Cord Riechelmann: Können Tiere lügen?

Eine Reise durch die Natur

Wenn man die aktuelle Suche nach Lügen in Politik und Medien in die nicht menschlichen Sozial- und Kommunikationssysteme versucht auszudehnen, fällt erst einmal auf, dass nur der Wissenschaftsjournalismus von der Lüge unter Tieren spricht. Verhaltens-, Psycho- und Evolutionsbiologen vermeiden das Wort Lüge in der Regel selbst dann, wenn sie sich in ihren Texten an ein allgemeines Publikum wenden. Sie sprechen lieber von Manipulation, Täuschung oder der Sendung falscher Informationen als von der Lüge.

»Signaling False Information« heißt eine Kapitelüberschrift in Dorothy L. Cheneys und Robert M. Seyfarths Buch How Monkeys See The World, das im amerikanischen Original 1990 erschienen ist.[1] Die amerikanischen Primatologen beginnen in ihrem mittlerweile zum Klassiker gewordenen Werk mit einem Beispiel aus der Welt der Insekten, das ihre Kapitelüberschrift eindeutig illustriert. Es gibt männliche Skorpionsfliegen, die es schaffen, das Verhalten von weiblichen Fliegen so täuschend echt zu imitieren, dass andere Männchen ihnen das normalerweise die Paarung einleitende Futterbrautgeschenk übergeben, das sie dann selbst als Brautgeschenk benutzen oder einfach auffressen. Das ist natürlich ein Akt, der auf der Vortäuschung falscher Tatsachen beruht: Die männliche Fliege ist kein Weibchen. Um aber als Lüge im menschlichen Sinn bezeichnet werden zu können, fehlt den Skorpionsfliegen ein entscheidendes Moment: die Sprache. An die Nachahmung des weiblichen Verhaltens durch eine männliche Fliege knüpft sich keine Erzählung, der Akt wird nicht in einer weitergesponnenen Narration über sich selbst hinaus verlängert oder verdoppelt. Der Täuschungsakt bleibt, auch wenn er wiederholt werden kann, in gewisser Weise einmalig. Er findet statt und endet mit dem Klau des Brautwerbegeschenks.

Und damit hat man einen der Gründe benannt, warum Verhaltenswissenschaftler es vermeiden, unter Tierverhältnissen von Lüge zu sprechen. Es fehlt in Tierkommunikationen die menschliche Sprache und damit ein ganzes Ensemble an Möglichkeiten, die die Lüge noch einmal unabhängig von körperlichen Bewegungen und Gesten inszenieren beziehungsweise verkleiden können. Die Sprache, und damit auch die Schrift, schafft es, der Lüge ein eigenes vom Körper unabhängiges Verhaltensterrain zu erschaffen, das Tieren nicht zur Verfügung steht. Das heißt aber nicht, dass tierische Manipulationen und Täuschungen nicht genau die Funktionen erfüllen können, die menschliche Lügen auch erfüllen sollen.

Nur bleibt die Erforschung von Täuschungen und Manipulationen in tierischen Sozialsystemen, vor allem unter Primaten wie Schimpansen, Gorillas und Pavianen, immer noch an Anekdoten und Einzelfälle gebunden, aus denen sich nur schwer eine politische Systematik der Lüge ableiten lässt, wie sie Theoretiker der Politik wie Niccolò Machiavelli und Leo Strauss als Kunst der Macht und Ausweg der Unterdrückten formuliert haben. Thesenhaft kann man aber feststellen, dass die Tricks und Taktiken, die in tierischen Rang- und Machtkämpfen zum Einsatz kommen, in der Evolution ein Feld von Verhaltensmanipulationen eröffnen, die man als Präadaptationen der überbordenden menschlichen Manipulationstechniken ansehen kann. Zum Regelfall politischer Auseinandersetzungen, wie in menschlichen Gesellschaften nicht erst in der Nachfolge Machiavellis üblich, sind Täuschungen und Manipulationen aber nie geworden. Wenn man für die Politiken der menschlichen Gesellschaften, sagen wir für die Zeitspanne der letzten 500 Jahre, in den sogenannten entwickelten Ländern feststellen kann, dass es in dieser Zeit nie eine Epoche der Wahrheit in der Politik gab, gilt dies für tierische Gesellschaften nicht. In tierischen Gesellschaften überwiegt in der Summe der Kommunikationen die verlässliche Nachricht, der richtige Warnruf aus aktuell akutem Anlass, die täuschenden Meldungen immer.

