Fürchtet euch nicht!
Die Neujahrsgeschichte von Peter Felixberger
Das Jahr 2025 irrte ziellos durch die Stadt. Grauer Nebel nahm die Straßenfluchten in den Klammergriff. In den Schaufenstern hielten sich modisch gekleidete Puppen an ihren Preisschildern fest, überall roch es leicht verbrannt nach Bratwürsten und Maroni. Die Menschen zogen ihre Bahnen zwischen aalglatten Schaufensterfronten. Ein leises Summen wie im Bienenschwarm schwirrte durch die Einkaufsschluchten. Pralle Einkaufstüten drückten Hände nach unten, schreiende Kinder zupften hysterisch an den Mänteln ihrer Eltern, Bierbäuche verschwanden plötzlich im Schlund von geschmückten Gasthäusern. Die große Parade der Packesel.
2025 stand mittendrin und klammerte sich an ein Glas Glühwein. Sein letzter Tag. Vor wenigen Stunden wurde ihm klar, dass er morgen bereits arbeitslos sein würde. Immer wieder lief in seinem Gedächtnis der Film ab. Im Zeitraffer. Wie er müde aus der Tiefgarage mit dem Aufzug in seine Büroetage hochfuhr. Wie er beim Betreten des Flurs roboterhaft nach links und rechts „Guten Morgen“ brummte. Wie sich leichte Hitze unter seinem Mantel ausbreitete, als er sein Büro betrat. Wie die Fenster ungewohnt offenstanden. Die Möbel überzogen mit Plastikplanen, aufgetürmt in der Mitte des Raumes. An den Wänden rollten dicke Pinsel rauf und runter. Neue auf alte Farbe. Ein schmächtiger Lehrling rülpste in die nächste Ecke.
Wie 2025 plötzlich seine Füße spürte. Wie sie gusseisern im Teppichboden zu versinken drohten. Wie er ahnte, dass seine Karriere gerade als Luftzug durch die offenen Fenster abzog. Die Maler drehten sich um und starrten ihn an. Es brach eine lange Sekunde an. 2025 erstarrt zur Salzsäule, die Aktentasche rutschte wie zähe Marmelade die Hosenseiten hinunter, der Mund war voller Unverständnis leicht geöffnet. Als er sich langsam umdrehte, stand der Januar 2026 im Türrahmen. Der den bleiernen Satz sprach: „2025, du sollst zum Chef!“
2025 war klar: Mein letztes Stündlein hat geschlagen. Es hatte sich über Wochen angekündigt: Im Land herrschte miese Stimmung, verbockte Pläne und übles Geraune. Wie eine Kreissäge durch Weichholz bahnte sich 2025 seinen Weg zum Chef. Schnurstracks vorbei an Kopiergeräten, Wasserspendern, Grünpflanzen, Produktplakaten und Klotüren. Das Rautenmuster im Teppichboden wies ihm den Weg. Der Atem ging schneller, im Gleichschritt marsch. Zwei Treppen rauf, fast polternd durch die Tür in die Chefetage. Mitten in die Hände von Hildegard Reibeisen.
„Guten Morgen, 2025“, zirbelte die Chefsekretärin im Vorzimmer. „Noch einen kleinen Augenblick“, würzte sie hinterher, „Herr Dr. Göttlich ist gleich so weit.“ 2025 spürte klirrende Kälte und fröstelte. Er starrte auf seine Hände, wo sich die Poren tief in die Haut eingruben und die Haare mit in die Tiefe zogen. Fasziniert beobachtete er das Mikroschauspiel auf seiner Haut, als Reibeisen ihre Nase hob: „Herr Dr. Göttlich lässt bitten.“
„Ach, 2025, kommen Sie doch herein“, schalmeite es aus einiger Entfernung. Dr. Göttlich hatte die Arme geöffnet, als ob er zur Segnung von Hostien anheben wollte. Sein Rechtsscheitel klebte nüchtern am Schädel, die rote Krawatte halbierte akkurat seinen Oberkörper, die Brille plumpste lustlos auf die Nasenflügel. Eine Führungskraft eben. „Bitte setzen Sie sich doch.“ Und noch ehe Dr. Göttlich zu einer Suada anheben konnte, wie komplex die Weltlage im Moment sei, wie ihm Politiker und Manager im Nacken säßen, wie der Entscheidungsdruck bleiern auf seinen Schultern lasten würde, erhob sich 2025 von seinem Stuhl, richtete sich in voller Streckung auf und begann, einfach mal die Luft anzuhalten. Er fixierte Dr. Göttlich mit festem Blick. Stillstand im Brustkorb.
