Neulich erreichte mich der Brief eines Lesers. Er wolle seinen Medienkonsum vereinfachen, schrieb er. Und deshalb stellte sich ihm die Frage, ob er alles Wichtige aus dem Bereich Wissenschaft und Gesundheit erfahre, wenn er regelmäßig den von mir mitverantworteten Teil der Zeitung liest. Diese Frage sei ernst gemeint, ergänzte er zur Sicherheit noch in einem P.S.
Mir kam die Frage tatsächlich gar nicht so abwegig vor, obwohl sie das bei genauerem Nachdenken natürlich ist. Der Wunsch dahinter erschien mir jedenfalls unmittelbar einleuchtend. Vor gar nicht allzu langer Zeit schien er von der Welt schließlich auch noch leicht erfüllt zu werden: Wenn man jeden Tag die Nachrichten schaute und vielleicht sogar morgens die Tageszeitung las, hatte man die Informationslage ziemlich im Griff. Man konnte sich darauf verlassen, alles Wichtige erfahren zu haben (oder hatte zumindest die begründete Überzeugung, dass dies der Fall war). Noch heute ist die Endlichkeit des Informationsvolumens der Grund, warum ich gedruckte Zeitungen so mag. Man kann damit fertig werden, irgendwann hat man sie durchgeblättert und kann sie weglegen – ganz anders als das sich ständig erneuernde Internet.
Schon wir Journalisten haben kaum den Überblick darüber, was alles auf unserer eigenen Homepage erscheint, so schnell wandern die Themen über die Seite und sind bald kaum mehr auffindbar. Es ist ein Luxus, so schnell so viel lesen zu können. Doch zurück bleibt, zumindest bei mir, ein unbefriedigendes Gefühl der Vergeblichkeit, ein permanentes Bedauern des Verpassten. War es wichtig, was heute Vormittag auf unserer Homepage stand (oder bei der Konkurrenz), und was ich nicht gelesen habe, weil ich in Terminen war? Werde ich es bereuen, heute den ganzen Tag die Nachrichten nicht verfolgt zu haben? Und wenn ich jetzt die Nachrichten von heute morgen nachlese, was verpasse ich dann von dem, was aktuell jetzt wieder neu veröffentlicht wurde?
Von meiner Nichte wurde ich kürzlich wieder an den Begriff FOMO erinnert, Fear Of Missing Out. Sie wollte mit einer Freundin am Wochenende etwas unternehmen, aber die Freundin hatte zu viele Optionen für verschiedene Aktivitäten. Und weil sie in alle Richtungen Angst hatte, etwas zu verpassen (FOMO halt), gerieten alle Beteiligten in eine Art Planungsstarre, weil niemand Entscheidungen treffen konnte und wollte, um das Schicksal des Verpassens nicht fahrlässig zu besiegeln – so jedenfalls hatte ich als unbeteiligte Zuhörerin die Situation gedeutet. Aktions-FOMO ist schlimm. Medien-FOMO aber auch. Und insofern wäre ein Medium, das das Versprechen liefern könnte, alles Wichtige zu liefern, die ideale mediale FOMO-Medizin.
Aber kann es das geben? Gab es das jemals? Früher konnte man im Wissenschaftsjournalismus diesen Anspruch noch verfolgen. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen war noch deutlich überschaubarer. Es war unbestritten, dass das Wichtigste in den Journalen „Science“ und „Nature“ zu finden war. Und weil der ganz altmodische, klassische Wissenschaftsjournalismus einen großen Teil seiner Energie in den Transfer von Fachpublikationen in für den wissenschaftlichen Laien verständliche Erklärstücke steckte, war das eine naheliegende Metrik für „alles Wichtige“: Jede Woche die entscheidenden neuen Veröffentlichungen aus diesen Journalen abgebildet zu haben. Es sollte kein Nobelpreis vergeben werden zu einem Thema, über das vorher keinen Zeitungsartikel gegeben hat, das war damals noch der Anspruch, als ich in den Wissenschaftsjournalismus gewechselt bin.
Heute ist es etwas komplizierter. Allein die Nature-Gruppe hat so viele Spartenjournale gegründet (Nature Physics, Nature Astronomy, Nature Metabolism, Nature Mental Health…), dass man keine Chance mehr hat, jede Woche auch nur annähernd einen Überblick über alle neuen Veröffentlichungen zu erlangen. In Bereichen wie der KI-Forschung wird aufgrund der Langsamkeit des wissenschaftlichen Publikationsgeschäfts gar nicht mehr in offiziellen Zeitschriften, sondern nur noch auf Preprint-Servern publiziert. Wie soll man da sicher sein, dass man nichts Wichtiges übersehen hat? Wie will man garantieren, dass einem nicht eine spätere Nobelpreisentdeckung einfach durchgerutscht ist?
Zumal der Wissenschaftsjournalismus heute noch viele andere Schwerpunktsetzung gestärkt hat. Seinem Anspruch nach geht es zum Beispiel auch darum, für aktuelle Ereignisse den nötigen wissenschaftlichen Kontext zu liefern. Gehört es auch zu „allem Wichtigen“ in Wissenschaft und Gesundheit, dass man je nach Weltlage über Buckelwale, Ebola und die Funktionsweise von Gaskraftwerken informiert wird? Oder geht es gerade auch darum, die blinden Flecken der anderen Medien aufzudecken? Wichtiges zu finden, das sonst niemand aufgefallen war? Zum Beispiel mit Forschern zu sprechen und Themen und Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen, noch bevor sie veröffentlicht wurden? Wissenschaftliche Methoden zu erklären? Interessante Forscherpersönlichkeiten vorzustellen? Alltagsmythen zu entzaubern? Praktische wissenschaftlich fundierte Tipps für den Alltag zu geben?
Daran, wie schwer die Antwort auf die Leserfrage fällt, merkt man vielleicht auch, wie sehr sich die Gatekeeper-Funktion der klassischen Medien heute gewandelt hat. Vor einiger Zeit noch konnte man sagen: Wichtig sind die Themen gerade und ausschließlich dann, wenn über sie in den großen Medien berichtet wird. Das könnte ich dem Leser gegenüber auch einfach behaupten. Da wir aber heute in einer Zeit der großen FOMO leben, fällt so eine Behauptung schwer. Es passiert so viel, es gäbe so viel zu erzählen – und es gibt so viele verschiedene Lesarten davon, was „wichtig“ heißt.
Wenn man „FOMO“ googelt, findet man im Übrigen den nächsten Weiterdreh: Die Herausforderung sei, JOMO zu entwickeln, „Joy of missing out“, Freude daran zu finden, dass man sich bewusst beschränkt. Und das, muss man sagen, ist doch ein gutes Argument für das Lesen klassischer Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Sie werden nie versprechen können, ausnahmslos alles Wichtige liefern zu können. Aber sie bieten im besten Fall eine Ordnungsleistung im Kampf gegen die Zerfaserung der Welt, die Lücken lässt, um sie bei Bedarf selbst füllen zu können. Wissensinseln im stressigen und tosenden Ozean der FOMO-Informationsgesellschaft. Ohne die lähmende FOMO-Angst der verpassten Möglichkeiten. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist das heute wahrscheinlich der größere Service im Dienste der Leser – und wichtiger als die Auswahl all dessen, was angeblich unumstößlich zum vollständigen Kanon des „Wichtigen“ gehört.
Sibylle Anderl, Montagsblock /376
25. Mai 2026