Was aber nicht heißt, dass es nicht auch unter Tieren Situationen gibt, in denen die Täuschung der einzige Weg zum Ziel ist.

Wenn es zum Beispiel für ein körperlich schwächeres Tier darum geht, Zugang zu Ressourcen zu bekommen, die es mit seinen »normalen« Mitteln nie erreichen würde, kann die Täuschung die einzige Form sein, die ihm die Nahrung sichert. Jane Goodall erzählt in ihrem großartigen Resümee ihrer jahrzehntelangen Forschungsarbeiten unter Schimpansen in Tansania, The Chimpanzees of Gombe, den Fall des heranwachsenden, noch jugendlichen Figan.[2] Figan hatte als Erster einen Haufen Bananen entdeckt, zu dem er angesichts seiner minderen Stellung in der Hierarchie seiner Gruppe bestimmt keinen bevorzugten Zugang gehabt hätte. Um sich aber genau den zu verschaffen, bediente er sich eines Tricks, indem er die anderen Schimpansen seiner Gruppe mit den Bewegungen und Lauten, die normalerweise eine reiche Nahrungsquelle anzeigen, in eine von den Bananen wegführende Richtung lockte. Nachdem die anderen geschlossen Figan auf der falschen Fährte gefolgt waren, raste er schnell zurück und begann allein an »seinen« Bananen ungestört zu fressen.

Figan steht damit mittlerweile in einer Reihe zahlreicher Anekdoten, vor allem von Schimpansen und Gorillas, in denen sich immer wieder ein ähnliches Muster erkennen lässt. Ein junger Schimpanse entdeckt etwa einen reich mit Früchten behängten Baum, läuft drei oder vier Bäume weiter und macht die anderen von dort mit den spezifischen Rufen auf seinen Fund aufmerksam, um im nächsten Moment zum Früchtebaum zurückzurennen und zumindest ein paar Minuten allein zu fressen, ohne von stärkeren und ranghöheren Tieren verdrängt zu werden.

Wobei es nicht nur Primaten wie Gorillas und Schimpansen sind, die sich der Taktik des »Auf-die-falsche-Fährte-Lockens« bedienen. Es ist von brütenden oder fütternden Vögeln schon lange bekannt, dass sie versuchen, Fressfeinde wie Füchse von ihrem Nest wegzulocken, indem sie mit einem vorgetäuscht verletzten Flügel über den Boden laufen. Täuschungsverhalten wird also nicht nur aus egoistischen Antrieben motiviert, es kann auch schlicht dem Schutz von Artgenossen wie der eigenen Brut dienen. Oder wie im Fall des Schimpansen Yeroen, von dem Frans de Waal erzählt, einen selbst vor Prügel schützen. Yeroen gehörte zu einer Gruppe von Schimpansen im Zoo von Arnheim, die Frans de Waal vor allem in den 1970er-Jahren ausdauernd beobachtete.[3] Dieser Yeroen ist als unterlegener Affe im Kampf um die Alphaposition in der Zoogruppe ebenso in das Anekdotenrepertoire der Primatologie eingegangen wie Figan. Yeroen war, nachdem er die Alphaposition an einen anderen Schimpansen verloren hatte, schwer angeschlagen von seinem Kontrahenten weggehumpelt. Sobald er sich aus dem Blickfeld des neuen Chefs bewegt hatte, verfiel er aber sofort in seinen völlig normalen Gang.