Keine weitere Abfolge von Rede und Gegenrede. Dr. Göttlich war etwas zurückgewichen und nestelte bereits an seiner Freisprechanlage herum, um sich für den Ernstfall zu wappnen, sollte 2025 umkippen. Nur ein kurzes Drücken, und Hildegard Reibeisen könnte seinen Hilferuf entgegennehmen. Doch 2025 stand da, schwieg und hielt weiter die Luft an. Sekunden lösten sich in Luft auf. Dr. Göttlich suchte den Korridor zurück zur Normalität: „2025, das bringt doch nichts. Es ist nicht gegen Sie oder Ihre Arbeit gerichtet.“
Dr. Göttlich begann zu schwitzen. Zuerst spürte er eine leichte Hitze, die sich gallertartig ausbreitete. Wie ein Lavastrom züngelte sie über seinen Körper. Und zwang ihn, Schweiß zum Löschen zu produzieren. Ein fetter Tropfen begann sich von der Stirn in Richtung Augenhöhle in Bewegung zu setzen. Zunächst ein Rinnsal, das auf seinem Weg die Feuchtigkeit aufsog und größer wurde. Bis es seine scharfe, salzige Fracht im Auge ablud.
Die Sekunden vergingen wie im Flug. 2025 war bereits in jener Phase angekommen, in der die Aufforderung, nach Luft zu japsen, massiv in seinem Gehirn anklopfte. Er dachte an eine Eieruhr, in der die letzten Salzkörner durch das schmale Loch in den Salzbauch fielen. Und zählte jede einzelne von ihnen im Geiste mit. Er erinnerte sich an seinen letzten Saunabesuch, wo er sehnsüchtig das Ende der Eieruhr herbeisehnte, weil ihn der Hitzedampf eines Wasseraufgusses umzubringen schien. Er aber wollte keine Sekunde vor Ende der Eieruhr den Holzverschlag verlassen.
Auch Dr. Göttlich geriet langsam in Unordnung. Er hatte zwischenzeitlich seinen rechten Arm nach oben gerissen und die Fingerkuppe seines Zeigefingers in das versalzene Auge gerammt. Wie ein Radiergummi rieb er die ätzende Fracht aus dem Weg. Gleichzeitig bemerkte er, wie sein linker Arm gefühllos an der Seite baumelte. Jeder Versuch, ihn wieder unter Kontrolle zu bringen, scheiterte. Und langsam krabbelte die Ohnmacht durch den Körper von Dr. Göttlich hindurch. Auf ihrer Reise legte sie Synapsen lahm, verlangsamte hie und da die Blutzirkulation, sperrte das eine oder andere Gelenk ab und ließ langsam den Dampf der Bewusstheit aus diesem Körper strömen. Dr. Göttlich sackte in Zeitlupe in seinen Sessel zurück. Und saß still und starr da wie der See.
Im Gehirn von 2025 pochten mittlerweile gewisse Regionen auf ihr Recht einer angemessenen Sauerstoffversorgung. Ein Gefühl der Zweiteilung breitete sich aus. Oben der scharfe Verstand, der jede Millisekunde analysierte und Empfehlungen quer durch das Gehirn schleuderte, weiter unten der Körper, der zunehmend besinnungslos abwartete, was passieren würde. 2025 sank abrupt in einen Stuhl. Langsam stieg stille Nacht in ihm auf.
Dann riss es ihn aus seinem Traum. Mit einem himmelhochjauchzenden Seufzer öffnete er in letzter Sekunde die Atemschleusen. Wie beim Zapfen eines Bieres gluckerte die Büroluft durch Nase und Mund. Zuckte in die Lungen, hechtete in die Blutbahnen zum Gehirn. „Was haben Sie gesagt?“, fragte 2025 im sicheren Gefühl seiner fünf Sinne. Als er bemerkte, dass Dr. Göttlich fast regungslos im Sessel hing, stürzte er auf ihn zu und schrie: „Aufwachen!“
Dr. Göttlich erreichte das Wort kurz vor dem Fegefeuer, das er just auf seiner Fantasiereise ansteuerte. Wie ein Hieb durchschnitt es seinen weiteren Weg. So kehrte er um und sah plötzlich ganz dicht über sich gebeugt: das Jahr 2025.
„Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“, brüllte Dr. Göttlich. „Warum?“, murmelte 2025. „Ich wollte Sie doch nur fragen, welche Neujahrsgeschichte wir dieses Jahr unserer Bevölkerung auftischen wollen. In diesen lausigen Zeiten“, schrie Dr. Göttlich. 2025 war wie vom Donner gerührt. „Vielleicht etwas Zeitgemäßes“, stammelte er zurück. „Vielleicht über jemanden, der zu Neujahr arbeitslos wird.“ „Unsinn“, entgegnete Dr. Göttlich. „Wollen Sie uns allen das Neue Jahr versauen?“
2025 bestellt eine neue Tasse Glühwein. Fest verankert, mitten in der City. Zusammen mit den Kolleg:innen aus dem Büro. Wie herrlich bunt die Schaufenster dekoriert sind, wie würzig die Luft nach Bratwürsten und Maroni riecht. Und die Menschen fröhlich aus den Kaufhäusern schlendern. Das Strahlen der Kinderaugen lässt gar den Asphalt schmelzen. Und leise summt 2025 ein zartes „Alle Jahre wieder“. Als gerade 2026 um die Ecke biegt.
Peter Felixberger, Montagsblock /355
29. Dezember 2025