Claudia Pichler – Der Polt

Was Satire so überhaupts kann   Ab Januar 2018 soll der sogenannte »Majestätsbeleidigungsparagraf« in Deutschland endgültig außer Kraft gesetzt sein. Die Große Koalition will Paragraf 103 StGB, der die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten unter Strafe stellt, abschaffen. Hintergrund ist das Strafverfahren, das Recep Tayyip Erdoğan gegen den Satiriker und ZDF-Moderator Jan Böhmermann 2016 angestrengt hat. Dieser hatte bekanntlich den türkischen Präsidenten in seiner Sendung »Neo Magazin Royale« mit einem »Schmähgedicht« verunglimpft. Böhmermann nutzte dazu einen gängigen Kunstgriff der Satire – den des uneigentlichen Sprechens. Seinen provokant-geschmacklosen Spottversen schickte er den Hinweis voraus, dass ein Gedicht dieser Art rechtlich in unserem Land nicht zulässig sei.

Das schützte ihn zwar letztlich nicht vor der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft gegen ihn, das aber ist wegen nicht nachweisbarer strafbarer Handlungen wieder eingestellt worden. Die Fälle sind rar gesät, in denen es Satire gelungen ist, ein mediales und politisches Echo dieser Dimension zu provozieren. Böhmermann beschwor den »Erdogate«; der im Jargon als »Schah-Paragraf« bezeichnete Gesetzesabschnitt wird nun wohl als »Böhmermann-Paragraf« in die Geschichte eingehen. Wer die Wirkmächtigkeit von Satire in einer liberalen Gesellschaft bezweifelte, wurde durch diesen Fall eines Besseren belehrt. Auch in einer pluralistischen Demokratie kann Satire noch zum Staatsakt werden.

Rund 30 Jahre vor Jan Böhmermann löste Gerhard Polt durch seine Auftritte immer wieder kontroverse Diskussionen und breite mediale Resonanz aus – auch wenn es bei ihm nie bis zu einem Strafverfahren gekommen ist. 1981 zum Beispiel nutzte der Satiriker die ZDF-Liveübertragung der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises dafür, sich für eine vorangegangene Zensur durch Redakteure des Zweiten Deutschen Fernsehens zu revanchieren. Aus seinem Manuskript für die Sendung »Einwürfe aus der Kulisse« wurden einige Passagen über einen vom damaligen Innenminister Zimmermann geleisteten Meineid kurzerhand gestrichen. Für diesen Eingriff rächte Polt sich bei seinem Auftritt als Preisträger im Mainzer Theater Unterhaus auf ganz eigene Art – und sagte einfach »nix«. Er ließ seine zehnminütige Redezeit weitgehend wortlos verstreichen. »I sag nix. Ehrlich, i sag nix. Naa, also nicht gar nichts, sondern nix, und zwar konsequent.«

Diese Aktion veranlasste das ZDF immerhin, in den Folgejahren von einer Liveübertragung der Preisverleihung abzusehen. Im Jahr darauf holte Polt bei einem Auftritt in einer »Scheibenwischer«-Sendung zusammen mit Dieter Hildebrandt und Gisela Schneeberger gegen den Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals aus. Sämtliche Printmedien hatten sich im Vorfeld bereits mit den horrenden Kosten und mit den durch das prestigeträchtige Bauvorhaben drohenden Umweltschäden kritisch auseinandergesetzt. Und dennoch schlug diese satirisch-bissige Glosse spektakuläre Wellen der Entrüstung und brachte dem Autorenteam neben dem Grimme-Preis in Silber heftigste Reaktionen und Vorwürfe aus dem Kabinett Strauß ein, das in dem Auftritt einen Akt der »verleumderischen und bösartigen Ehrabschneidung« zu erkennen meinte. Verhindern konnten die Satiriker den »Alfons-Goppel-Prestige-Tümpel« allerdings damit nicht.

Polts provokante mediale Aufreger liegen weit zurück, heute sind derartige Skandale die Ausnahme – siehe Jan Böhmermann, ein Fall, der daran erinnert hat, was durch Satire möglich ist. Der Erfolg jedoch, den Gerhard Polt mit seiner Kunst hat, ist bis heute ungebrochen. Nach wie vor füllt der mittlerweile zur Kultfigur avancierte Bayer Säle, Theater und Bierzelte zwischen Göteborg und Zürich, zwischen Brüssel und Wien. Was aber macht seine Beliebtheit heute aus? Verwaltet er nur mehr den Erfolg seiner Ideen von einst oder erzielt seine satirische Kunst auch ohne Paukenschlag ihre Wirkung? Polt hat in seinen mehr als 40 Jahren Bühnentätigkeit eine originäre Kunstform geschaffen, er bietet Unterhaltung, aber auch die satirische Königsdisziplin der Selbstreflexion gleichermaßen an. Bayerische Raprebellen wie BBou und Liquid lassen sich von ihm ebenso inspirieren, wie sich das bildungsbürgerliche Publikum in den ehrwürdigen Münchner Kammerspielen von ihm unterhalten lässt. Burschenvereine und freiwillige Feuerwehren auf dem Land wollen ihn genauso engagieren wie traditionsreiche Kabarettinstitutionen wie die Leipziger Pfeffermühle. Auch SPD-Wahlkämpfer fragen an, sogar für CSU-Events scheint er begehrt – solche Anfragen sagt er aber in der Regel ab.

Kann man sagen, dass Sie bayerische Themen behandeln?

Polt: Naa, des woaß i ned. Mir geht es nicht um ein bayerisches Thema an sich, sondern mir geht es darum, dass ich ja nicht als Norddeutscher schreiben kann oder als Österreicher oder als Schweizer, weil ich das nicht bin. Sondern ich kann ja nur als der beschreiben, der ich bin, mit den Möglichkeiten. (…) (weiterlesen im Kursbuch 189)

Claudia Pichler, geb. 1985, ist freie Autorin und Herausgeberin und promoviert derzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München in Neuerer deutscher Literatur zum Thema »Fremdheit bei Gerhard Polt«.

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