Montagsblock /377

Vor einigen Tagen ging das wunderbare Münchner DOK.fest zu Ende. 109 Filme aus aller Welt. Ich hatte mir etwa 15 Filme ausgewählt und angesehen. Unter anderem den Siegerfilm „The Narrative“, der den VIKTORIA DOK.international Main Competition gewann. Die beiden schweizer Regisseure Bernard Weber und Martin Schilt hatten 14 Jahre lang daran gearbeitet. Erzählt wird die Geschichte von Kweku Adoboli, einem UBS-Trader mit schwarzer Hautfarbe in London, der 2011 für den Verlust von 2,3 Milliarden Dollar verurteilt wird. Sieben Jahre Haft. 2018 wird er aus England abgeschoben. Dort lebte er seit seinem 12. Lebensjahr. Adoboli stammt ursprünglich aus Ghana, wo er heute, 15 Jahre nach der Verurteilung in London, als Obstbauer arbeitet.

Großes Kino, zweifellos. Denn der Film versucht nicht, auf die unterschiedlichen Sirenengesänge der Narrative hereinzufallen. Er respektiert die normative Heterogenität der Erörterungslagen und Narrative. Im Angebot: Investmentbanker mit schwarzer Hautfarbe im Zentrum des Raubtierkapitalismus. Gieriger Trader, der zu weit geht. Ehrliche Haut, die Verantwortung für das Unternehmen übernimmt. Schweizer Großbank, die sich als globaler Finanzakteur die Taschen vollstopft. Kleiner Sündenbock, der fürs große Ganze geopfert und vernichtet wird. Medien, die ihn als Zocker und Verbrecher an den Pranger stellen können. In der Jurybegründung, die sich eher auf die Seite des Protagonisten schlägt, heißt es: Der Film deckt eine tiefgreifende systemische Ungerechtigkeit auf und enthüllt die kaltherzige Verantwortungslosigkeit sowie die vielschichtigen Täuschungsmanöver mächtiger Bankinstitute. Im Kern ist der Film eine schonungslose Anklage darüber, wie leicht ein Mensch zum Sündenbock gemacht werden kann, und beleuchtet eine Geschichte des Widerstands angesichts allgegenwärtigen, alltäglichen Rassismus.“

Was nun? Ein UBS-Trader wird für den Verlust von 2,3 Milliarden Dollar verurteilt. Doch ist er wirklich der Schuldige? Als Zuschauer ist man schnell mitten in der Petersilie. Umgeben von Dilemmata, denen man kaum entrinnen kann. Adoboli, der verzweifelt und gebetsmühlenartig wiederholt, er hätte nur seinen Job getan, Pflichterfüllung zum Wohle der Bank. Gleichzeitig ist er der kleine Erfüllungsgehilfe, der das schmutzige Geschäft ohne große Skrupel am Laufen hält. Die UBS, eine globale Finanzkrake, die über Leichen geht. Die weißen Trader- und Managerfreunde, die ihn bis heute in Ghana besuchen und die Freundschaft aufrechterhalten. Gleichwohl bleiben sie im System als Kollaborateure verhaftet und spielen das ökonomische Elitenabgrenzungsspiel mit. Und schließlich die Medien, die investigativ das böse Spiel an den Pranger stellen. Gleichzeitig vorverurteilen sie Menschen als charakterlich gierig, kriminell und schaffen unumstößliche Tatsachen, denn merke: irgendetwas bleibt immer hängen.

Same as it ever was?

Im Publikumsgespräch nach dem Film antwortet einer der beiden Regisseure auf die Frage, was denn nach 14 Jahren unter dem Strich für eine Erkenntnis bei ihnen zurückbleibe, mit den Worten: „Man sieht, dass der Kapitalismus alles zerstört.“

Auch so ein Großnarrativ, denke ich mir und begebe mich auf den Weg einer Begriffsklärung. Was genau sind und wie wirken Narrative? Dafür müssen wir ein wenig theoretisch graben. In einer Gesellschaft werden über kommunikative Prozesse ständig Perspektiven, Standpunkte, Beobachtungspositionen und Denkfiguren sichtbar. Diese bilden unterschiedliche Publikumszugehörigkeiten, je nach Perspektive. Die Folge: Gesellschaft als Ganzes ist nicht mehr darstellbar. Es kommt zu einer Differenzierung, positiv formuliert, oder zu einem großen Getöse oder Lärm, in dem alle permanent Selbstvergewisserung ihrer Standpunkte und Rollen betreiben, ohne sanktioniert zu werden.

Nach und nach entsteht ein riesiger Bilder- und Metaphernvorrat, mit dessen Hilfe Individuum und Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Etwa in „The Narrative“ der schwarze Investmentbanker, der es zwar aus der afrikanischen Peripherie bis nach oben geschafft hat, aber im strukturellen Rassismus untergeht. Wir sehen also: Über Begriffe, Bilder und Metaphern wird gesellschaftliche Wirklichkeit erzeugt, in der man sich als Einzelner am richtigen oder falschen Ort repräsentiert fühlt. So kann Adoboli entweder Kapitalist, Täter oder Obstbauer, Opfer sein – oder alles zusammen, je nachdem, wann und wo er sich gerade befindet. Egal wo, der soziale Sinnzusammenhang wird in eigenen Kommunikationsräumen mit je eigenen Begriffen, Bildern und Metaphern erzeugt. Das nennt man Narrative.

Die Folge: Narrative sind das Werkzeug, mit dem die Mitglieder einer Gesellschaft sozialen Sinn perpetuieren. Es ist vergleichbar mit dem Bau eines Zauns. Man verdrahtet die losen Enden (der Kommunikation) miteinander. Jeder Strang findet Anschluss. In der Soziologie beschäftigt man sich zentral mit diesem Nacheinander von Deutungssukzessionen, die in der je zeitlichen Verwendung zu analysieren sind.

Nichts anderes haben die schweizer Filmemacher auf vorzügliche Weise getan. Sie haben ein historisch-konkret ablaufendes Geschehen erzählt, ohne einem Strang die Deutungsmacht in die Hand zu drücken und ihn machtvoll aufzupumpen. Der Erfolg des Films ist klar: Erst dadurch versteht das Publikum, über was geredet wird. Jedes Narrativ schließt an ein anderes an, und es geht immer weiter. Diese Begriffs- und Erzählkaskaden über die Zeiten hinweg zu verstehen, ist das Feld der Hermeneutik, der Technik des guten Verstehens. Ob in einem außerordentlich guten Dokumentarfilm oder in einem Montagsblock, der hier ein wenig versucht hat, Narrative als großartiges Deutungsreservoir für die Selbstkonstitution von Individuum und Gesellschaft zu beschreiben.

Adoboli ist schuldig und unschuldig. Ein Mensch wie wir alle.

Peter Felixberger, Montagsblock /377

01. Juni 2026