MONTAGSBLOCK /23

Das Kursbuch geht auf Reisen – mit diesen Worten habe ich bereits den Montagsblock /17 am 10. Oktober 2016 begonnen, in dem ich von meiner Reise in die Vereinigten Staaten berichtet habe, wo ich im vergangenen September im Rahmen der vom Kursbuch in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut organisierten „Kritikmaschine“ in Boston und Los Angeles Vorträge gehalten habe. Schon damals habe ich eine weitere Reise angekündigt, nämlich nach Russland. Diese hat inzwischen stattgefunden, nämlich Ende November nach Moskau und St. Petersburg. Dort hatte ich Gelegenheit, an zwei renommierten Hochschulen, wiederum organisiert in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Vorträge zu halten und mit Kollegen ins Gespräch zu kommen. In Moskau war das die „Moscow School of Economics and Social Science“, in St. Petersburg die „Higher School of Economics“, beide sehr renommierte, international vernetzte Hochschulen.

In Moskau hatte ich die Gelegenheit, mit Professor Greg Yudin zu diskutieren, der auf meinen Vortrag repliziert hat. Ich habe in meinem Vortrag auf Möglichkeiten der Kritik und die Bedingungen der Demokratie hingewiesen. Eine der Hauptthesen bestand darin, dass ich die Fähigkeit des Aushaltens anderer bzw. mehrerer Beschreibungsmöglichkeiten zum selben Sachverhalt für eine der entscheidenden gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen demokratischer Verfahren halte – mit Beispielen aus westlichen Demokratien, die ja nicht an ihren Verfahren, sondern an Kommunikationsstilen scheitern. Er hat den Faden aufgenommen und erwartbar beschrieben, dass die besagte Fähigkeit und Erfahrung in Russland kaum ausgeprägt sei, was einerseits zu jener autokratischen Form der Demokratie geführt habe, es aber andererseits auch kaum möglich mache, überhaupt kontrovers zu diskutieren. Greg Yudins wirklich überraschende These freilich war dann diese: Es sehe auf den ersten Blick so aus, als sei Russland aufgrund seiner verspäteten Demokratisierung noch nicht so weit wie wir im Westen – es sei aber umgekehrt: Was dort gerade stattfinde, stehe uns noch bevor.

Er meinte damit nicht in erster Linie größere Schwierigkeiten bei der ökonomischen Entwicklung und bei der Bewältigung sozialer Ungleichheit, sondern eher die Frage, ob nicht auch im Westen sich Verhältnisse ankündigen, die pluralistische, sachorientierte Diskursverhältnisse schwieriger machen. In Russland lasse sich inzwischen fast alles mit starken nationalistischen Semantiken durchsetzen, darin sei Putin mit seiner Mischung aus autoritärer Führung und zugleich an Gefühle der Stärke und des Selbstbewusstseins ein Meister – Ähnliches stehe uns auch bevor. Bestätigt wurde diese Einschätzung durch viele Gespräche, die ich führen konnte. Bei den sogenannten „kleinen Leuten“ verfange jedenfalls die großrussische Verheißung von Stärke und nationaler Erhabenheit geradezu nahtlos, im Übrigen auch nahtlos zu den sowjetischen Formen der Selbsterhebung im Systemvergleich mit dem Westen.

Eine starke Selbstverunsicherung der russischen Seite war jedenfalls in vielen Diskussionsbeiträgen von Kolleginnen und Kollegen, aber auch von Studenten sehr deutlich zu spüren – es waren Selbstverunsicherungen vor allem hinsichtlich der offensichtlichen Unfähigkeit der russischen Machthaber, irgendeine Form des kritischen Diskurses zuzulassen. Eine sehr kluge Studentin in St. Petersburg meinte dazu, dass das Unterbinden von abweichender Kommunikation erst dazu führe, dass es zu so unversöhnlichen Positionen komme, was dann wiederum zu autoritären Formen staatlicher Kontrollversuche führe. Zugleich aber hat sie auch geradezu flehentlich darauf hingewiesen, dass einer der größten Trigger für die Renationalisierung des russischen Selbstverständnisses an der mangelnden Anerkennung Russlands durch den Westen liege. Womöglich werde da unter Trump etwas nachgeholt. Sie wechselte also von der distanziert-kritischen Perspektive in die Position einer Sprecherin, der diese Anerkennung tatsächlich auch selbst fehle, wie sie auf Nachfrage bestätigen konnte.

Ob diese Zusammenhänge so zutreffen oder nicht, ist nicht wirklich entscheidend. Interessant ist allemal, dass diese Semantiken so funktionieren. In der Tat zeigt sich auch hier – und das ist eine der Parallelen zu den Diskussionen in Boston und Los Angeles, die noch während des Wahlkampfes dort stattgefunden haben –, dass die entscheidenden politischen Konfliktpunkte sich von Verteilungsfragen auf die kulturellen Definitionsfragen verlagert haben, von der klassischen sozialen Frage auf die Frage kultureller Hegemonie.

Sehen wir also in unsere Zukunft, wenn wir nach Russland schauen? Vor kurzem galt dies in vielen Fragen noch für die USA – aber da die Entwicklungen in vielerlei Hinsicht parallel verlaufen…

However: Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Kursbuchs, der Kursbuch-Edition und dieses Montagsblocks ein erfreuliches Jahr 2017.

Armin Nassehi
MONTAGSBLOCK /23, 02. Januar 2017

Das aktuelle Kursbuch 188 „Kalter Frieden“ ist am 02. Dezember 2016 erschienen (Shop). Das Kursbuch 189 erscheint am 02. März 2017. Die ersten drei Bücher der „kursbuch.edition“ sind erschienen und ebenfalls im Shop erhältlich.

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