Das Jahresende, die Zeit der Besinnung, Selbstreflexion und psychischen Familiendiagnostik. Was läuft gut, was könnte besser laufen? Wo will man sich verändern, was nervt die Angehörigen? Zum Beispiel: Die Mitte 20-jährige Nachwuchsgeneration behauptet, ich hätte eine freizeitablehnende Haltung. Der Mythos der viel zu viel arbeitenden Tante hält sich schon seit vielen Jahren. Und jedes Mal sage ich: Das ist keine Freizeitfeindlichkeit. Ich liebe einfach meine Arbeit so sehr, dass ich auch in meiner Freizeit gerne schreibe und lese und Projekte verfolge.
In diesem Jahr bekam ich daraufhin eine Geschichte zu hören. Eine auch Mitte 20-jährige Bekannte spiele gerade an einem Theater ihre erste Hauptrolle. Und achte dabei penibel auf ihre Arbeitszeiten. Wenn ihre tägliche 8-Stunden-Schicht vorbei ist, dann sei der Arbeitstag für sie auch wirklich zuende. Man kann sich vorstellen, dass diese Praxis ihre Mitspieler vor einige Herausforderungen stellt. Was, wenn das Ende der acht Stunden mitten in die Probe eines Hauptrollendialogs fällt? Aber: Sie zieht das durch, komme was wolle. Sie hat dafür auch ein im Prinzip schlüssiges Argument. Nur wenn sie sehr konkret eingezäunte Arbeitszeiten hat, arbeite sie in den acht Stunden wirklich gut und konzentriert.
Ob ich das nicht auch plausibel fände, wurde ich gefragt. Darüber musste ich nachdenken. Zumindest fällt mir in meiner eigenen Arbeit der Einstellungsunterschied in Bezug auf Arbeitszeiten zwischen den Älteren und vielen Vertretern der jüngeren Generation immer wieder auf. Wenn die allererste E-Mail eines neuen Praktikanten den Betreff „Urlaub“ hat. Oder das Abschlussgespräch nach dem Praktikum daran scheitert, dass überraschend ein Wochenendendausflug dazwischenkam. Angeblich stimmt es ja gar nicht, dass die jungen Menschen weniger arbeiten. Aber zumindest kommunizieren sie anders. Mit Wahnsinn-wie-viel-ich-wieder-gearbeitet-habe-Geschichten kann man bei vielen nicht mehr punkten. Und so nervig ich das in der Praxis oft finde, wenn die willige Flexibilität meiner Generation bei der Übernahme unvorhergesehener Aufgabe außerhalb der Kernarbeitszeit auf die durchgetaktete Work-Life-Balance der jungen Kollegen trifft. Irgendwie ringt es mir doch Respekt ab.
Mein erster Impuls war trotzdem, zu sagen: Wenn einem die Arbeit Spaß macht und man sie mit Leidenschaft verfolgt, dann braucht man keinen 8-Stunden-Slot. Dann fiel mir aber ein Gespräch ein, das ich neulich mit einem jungen Kollegen geführt hatte. Der war gerade aus dem Urlaub gekommen und freute sich, dass er endlich mal etwas lesen konnte, das nicht Teil einer Recherche war. Und da erinnerte ich mich wieder, wie viele neue Thesen und Ideen und inhaltliche Vernetzungen sich mir bei meinem letzten Leseurlaub eröffnet hatten.
Im Feuilleton der FAZ, so wird erzählt, gab es lange Zeit das Recht, sich einmal pro Woche einen „Lesetag“ zu nehmen, an dem man als Redakteur von allem anderen freigestellt war. Die Geschichte sorgte noch zu meiner Zeit in Frankfurt für viel Spott, und wurde von Kollegen als Sinnbild der verwöhnten Feuilletonisten missbraucht, auch wenn der Lesetag wohl schon lange der Vergangenheit angehörte.
Mittlerweile ist der journalistische Alltag noch hektischer geworden. Lesetage klingen wie eine Idee aus einer längst untergegangenen fremden Kultur. Ständig muss man heute nicht nur möglichst schnell auf all das reagieren, was in der Welt geschieht. Sondern auch auf das, was die Kollegen schreiben. Dass trotz dieser Hektik noch hochwertiger Journalismus entstehen kann, liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten Kollegen in den großen Medienhäusern ein sehr solides Fundament aus langjähriger Erfahrung und Fachwissen haben. Daran, dass sie mal irgendwann viel Zeit hatten, Dinge zu lesen, über die Zusammenhänge nachzudenken und mit anderen Menschen über ihre Themen zu diskutieren. Dieses Fundament ordentlich zu warten, ist etwas, das in der Hektik des Alltags oft zu kurz kommt.
Und mit diesem Gedanken musste ich dann doch zugeben: Wenn die Zeit außerhalb der 8-Stunden-Kernarbeitszeit für solche Wartungsarbeiten genutzt werden kann, dann ist es vielleicht doch eine plausible These, dass der Kampf für Work-Life-Balance den Arbeitsoutput verbessert. Dafür muss man wahrscheinlich in der Freizeit nicht einmal Bücher lesen. Denn alle Arten von Erfahrung, von Erlebnissen und Interaktionen mit anderen Menschen können zumindest in kreativen Berufen vielleicht genau die Impulse liefern, um für etwas wirklich Neues sorgen.
Vielleicht sind es mittelfristig genau diese Impulse, die Menschenwerk von KI-Werken unterscheiden werden: Erfahrungen des menschlichen Lebens kombiniert mit dem je biografisch eigenen und in seiner Kontingenz einmaligen Wissensschatz. Vielleicht haben die jungen Menschen hier also schon eine in die Zukunft gerichtete Intuition, die sich noch als sehr wichtig herausstellen wird. Auch wenn sie dazu neigen, sie mit einer Rigidität zu verfolgen, die bei allem guten Willen und grundsätzlichem Verständnis nicht mit den Anforderungen bestimmter Berufe zusammenpasst.
Jetzt aber ist erstmal Weihnachten. Und ich wünsche Ihnen in den kommenden Tagen viel Zeit und Muße, sich gedanklich in arbeitsfernen Sphären auszutoben, um dann mit aufgefüllten Kreativitätsspeichern in ein gutes neues Jahr zu starten! Und ich werde an meiner „freizeitablehnenden“ Haltung arbeiten. Jetzt also: Laptop zu!
Sibylle Anderl, Montagsblock /354
22. Dezember 2025