Mit Yeroen kommt ein Aspekt der Täuschungsmanöver ins Spiel, der dazu führt, dass bestimmte Affen ihr Verhalten nach dem Blickfeld eines anderen ausrichten. Offensichtlich kalkulieren manche Individuen die Blickrichtung von ranghöheren oder körperlich überlegenen Tieren in ihr Verhalten ein. Das war auch in einer der Uranekdoten der wissenschaftlichen Erzählung von tierischen Täuschungen der Fall. Der Schweizer Primatologe Hans Kummer beobachtete 1980 in Saudi-Arabien eine Familie von Hamadryas-Pavianen. Hamadryas-Paviane leben in sogenannten Haremsgruppen, das heißt, die kleinste Einheit ihres Sozialsystems sind Familien, die in der Regel aus einem größeren Mann und drei bis fünf kleineren Frauen bestehen, die der Mann eng an sich bindet und streng bewacht. Manchmal können sich solchen Familien jüngere Männer anschließen, Mitläufer genannt, die vom Familienmann aber genauso streng wie die Weibchen bewacht und an jeder Annäherung an »seine« Frauen gehindert werden. Kummers Beobachtungsposten lag eine Felsterrasse höher als die der Hamadryas-Familie. Da fiel ihm auf, dass eines der Weibchen in ganz kleinen Schüben von ihrem Mann weg auf einen etwa 50 Zentimeter hohen Steinblock zurutschte, hinter dem ein Mitläufer saß. Das Weibchen brauchte 20 Minuten für die zwei Meter. Zuletzt saß sie so, dass ihr Mann ihren Rücken und Schwanz sehen konnte, nicht aber ihre Arme und ihr Gesicht. Weil Kummer höher saß als der Haremschef konnte er im Unterschied zu ihm sehen, was sie tat: Ihre Arme pflegten den Mitläufer, was absolut verboten ist in der Hamadryas-Familie und normalerweise mit Bissen und Schlägen des Chefs gegen seine Frau bestraft wird. Dabei hatte sich der Mitläufer ganz hinter den Felsblock geduckt und musste für den Mann unsichtbar sein. »Ein vortreffliches Engagement, scheint es. So sah der Ehemann, dass seine Frau da war, aber nicht, dass sie Verbotenes tat«, schreibt Kummer und fährt fort: »Es sah aus, als ob das Weibchen die ›Ich bin da, aber ich mache nichts‹-Position bewußt gesucht hatte.«[4]

Kummer lässt aber keinen Zweifel darüber aufkommen, dass es sich in diesem Fall um einen absoluten Einzelfall handelt, eine Anekdote. Interessant sei eine Anekdote dann, fügt er hinzu, »wenn mehrere je für sich seltene Verhaltensweisen und Umstände zusammen ein adaptives oder zweckmäßiges Ganzes ergeben. Anekdoten erlauben keine Schlüsse, sie geben nur Denkanstöße für neue Experimente.«[5] Damit spricht Kummer eines der generellen Probleme der Mitteilungen über Täuschungen und Manipulationen nicht nur unter Primaten an, für Vögel, besonders für die in den letzten Jahren nicht abreißenden Meldungen über die Täuschungs- und Manipulationskünste von Rabenvögeln, gilt das Gleiche. Die Tricks und Einfälle im Bereich der Täuschung lassen sich praktisch nur anekdotisch dokumentieren, ihre experimentelle Überprüfung ist – fast möchte man sagen zwangsläufig – unmöglich. Und das hängt nicht nur damit zusammen, dass es immer Individuen sind, die plötzlich oder spontan auf die »Idee« kommen, es einmal anders zu versuchen als im Rahmen der vorhersagbaren Berechenbarkeit. Es liegt auch daran, dass es praktisch keine Möglichkeit gibt, vorherzusagen, wer wann und wo auf eben einen bisher unbekannten und unüblichen Einfall kommt. Kummer spricht aber noch ein anderes Problem an, das in seiner Anekdote ungeklärt bleiben muss. Wenn es sich um ein gezieltes Manöver handeln sollte, müssten Affen sich genau vorstellen können, wie ein räumliches Arrangement aus der Perspektive eines anderen aussieht, und das könnten selbst Menschenkinder erst im Alter von vier Jahren. Ein solches Können in Bezug auf die Raumvorstellungen eines anderen sei in der Evolution des sozialen Erkenntnisvermögens ein sehr wichtiger Schritt, denn es sei der Beginn der Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, meint Kummer und fordert Anfang der 1990er-Jahre, als er seine wissenschaftliche Autobiografie Weiße Affen am Roten Meer schrieb, Experimente, die dies untersuchen sollten. Experimente beziehungsweise Beobachtungen zum Einkalkulieren der räumlichen Sicht des anderen liegen in einem spektakulären Fall seit dem Jahr 2012 vor. Allerdings handeln sie nicht von Primaten, sondern von Laubenvögeln, ich werde zum Ende dieses Textes darauf zurückkommen.

