Als ich klein war, gab es glücklicherweise noch kein Internet. Meine Eltern hatten nicht einmal Privatfernsehen. In den Genuss umstrittener Inhalte zu kommen, war für mich also bei Weitem nicht so einfach, wie es das heute wäre. Aber es war trotzdem möglich, selbst ohne dieses Ziel absichtlich zu verfolgen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich an einem Nachmittag in den Ferien in der Stadtbibliothek ein vermeintliches Archäologiebuch aus dem Regal zog, von außen für meine Begriffe seriös wirkend, und es dann, zunehmend verstört, mehrere Stunden lang nicht mehr aus der Hand legen konnte. Das war mein erster Kontakt mit Erich von Däniken. Mir kam es damals durchaus nicht unplausibel vor, dass man den Bau der Pyramiden in Mexiko, Ägypten und anderswo am besten mit der Annahme verstehen kann, dass den Menschen damals Aliens zur Hilfe gekommen waren. Was mich allerdings entrüstete, war, dass meine Eltern mir von alledem bis dahin nie ein Wort gesagt hatten. Und die wiederum reagierten – damit konfrontiert – ähnlich entrüstet, was für einen Quatsch ich denn bitte in der Bibliothek ausgegraben hätte.
Die pädagogische Intervention meiner Eltern ist bei mir sehr erfolgreich gewesen. Erich von Däniken war seitdem abgehakt. Dass ich später als Astrophysikerin dann doch immer wieder mit Außerirdischen konfrontiert sein würde, war damals noch nicht absehbar. Vielleicht ist der damalige Nachmittag in der Bibliothek aber ein bisschen dafür verantwortlich, dass mich Aliengeschichten und die menschliche Motivation dahinter nach wie vor sehr faszinieren und amüsieren.
Denn darüber zu staunen, was frühere Kulturen mit ihren begrenzten Mitteln und Werkzeugen zu erschaffen vermochten, ist zwar absolut nachvollziehbar. Aber dieses vermeintliche Rätsel dann mit etwas auflösen zu wollen, das in einem irren Maße noch viel unplausibler und erstaunlicher wäre (zum Beispiel Aliens, die Sex mit Menschen haben – was für ein Zufall wäre es, wenn das möglich wäre??), ist so eine typisch menschliche Verrücktheit, dass sie einem schon fast wieder sympathisch sein müsste, hätten wir nicht momentan weltweit so viel Ärger mit dem menschlichen Hang zu absurden Verschwörungstheorien. Erich von Däniken ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie kreativ wir Menschen beim Suchen nach Hinweisen darauf sein können, was wir unbedingt glauben wollen. Und wie leicht wir uns damit kollektiv anstecken können.
Daran musste ich am Sonntag denken, als ich las, dass Erich von Däniken gestorben ist. Und natürlich kam mir als nächstes gleich die Frage in den Sinn, was denn eigentlich mit dem vermeintlichen Alien-Raumschiff 3I/Atlas passiert ist, dem interstellaren Himmelskörper, der auf dem Weg durch unser Sonnensystem zwischenzeitlich hinter der Sonne in Deckung gegangen (siehe Montagsblock #337) und mittlerweile wieder von der Erde aus sichtbar ist.
Wir erinnern uns: 3I/Atlas bewegt sich auf einer Flugbahn, die ihn als Besucher aus einem anderen Sonnensystem kennzeichnet. Solche weitgereisten Körper haben wir bisher sehr selten beobachtet, 3I/Atlas ist erst der dritte dieser Art. Daher haben wir noch nicht viel Erfahrung damit, wie ein typischer interstellarer Körper auszusehen hat. Diese Ungewissheit eröffnet wiederum Räume für Spekulationen. Der Astrophysiker Avi Loeb ist einer, der diese Räume gerne füllt.
