Mein liebster Wissenschaftswitz ist dieser: Frage: Was ist die größte Leistung der Wissenschaft? Antwort: Dass man die Namen aller Sterne herausbekommen hat. Dieser kleine Witz gefällt mir deshalb, weil er sehr schön auf den Begriff bringt, womit sich die Wissenschaft so herumschlägt. Wir haben mit der Pandemie etwa eine Krise hinter uns, deren Ursache fast nur wissenschaftlich beobachtet werden konnte. Selten wurde die Funktion von Wissenschaft so transparent wie in der Pandemie, während der sich streitende Sprecher wissenschaftliche Wahrheiten an den Kopf geworfen haben, mit dem Ziel, Sachaspekte formulieren zu können, die unabhängig vom jeweiligen Sprecher gelten. Das jedenfalls darf als die latente Erwartung gelten, die wie von selbst entsteht, wenn jemand die wissenschaftliche Genese einer Aussage behauptet. Faktisch gelingt das nicht, denn Wissenschaft lebt von einer Geltungserwartung, aber die Geltung einer Aussage kann bestritten werden – und zwar mit wissenschaftlichen Mitteln. Das geht nicht beliebig, sondern muss sich an wissenschaftsintern geltende Standards halten, aber das Potential für unterschiedliche Auffassungen ist sehr groß – in manchen Fachkulturen größer als in anderen, aber es ist niemals ganz suspendiert.
Deshalb hatte auch der Slogan Follow the Science, der auch von Wissenschaftlern selbst auf Demonstrationen skandiert wurde und wird (bezüglich der Pandemie oder in Klimafragen), etwas im Kern Unwissenschaftliches, denn Wissenschaft kann die maximalen performativen Erwartungen, gewissermaßen objektive Sätze sagen zu können, nie und nimmer vollständig erfüllen. Schon die Vorläufigkeit allen wissenschaftlichen Wissens verweist darauf – und seine Vorläufigkeit ist keine Schwäche, sondern sein größtes Asset.
Überall dort, wo komplexe Sachfragen beantwortet müssen, kommt in Gesellschaften unseres Typs fast wie von selbst Wissenschaft ins Spiel – als Forschung an Gegenständen und als Geltungsgrund in Aussagen. Selbst wer das mit betrügerischen Absichten macht – aus welchen Interessen er auch immer anderen die Unwahrheit als Wahrheit auftischen möchte –, muss die Form der wissenschaftlichen Geltung schon ästhetisch erfüllen. Deshalb sah während der Pandemie manchmal der größte behauptete Bullshit aus wie ein wissenschaftliches Paper, und die größten Scharlatane haben ihre akademischen Titel noch monstranzhafter vor sich hergetragen, als Akademiker das ohnehin gerne tun.
Derzeit wird viel über den Zusammenhang von Wissenschaft und Demokratie nachgedacht. Das eine gilt als Bedingung der Möglichkeit für das andere, wie es umgekehrt auch gilt. Und doch sind beide Seiten nicht identisch. Mehrheitsfragen in der Demokratie lösen keine Wahrheitsfragen (auch wenn bisweilen anderes suggeriert wird), und Wahrheitsfragen können sich ihrer Wahrheit nicht durch demokratische Mehrheiten versichern – weder allgemein-politisch noch mikropolitisch in der Fachgemeinschaft von Disziplinen. Man baut in Universitäten demokratische Elemente ein, wenn es um Ämter geht, und etwa Gutachter für die Fachkollegien der Deutsche Forschungsgemeinschaft, die über die Forschungsförderung entscheiden, werden von den Fachgemeinschaften mit Mehrheiten gewählt – ich selbst war acht Jahre lang Mitglied des Fachkollegiums Sozialwissenschaften. Innerhalb des Gremiums haben dann wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag für die Entscheidungen gegeben – und das wissenschaftlich gesehen sekundäre Kriterium eines Mehrheitsentscheids kommt dann nur zur Anwendung, wenn man sich inhaltlich gar nicht einigen kann. In den acht Jahren kam das übrigens so gut wie nie vor.
Dass man für all das demokratisch garantierte Möglichkeiten wie die Freiheit der Forschung, die Freiheit des eigenen Urteils und die Bestandsgarantie für Minderheitenpositionen braucht, versteht sich von selbst, aber dass das die Bedingungen der Möglichkeit guter Wissenschaft ist, also notwendige Bedingung, aber keineswegs hinreichend ist für die Formulierung von Wahrheitsaussagen, versteht sich von selbst.
Nun gibt es, wenn es gut läuft, wechselseitig entgegenkommende Bedingungen: Politische Mehrheiten haben keinen Anspruch auf wissenschaftliche Wahrheit, wie auch wissenschaftliche Wahrheit keinen Anspruch auf Mehrheiten haben können, was schon deshalb notwendig ist, weil Wissenschaft seine Wahrheitsgeltung sehr selbstbezogen erzeugt. Wissenschaft beschäftigt sich zwar gewissermaßen hauptberuflich mit der wahrheitsförmigen Beantwortung von Sachfragen. Aber sie hat letztlich keinen privilegierten unmittelbaren Zugang zu den „Sachen“ – ganz im Gegenteil. Im nicht-wissenschaftlichen Alltag ist dieser unmittelbare Zugang viel einfacher zu haben: Es gilt, was sich durchsetzt, einschließlich aller Typisierungen, Vorurteile, Gewohnheiten, Routinen und Perspektiven, die aussehen, als seien sie keine.