Zunächst soll es mit der Anekdote weitergehen. Denn wenn die Anekdote eine wahre Geschichte ist, was ihre ursprüngliche Bedeutung ist, dann gibt es keinen Grund, sie aus der Wissenschaft zu verdammen, zumal die Biologie schon immer, seit sie mit Charles Darwins Evolutionstheorie ihren eigenen Theorierahmen gefunden hat, nicht nur eine experimentelle, sondern auch eine Geschichtswissenschaft ist. Zudem fallen Anekdoten ja nicht vom Himmel, in der Regel sind sie in lang andauernde Beobachtungen und Forschungen eingebunden beziehungsweise fallen ihre Bedeutungen nur Forschern auf, die einen ausgedehnten Blick auf die Gewohnheiten in sozialen Strukturen haben, was man sehr gut an den zwei Bänden Machiavellian Intelligence der britischen Primatologen Richard Byrne und Andrew Whiten nachvollziehen kann.[6] Im Grunde sind beide Bände Auseinandersetzungen um die Frage, inwieweit Anekdoten und die aus ihnen ableitbaren Schlüsse wissenschaftlich haltbare Schlüsse zulassen. Dabei geht es nicht nur um Fragen, ob man Affen oder auch anderen Tieren wie Vögeln Selbstbewusstsein zusprechen kann oder auch nicht. Es geht auf der Basis auch der hier bereits geschilderten Handlungen von bestimmten Individuen um das Problem von Taktik und Manipulation in individualisierten und hierarchisierten Gruppen überhaupt. Und vieles spricht für Byrnes und Whitens Grundannahme, dass in hochkomplexen sozialen Verbänden, die die meisten Affengesellschaften darstellen, immer auch irgendeine Form von Manipulation am Werk ist, wenn man unter Manipulation versteht, ein bestimmtes Tier zu etwas zu bewegen, das es gerade nicht will beziehungsweise nie tun würde, wenn es nicht in irgendeiner Weise dazu gezwungen werden würde. Byrne und Whiten haben dafür aber nicht nur alle verfügbaren Anekdoten aus den Forschungen anderer zusammengetragen, sie haben auch selbst Beobachtungen gemacht, die ihren Titel und den Gebrauch des Terminus »machiavellistische Intelligenz« mehr als nur illustrieren.

Ihrem machiavellistischem Helden hatten sie den Namen Paul gegeben, und der war ein jugendlicher Pavian in den südafrikanischen Drakensbergen. Zuerst hatte Richard Byrne beobachtet, wie Paul sich begehrte Pflanzenknollen etwas fies angeeignet hatte. Er hatte einem Pavianweibchen zugeschaut, wie es die Knollen in der Erde freilegte und gerade fressen wollte. Nachdem er sich versichert hatte, dass ihn niemand beobachtete, begann er zu schreien, wie es junge Paviane tun, wenn sie in Gefahr sind. Pauls Mutter reagierte sofort und konnte als Gefahrenquelle nur das Weibchen ausmachen, das gerade die Knollen aus der Erde gegraben hatte. Die Mutter tat darauf, was Pavianmütter in solchen Fällen tun, sie griff das andere Weibchen an und verfolgte es. Währendessen hatte sich Paul zu den Knollen begeben und sie in Ruhe aufgegefressen. Was wie ein Einzelfall aussah, entpuppte sich als eine regelrechte Strategie des jungen Paul. Auch Andrew Whiten hatte ihn mehrmals beobachtet, wie er genau mit derselben Taktik anderen Affen das Futter abnahm. Paul musste also zum einen gewusst haben, wie seine Mutter auf seinen Schrei reagieren würde, und zum anderen musste er sich so positioniert haben, dass nur der jeweils mit der Nahrung beschäftigte Affe als Ziel der Aggression der Mutter infrage kam. Und auch wenn diese Form des zielgerichteten Missbrauchs eines Hilferufs einmalig in der von Forschern bezeugten Täuschungs- und Manipulationspraxis ist, steht Pauls Taktik doch für den Missbrauch eines Zeichens, der im Einzelfall immer möglich ist. Als kulturelle Verbreitung, die sich unter jungen Affen als allgemeine Strategie ausbreitet, taugt er aber nicht. Denn wie aus vielen anderen Fällen bezeugt worden ist, hätte schon die Tatsache, dass irgendein anderer Affe gesehen hätte, dass Paul real keine Gefahr drohte, dazu geführt, dass dieser Affe in das Geschehen eingegriffen und sozusagen der Wahrheit ihr Recht gegeben hätte. Der falsche Gebrauch zum Beispiel von Warnrufen wird in allen individualisierten tierischen Sozialverbänden immer nur sehr kurz geduldet und führt bei ausdauernder Anwendung auch zu körperlich schmerzhafter Zurechtweisung des Falschrufers. Tierische Täuschungen können in vielen Fällen also in ihrer strategischen Ausrichtung und in ihren Funktionen mit Erscheinungen in menschlichen Gesellschaften verglichen werden. Zu einer grundlegenden Strategie, wie sie Friedrich Nietzsche in seiner 1873 geschriebenen, aber erst im Nachlass veröffentlichten Schrift Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne beschrieben hat, sind sie aber nie geworden.

