MONTAGSBLOCK /60

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Fast unversöhnlich stehen sie sich zum Showdown gegenüber: Angela Merkel und Horst Seehofer. Zwei Semantikschränke, die vollgestopft sind mit überlieferten Zeichen, Symbolen und Bedeutungen, tausendmal gehört und gelesen. Irgendwie olle Klamotten. Muffig und leicht vergilbt. Darum herum die Medien und das politische Berlin. Resonanzschreine, die das Oberflächliche und Naheliegende hochjazzen. Die am Ende ihrer Titel & Thesen aber berechenbar wie Leitungswasser sind. Kleine Auswahl: Die CSU vernationalisiere die Flüchtlingsdebatte und nehme skrupellos alles, was ihre begrenzten Landtagswahl-Alleinregierungsaussichten verbessern könnte. Die CDU wiederum stünde für Europa, Integration und eine konstruktive Flüchtlingspolitik, mit einer Kanzlerin des ewigen Aussitzens und Zögerns. Gähn, langweil!

Deshalb hier unser Tipp zum Wochenbeginn: Den ganzen Muff einfach mal in die Waschmaschine, 60 Grad (kurze Honneur an den 60. Montagsblock), schleudern, trocknen und bügeln. Heraus kommen drei unterschiedliche Debattenstapel, die sich anschlusskommunikativ zur weiteren Verwendung anbieten.
Den ersten nennen wir Pol-Pop (PP). Eine Art Politik-Pop-Realismus. Leider voller Argumente, die auch nach dem Waschgang nicht mehr strahlen wollen. Derzeit Hochkonjunktur. Seehofer und Merkel versuchen mit starr hegemonialen Diskursstrategien ihren jeweiligen Machterhalt durchzusetzen: Seehofer schützt Deutschland vor zu vielen Flüchtlingen. Merkel schützt die Flüchtlinge vor zu viel Deutschland. Keine Versöhnung in Sicht.
Der zweite Debatten- & Klamottenberg ist waschbegründungstheoretisch schon interessanter. Wir nennen ihn Post-Pol-Pop (PPP). Eine Art Politik-Pop-Moralismus. Seehofer und Merkel suchen über normativ-moralische Pfade nach Versöhnung und Interfusion. Seehofer fördert Flüchtlinge und fordert gleichzeitig von ihnen eindeutige Anpassung und Akkulturation. Merkel fördert Flüchtlinge und fordert zumindest eine europäische Universalität der Menschenrechte. Auch hier aber nur geringe Versöhnungsaussichten. Denn strammdeutsches Wertekorsett und lebensweltnahe Diversity vertragen sich nicht.

Womit wir beim dritten und letzten Klamottenberg aus der Waschmaschine angekommen sind. Wir nennen ihn Post-Pol-Pop&Dance (PPP&D). Seehofer und Merkel einigen sich auf einen sinnstiftenden Differentialdiskurs, der punktuelle Lösungen ermöglicht. Sie fragen: Wie können Verteilungsarrangements für Flüchtlinge so getroffen werden, dass beide Seiten ihr rationales Gesicht wahren können? Mit Antworten, die die Rationalität des anderen anerkennen. Und für beide mit dem Gefühl, dass Wohltaten und Lasten „eigenlogisch“ gerecht verteilt werden.
#Dance: Es kommt zum parallelen Tanz der Perspektiven. Beide gehen aufeinander zu, führen sich in ergänzender Bewegung und schwelgen in leichtfüßiger Selbstverständlichkeit. Übersetzt ins Soziologiedeutsch: Sie versuchen die Gründe, Zugzwänge, Metaphern, Narrative, Codierungen, Dilemmas und Paradoxien, mit denen ihre Argumentationen unterlegt sind, kommunikativ offen zu halten, damit sie ihre gegenseitige Überzeugungsarbeit betreiben können.
Das benötigt jedoch eine neuen Akteurstyp. Einen Post-Pol-Popper on the Dancefloor. Oder wie es die Trainerlegende Holger Geschwindner einmal so unnachahmlich ausgedrückt hat, als er das Training mit Basketball-Legende Dirk Nowitzki begann: „Eine Grundeinstellung muss gefunden werden, die auch in schwierigem Gelände nicht gleich zu versagen droht. Sie lautet ganz einfach: Wir werden alles geben, was wir noch nie gekonnt haben!“ Viel Spaß beim Wäsche waschen!

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /60, 18. Juni 2018

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