Die wissenschaftliche Einstellung beginnt dort, wo diese Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden und eine Reflexion über die Konstitution des Gegenstandes stattfindet: Was kann man überhaupt sehen? Mit welchen Instrumenten? Mit welchen Daten? Mit welchen Fragen? Mit welchen Verzerrungen? Mit welchen Methoden? Mit welchen unbefragten Unterstellungen? Genau genommen reflektiert Wissenschaft (in einem Idealbild) stets die Bedingung ihrer eigenen Unmöglichkeit, indem sie sich auf sich selbst beziehen muss und letztlich paradoxerweise nur das sehen kann, was sie sich zu sehen zumutet. Deshalb ist der wissenschaftliche Streit, wenn er kompetent geführt wird, so wunderbar: Es ist ein Streit darum, was man sehen kann und was nicht. Dass es dann auch in der Wissenschaft blinde Routinen, zu sicher geglaubte Voraussetzungen und schlicht Disziplin- und Theoriepolitik gibt, dürfte nur denjenigen erstaunen, der nicht sieht, dass auch die Wissenschaft von dieser Welt ist. Und dass man im Wissenschaftsbetrieb oft eher auf Sekundärkriterien schaut (Drittmittelaufkommen, Zitationsindizes, Differenziertheit des Personals etc.), hat vor allem Ordnungsfunktionen, die man nicht unterschätzen sollte, denn die sekundären Kriterien verhindern zumindest, dass man die Leute inhaltlich allzu kontingent beurteilt. Aber das ist ein anderes Thema.
Das Vorläufige an der Wissenschaft ist das Aufregende. Und es ist Ausdruck ihrer produktiven Selbstbezogenheit. Deshalb ist der Zusammenhang von Demokratie und Wissenschaft vor allem eine Frage der aktiven Nicht-Einmischung. Demokratische Politik darf zwar Inhalte befördern – Themen durch Anreize forcieren, bestimmten Forschungsfragen durch besondere Förderungsmöglichkeiten auf die Sprünge helfen usw. –, sie darf aber nicht wissenschaftliche Ergebnisse präjudizieren. Ein gelungenes Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft wäre ein wechselseitiges Enthaltsamkeitsgebot – das eine nicht durch das andere zu ersetzen. Im besten Falle wäre es ein Irritationsverhältnis – Politik kann Rahmenbedingungen ändern, muss aber auf den genuin wissenschaftlichen Umgang mit diesen Rahmenbedingungen vertrauen, und Wissenschaft kann politisches, kollektiv verbindliches Entscheiden sehr wohl deutlich irritieren, aber nicht mit dem Anspruch, an die Stelle des politischen Mechanismus der Meinungs- und Mehrheitsbildung zu treten. Beiden Seiten fällt diese Sparsamkeitsregel bisweilen schwer.
Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick in das sachsen-anhaltinische Wahlprogramm der AfD. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es dort in absehbarer Zeit einen AfD-Wissenschaftsminister geben könnte. Das Programm ist ganz und gar schamlos: Es präjudiziert deutlich bereits Forschungsergebnisse, die etwa von einem einzurichtenden Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft erwartet werden, und es will eine bestimmte Denkungsart fördern oder manche Themen und Ansätze ganz verbieten. Man sollte das lesen, um zweierlei zu lernen: erstens, was uns blüht, wenn es Antidemokraten sind, die für eine „Demokratisierung“ der Wissenschaft sorgen wollen. Es wäre ein Unterschied ums Ganze; zweitens, dass solche Aspirationen nicht nur von der AfD bekannt sind, allenfalls subtiler formuliert werden. Die Kulturkämpfe um Wissenschaft und wissenschaftliche Themen gibt es zum Teil auch ohne die AfD.
Gerade die Vorläufigkeit der Wissenschaft und der kategoriale Unterschied von Mehrheitsfragen und Wahrheitsfragen muss das Bewusstsein dafür schärfen, dass Wissenschaftsfreiheit auch heißt, dass die Enthaltsamkeit der Politik bei der inhaltlichen Ausgestaltung der Wissenschaft unverzichtbar ist. Was „unwissenschaftlich“ ist und was nicht, was wissenschaftlich taugt und was nicht, was womöglich entbehrlich ist und was nicht, was man aushalten muss, selbst wenn man es für falsch hält, muss wissenschaftlich und wissenschaftsintern geklärt werden und nicht als Mehrheitsfrage. Mir fielen durchaus Dinge ein, die ich in Fächern, von denen ich etwas verstehe, nicht nur für entbehrlich, sondern auch für schädlich halte. Aber man müsste sich hier gegen jede außerwissenschaftliche, politische, im Namen demokratischer Mehrheiten formulierte Forderung stellen, die heute so leicht über die Lippen geht, was man alles defunden oder schließen soll.
Wissenschaftsfreiheit ist keine Freundlichkeit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gegenüber, sondern eine kategoriale Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft, vor allem von guter Wissenschaft überhaupt. Schon jetzt gibt es Akteure, die das in Frage stellen. Vielleicht kann man es am besten von denen lernen, die unsereins fremd genug und am Ende feindlich gesonnen sind: das AfD-Programm aus Sachsen-Anhalt, das in seinen hochschul- und wissenschaftspolitischen Teilen an Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Wenn man es genau liest, kommt einem aber manches bekannter vor, als man es sich eingestehen will.
Wenigstens kennt man jetzt schon die Namen aller Sterne.
Lesetipp zum Thema: Peter Strohschneider: Wahrheiten und Mehrheiten. Kritik des autoritären Szientismus, München: C.H. Beck 2024.
Montagsblock /375, Armin Nassehi
18. Mai 2026