Der Harvard-Professor, der seit 2021 ein Alien-Forschungsprogramm koordiniert, hat eine gewisse Expertise darin entwickelt, interstellare Objekte wie 3I/Atlas mit der Idee zu verbinden, sie könnten von Außerirdischen gebaute Raumschiffe sein. Beim aktuellen interstellaren Objekt sah er zunächst dessen vermutete ungewöhnliche Größe und seine Flugbahn nahe der Bewegungsebene der Planeten als Argumente für diese Deutung an. Zumindest was die Größe angeht, war aber bald klar, dass 3I/Atlas doch kleiner und damit normaler ist, als Loeb dachte. Doch immer, wenn eine von Loebs vermeintlichen Anomalien durch wissenschaftliche Erklärungen und immer bessere Beobachtungen entkräftet wurde, fand Loeb neue ungewöhnliche Eigenschaften bei 3I/Atlas. Und entwickelte neue Thesen in seinem Blog.
Zwischenzeitlich spekulierte er etwa, dass die Aktienmärkte auf der Erde kollabieren würden, wenn 3I/Atlas am erdnächsten Punkt seiner Bahn seinen Kurs ändern und in unsere Richtung abdrehen würde. Am 19. Dezember hätte dieses Manöver stattfinden sollen. Aber 3I/Atlas folgte auch an diesem Tag stur weiter seiner Ursprungsbahn. Am 20. Dezember schrieb Loeb, das sei auch gar nicht so verwunderlich: „Als 3I/Atlas seine Reise begann, gab es noch gar keine Menschen auf der Erde. Und zudem ist unter den Planeten des Sonnensystems der Jupiter mit der 318-fachen Masse der Erde derjenige, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.“ Ja klar, das hätte man sich gleich denken können.d
Seither ist 3I/Atlas von Astronomen weltweit weiterhin intensiv beobachtet worden. Und von fast allen wird die Diagnose geteilt: 3I/Atlas verhält sich wie ein gewöhnlicher Komet. Avi Loeb sträubt sich noch immer, das genauso festzustellen, auch wenn aus seinen Beiträgen mittlerweile herauszulesen ist, dass er seine Aliendeutung im Grunde nur noch aus Prinzip aufrecht erhält (schließlich weiß man in der Wissenschaft nie etwas mit völliger Sicherheit).
Nachdem er sich zwischenzeitlich intensiv mit dem Schweif des Körpers beschäftigt hatte, ist er nun zurück bei dessen ungewöhnlicher Flugbahn. Die sei im Prinzip ideal dafür geeignet, dass interstellare Besucher die Atmosphäre aller inneren Planeten unseres Sonnensystems nach biologischen und technologischen Spuren untersuchen könnten. In der Praxis funktioniert das allerdings doch nicht ganz so perfekt, denn aufgrund der leichten Bahnneigung von 3I/Atlas zur Ekliptik waren die Beobachtungsbedingungen doch nur für eine Analyse unseres Nachbarn Venus geeignet. Da hätten die Aliens also einen Planungsfehler begangen. Und noch einen weiteren Rückschlag musste Loeb verkraften: Radioastronomen haben mit Teleskopen des SETI-Instituts nach Signalen bei Frequenzen zwischen 1 und 9 GHz gesucht. Aber 3I/Atlas funkt nicht. Und das obwohl er fast aus der Richtung kommt, aus der 1977 das „Wow!-Signal“ empfangen wurde, das zwischenzeitlich als Alienbotschaft gedeutet wurde (heute aber auf astrophysikalische Quellen zurückgeführt wird).
Man kann also sagen: Es ist mittlerweile ziemlich aussichtslos, 3I/Atlas mit Aliens zu verbinden. Dabei wäre es eine so schöne Geschichte gewesen, wenn Erich von Däniken ganz am Ende seines Lebens doch noch Recht behalten hätte. Mit Avi Loeb hat er aber zumindest einen Nachfolger, der die akribische Suche nach Hinweisen auf Außerirdische weiter fortführen wird. Und der uns weiterhin eindrucksvoll demonstriert, wie gut wir darin sind, Hinweise auf etwas zu finden, das wir finden wollen.
Sibylle Anderl, Montagsblock /357
12. Januar 2026