Montagsblock /316

Neulich war ich hier in Hamburg im Thalia Theater und habe die Inszenierung des Romans „Blue Skies“ von T.C. Boyle gesehen. Ich hatte das Buch schon gelesen, als es 2023 herausgekommen war. Es ist ein apokalyptischer Roman, der von einer amerikanischen Familie handelt, deren Lebensentwürfe sich innerhalb der unangenehmen Randbedingungen des fortgeschrittenen Klimawandels entfalten müssen und sich dabei von Katastrophe zu Katastrophe bewegen. Schon damals fand ich die Lektüre verstörend. Aber die Tatsache, dass im Januar Teile des Los Angeles County abbrannten, während ich im Theater saß und eine Dystopie über ein wasserloses Kalifornien schaute, war noch auf einer viel konkreteren Ebene gruselig.

An Buch und Theaterstück musste ich Anfang März denken, als ich in der Fachzeitschrift Science eine weitere von Boyle in seinem Roman beschriebene Entwicklung beschrieben fand. Da hieß es nämlich, dass die USA möglicherweise bald keine Schmetterlinge mehr beheimaten wird. Zwischen 2000 und 2020 sei die Population von 554 Arten durchschnittlich um 22 Prozent zurückgegangen, bei mehr als 74 Spezies habe sie sich mehr als halbiert. Grundlage für dieses Ergebnis war die Zählung von mehr als 12 Millionen Schmetterlingen an 2500 verschiedenen in den gesamten USA verteilten Orten. Statistische Methoden halfen, Unterschiede in der Datendichte zu überbrücken.

Das Ergebnis deckt sich mit dem insbesondere auch in Deutschland beobachteten generellen Rückgang der Insektenpopulation, wie sie 2017 in der berühmten „Krefeld-Studie“ diagnostiziert wurde –  die zwar seither auch immer wieder methodisch kritisiert wurde, deren grundsätzlicher Befund sich aber sicherlich mit den privaten Erfahrungen vieler Gartenbesitzer deckt. In der Studie war ein Rückgang der Insekten-Biomasse um mehr als 75 Prozent in 27 Jahren beschrieben worden. Warum das eine dramatische Entwicklung ist, ist bekannt: Insekten sind wichtig für die Landwirtschaft, sie sind Nahrungsquelle für viele andere Tiere wie Vögel. Wenn sie wegfallen, hat das kaum abzuschätzende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Die problematische Situation der Insekten ist allerdings nicht nur auf Klimawandel und zunehmende Wetterextreme zurückzuführen, auch der Verlust entsprechender Habitate und verbreiteter Pestizideinsatz schaden ihnen. Die Maßnahmen, um den Rückgang zu stoppen, müssten daher vielfältig sein. Das macht deren Realisierung nicht gerade wahrscheinlicher. In T.C. Boyles Roman spielen Insekten eine wichtige Rolle. In seiner Schlussszene kann man die unerwartete Rückkehr der Schmetterlinge als versöhnendes Hoffnungszeichen lesen.

Nun ist es in der realen Welt natürlich so, dass Insekten keine besonders starke Lobby haben. Schon hier in Deutschland tut man sich schwer, Programme zu ihrem Schutz dauerhaft durchzusetzen. Dass die USA bald ohne Schmetterlinge dastehen könnten, ist sicher nichts, was jemanden wie Donald Trump oder Elon Musk sonderlich aus der Ruhe bringen könnte. Interessanter, zumindest für Musk, könnte da eine andere Studie sein, die am 10. März in „Nature Sustainability“ erschienen ist. Demnach hat der Klimawandel nicht nur einen schlechten Einfluss auf Ökosysteme. Er wird auch Konsequenzen haben für die Nutzung unserer Satelliten im Weltraum.

Die Begründung ist natürlich ziemlich physikalisch: Treibhausgase haben auch in der oberen Atmosphärenschicht der Thermosphäre zwischen 85 und 600 Kilometern Höhe einen Effekt – dort also, wo sich die niedrig fliegenden Satelliten aufhalten, genannt „niedriger Erdorbit“ (low earth orbit – LEO). Anders als in der unteren Atmosphäre ist hier der Effekt einer erhöhten CO₂-Konzentration aber eine Kühlung: UV-Strahlung der Sonne wird von molekularem Sauerstoff und Ozon absorbiert, diese Moleküle geben ihre Wärme dann an das CO₂ weiter, das gleichzeitig auch Infrarotstrahlung der Sonne absorbiert. Das CO₂ kann die so gewonnene Energie dann wiederum als Infrarotstrahlung abgeben, die in der äußeren Atmosphäre, anders als weiter unten, ungehindert ins All entweichen kann. Je mehr CO₂, desto mehr Wärme wird in der äußeren Atmosphäre abgegeben (in der inneren Atmosphäre ist der Effekt eine Aufheizung, weil die Infrarotstrahlung dort nicht entweichen kann und so für mehr Wärme sorgt).

Wenn man das nicht im Detail versteht, ist es nicht schlimm. Entscheidend ist nur der Effekt. Wenn die äußere Atmosphäre kühler wird, schrumpft sie. So wie auch kalte Brücken im Winter kürzer sind als warme im Sommer. In einer gegebenen Höhe über dem Erdboden nimmt daher die Dichte der Atmosphäre ab. Die Dichte der Atmosphäre bestimmt aber die Lebensdauer der Satelliten, denn die Reibung in der Atmosphäre lässt sie nach einer Weile abstürzen und verglühen. Wenn die Atmosphäre dünner wird, leben die Satelliten länger, auch die kaputten, und es wird noch deutlich voller im Orbit.

Und das wiederum bedeutet gemäß der neuen Studie, dass sich bis zum Ende des Jahrhunderts die Zahl von Satelliten, die sicher betrieben werden können, um bis zu 66 Prozent verringern wird – es sei denn, es wird bis dahin endlich eine effektive Müllabfuhr für den Erdorbit entwickelt. Etwas, wofür sich derzeit auf kommerzieller Seite noch niemand so richtig zuständig fühlt, weil es teuer und umständlich ist. Insbesondere Musks Unternehmen SpaceX, das aktuell bereits mehr als 7000 Satelliten im Orbit betreibt und sein Netzwerk auf einige Zehntausend aufrüsten will, setzt bei der Entsorgung bislang ausschließlich auf Selbstreinigung per Atmosphärenreibung.

Dieses Problem ist zugegebenermaßen etwas komplizierter als das Sterben der Schmetterlinge. Aber es erreicht vielleicht eine Zielgruppe, die eine emotionalere Beziehung zu Satelliten als zu Insekten hat. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Zielgruppe dann nicht auch gleich den Klimawandel technologisch einhegen will, indem sie die Atmosphäre per Geoengineering zu manipulieren versucht (Siehe Montagsblock 240). Das ist– Vorsicht Spoiler! – ein Schlussdetail aus dem Roman von T.C. Boyle, das bislang glücklicherweise noch nicht Realität geworden ist.

Sibylle Anderl, Montagsblock /316

24. März 2025