Und das Denken kann sich trotz unheilvoller Eigendynamiken und Zwänge der Kommunikation davon partiell befreien. Diese prinzipielle Trennung und die Einsicht in diese Differenz könnte die Grundbedingung für zivilisierte Verhältnisse sein. Es ist ein Segen, nicht immer zu sagen, was man denkt.

Für die Opfer spielt das zunächst keine Rolle. Möge es ihnen, soweit sie am Leben geblieben sind, bald wieder besser gehen, äußerlich und innerlich. Ich gebe auch zu: Dieser Gedanke kam mir relativ spät. 

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /55, 09. April 2018

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