Fliegt gerade ein Alien-Raumschiff durch unser Sonnensystem? Die Frage stellt sich gerade der Astrophysiker und Harvard-Professor Avi Loeb, nachdem am 1. Juli zum erst dritten Mal ein Himmelskörper entdeckt wurde, der uns offensichtlich aus einem anderen Sonnensystem besucht. Dass er von sehr weit her kommen muss, zeigt sich an seiner hyperbolischen Bahn und seiner hohen Geschwindigkeit von etwa 60 Kilometer pro Sekunde. Beides schließt aus, dass sich 3I/Atlas auf einer geschlossenen Bahn um die Sonne herum bewegt. Im Oktober wird der Körper den der Erde nächsten Punkt auf seiner Bahn erreichen, knapp innerhalb der Bahn des Planeten Mars. Dann wird man ihn allerdings nicht sehen können. Im September verschwindet er hinter der Sonne und taucht erst im Dezember wieder auf. Bis dahin sammeln Teleskope auf der ganzen Welt so viele Daten wie möglich, um Informationen über seine Beschaffenheit abzuleiten.
Was man bisher weiß: 3I/Atlas ist offenbar ein Komet. Er besitzt also eine eisige und staubige Oberfläche, die abdampft, wenn er durch das Sonnenlicht erhitzt wird. Pro Sekunde verliert er so derzeit bis zu 60 Kilogramm an Staub, wie Astronomen mithilfe des Hubble Weltraumteleskops ermittelten. Der Radius seines Kerns ist den Messungen zufolge maximal drei Kilometer.
Das alles klingt soweit nach einem relativ normalen, staubreichen Kometen, ohne dass man Aliens bräuchte, um ihn zu verstehen. Dem Harvard-Professor Avi Loeb bereitet allerdings die Flugbahn des Objektes Kopfzerbrechen. Erstens fliegt er relativ genau in der Bahnebene der Planeten und wird auf seiner Bahn Mars, Venus und Jupiter sehr nah kommen. Zweitens bewegt er sich gerade unbeschadet durch den Asteroidengürtel, obwohl es dort reichlich potentielle Kollisionspartner gibt.
Vermutlich sind diese Dinge Zufall – so würden das fast alle mit diesem Thema befassten und nicht befassten Astrophysiker feststellen. Oder eben auch nicht, wie Avi Loeb und seine Anhänger vertreten. Die ihnen zufolge naheliegendere Erklärung: bei 3I/Atlas könnte es sich um ein Alien-Raumschiff handeln, dessen Bahn extra auf die Erkundung der Planeten des inneren Sonnensystems ausgelegt ist. Seine Bewegung würde es ermöglichen, Mini-Sonden auszusetzen, um Mars, Venus und Jupiter zu untersuchen. Von der Erde aus wäre das – siehe oben – allerdings nicht beobachten (auch das vielleicht kein Zufall?). Und die unfallfreie Navigation durch den Asteroidengürtel könnte laut Loeb auf ein Navigationssystem aus Teilchen zurückführen sein, die 3I/Atlas in Flugrichtung aussprüht, um vor Hindernissen gewarnt zu werden.
In Loebs jüngstem Artikel zu dem Thema stellt er in Aussicht, dass sich die Frage nach der Natur von 3I/Atlas auf der Grundlage weiterer Beobachtungen in den nächsten Monaten auflösen wird. „Wissenschaft macht Spaß, weil die Beschäftigung mit Fakten uns erlaubt, Unerwartetes zu entdecken“, schreibt er.
Was aber genau „Unerwartetes“ umfasst, darüber ist man in der astrophysikalischen Community unterschiedlicher Auffassung. Für Avi Loeb ist 3I/Atlas nicht der erste Himmelskörper unter Alien-Verdacht. Schon als 2017 der erste interstellare Besucher mit Namen Oumuamua entdeckt wurde, stellte er die These in den Raum, dass es sich um ein Alien-Raumschiff handeln könnte. Oumuamua war damals erst entdeckt worden, als er sich schon wieder auf dem Weg aus dem Sonnensystem hinaus befand. Die vorliegenden Beobachtungen waren daher schlecht und spärlich, und entsprechend groß war der Interpretationsspielraum.
„Außergewöhnliche Behauptungen brauchen außergewöhnliche Beweise“ war damals (wie heute) die verbreitete Reaktion der Community auf Loebs Alien-Thesen, die er wenig später auch in einem Sachbuch ausführte. Loeb dagegen sah hier erkenntnistheoretische Zensur am Werk. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte er einen Artikel, in dem er unter Berufung auf den Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn und verschiedene psychologische Wahrnehmungstheorien die These vertrat, dass die Astrophysik im gängigen Paradigma fruchtbaren und kreativen Ansätzen wie seinem gegenüber blind und feindselig ist. Oumuamua sei ein klassisches Beispiel dafür, wie Wissenschaftler in ihrem herrschenden Paradigma sich widerstrebenden Ansätzen widersetzten. Das aber sei ein Verhalten, das riskiere, der Menschheit potentiell transformative Entdeckungen vorzuenthalten.
Der Fall Oumuamua wird sich nie zweifelsfrei klären lassen. Es ist interessant, ob es bei 3I/Atlas möglich sein wird, jedes Alien-Schlupfloch zu schließen. Die Astrophysik ist schließlich eine Wissenschaft, die aufgrund der Schwierigkeiten der Datenaufnahme (man kann nur von Weitem beobachten!) in besonderer Weise in ihren theoretischen Erklärungen unterdeterminiert ist. Aber die Diskussion, die Loeb angestoßen hat, ist interessant. Denn die Frage, welche Grundannahmen wir bei unserem Versuch, unsere Umwelt zu verstehen, unangetastet lassen sollten und welche nicht, ist etwas, das uns momentan in vielen Gebieten begegnet. Sie liegt im Herzen der zahlreichen existierenden konkurrierenden Weltsichten und Verschwörungstheorien, die unsere gemeinsame Realität bedrohen.
Ist es rational vertretbar, lieber erstmal nach Erklärungen im Rahmen unserer akzeptierten physikalischen Theorien zu suchen, statt Aliens in Betracht zu ziehen? Ist es vernünftig, davon auszugehen, dass nicht die weltweit operierenden Eliten die angebliche Tatsache vertuschen wollen, dass die Erde in Wirklichkeit eine Scheibe ist?
Bei Thomas Kuhn ist nachzulesen, warum es keinen Weg außerhalb paradigmengeleiteter Forschung gibt: Wir brauchen ein geteiltes Fundament von Grundannahmen, um überhaupt in unserer Erkenntnis voranzukommen. Deshalb sind Paradigmen derart träge, ihr Fundament in Zweifel ziehen zu lassen: Ohne ein geteiltes Paradigma mit all seinen notwendigen Blindheiten ist man im Stadium des vorparadigmatischen Forschens, das nicht mehr ist als ein kaleidoskopisches Faktensammeln. Es muss also schon eine massive Krise des Paradigmas spürbar sein, damit sich eine wissenschaftliche Revolution wirklich lohnt. Ab wann das der Fall ist, daran scheiden sich die Geister. In Bezug auf die Aliens herrscht bisher allerdings unter den Astrophysikern noch große Einigkeit: 3I/Atlas müsste schon sehr waghalsige und ungewöhnliche Flugmanöver absolvieren, damit seine Deutung als interstellares Raumschiff gegenüber den vielfältigen denkbaren physikalischen Erklärungen seiner Eigenschaften als attraktiver gelten würde. Man kann Avi Loeb daher nur wünschen, dass 3I/Atlas im Asteroidengürtel tatsächlich noch auf ein ernstzunehmendes Hindernis stößt.
Sibylle Anderl, Montagsblock /337
18. August 2025