»Der Intellekt als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums entfaltet seine Hauptkräfte in der Entstellung, denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtiergebiss zu führen versagt ist«, schreibt Nietzsche darin und folgerte: »Im Menschen kommt diese Vorstellungskunst auf ihren Gipfel. Hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das maskierte Sein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz: das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.«[7]

Was an der kurzen Passage Nietzsches vor allem frappiert, ist, dass er die allen hier erwähnten Forschungen an Primaten, Fliegen und Vögeln zugrunde liegende evolutionäre Perspektive, nach der die menschlichen Täuschungs- und Lügenformen Vorläufer im Tierreich haben, als gegeben voraussetzt. Dass unsere Verstellungen bereits in früheren Stadien der Evolution aufscheinen, ist Nietzsche keine Frage mehr, trotzdem lehnt er den Vergleich in einer bestimmten Form ab: Eine solche tägliche Durchdringung des Lebens mit Lügen und Täuschungen haben die Tiere nicht erreicht. Nietzsche sieht auch sehr genau, dass es oft die Schwächeren sind, die sich der Täuschungen bedienen müssen. Seine Sätze enthalten aber jenseits der martialischen oder machiavellistischen Anspielungen auf das Verhalten der Tiere auch einen Hinweis auf die Illusionen im Bühnenspiel, die in letzter Zeit eine Entsprechung im Tierreich gefunden haben, die den Übergang von tierischen Täuschungen zu menschlichen Verstellungen in einen Bereich verschieben, der wesentlich angenehmer anzusehen ist als das ewige Gehacke um Rangpositionen oder Bananen, nämlich in den der Kunst.

Im Jahr 2012 haben die australischen Biologen Laura Kelly und John Endler unter dem Titel »Illusions Promote Mating Success in Great Bowerbirds« im Fachmagazin Science eine Studie veröffentlicht, in der das von Nietzsche angesprochene Bühnenspiel wie die verhüllende Konvention zusammenkommen.[8] Es geht in der Arbeit von Kelly und Endler um die Balzrituale männlicher Graulaubenvögel (Chlamydera nuchalis), wie die Great Bowerbirds auf Deutsch heißen, und ihre Wirkungen auf die weiblichen Vögel. Wobei das über die Biologie der Vögel hinausweisende Ergebnis ihrer Studie ist, dass die Männchen die Weibchen während der Balz in eine bestimmte Sichtposition drängen, in der Effekte optischer Täuschungen über die Größenverhältnisse bestimmter Gegenstände besonders wirksam sein könnten. Die Möglichkeitsform muss in diesem Fall bestehen bleiben, weil es keine Gewissheit darüber geben kann, ob die Weibchen tatsächlich nach den für die menschlichen Beobachter offensichtlichen optischen Täuschungen entscheiden beziehungsweise ob die Vögel sie überhaupt so wahrnehmen, wie Menschen es tun. Man kann die Weibchen schließlich immer noch nicht nach ihren Beweggründen zur Wahl fragen. Was man allerdings machen kann, ist, die Vögel sehr genau bei ihrem Tun zu beobachten. Und Laubenvögel zu beobachten ist selten langweilig, weil die Tiere die meiste Zeit des Jahres mit ihren Balzvorbereitungen beschäftigt sind, in die sie alle möglichen Gegenstände – von der Zahnbürste bis zu Meeresschneckengehäusen – genauso einbeziehen, wie sie Geräusche jeder Art – von einer sich drehenden Betonmischmaschine bis zum Geplapper von Bauarbeitern auf Baustellen – in ihre Gesänge einbauen.

Die 20 Arten der Familie der Laubenvögel – wissenschaftlich: Ptilonorhynchidae – kommen nur in Australien und Neuguinea vor. Es handelt sich bei ihnen um mittelgroße – 22 bis 37 Zentimeter lange –, kompakt robust gebaute Vögel mit einem dicken und kräftigen Schnabel, den sie auch brauchen. Ihren Namen haben die Vögel bekommen, weil die Männchen für ihren Balztanz sogenannte Lauben bauen. Das sind aus zwei in die Erde gesteckten kräftigen Ästen bestehende Wände, die in der Mitte einen Durchgang frei lassen, in dem sich das Weibchen während der Balz aufhält. Manche Vögel überdachen die Laube, andere lassen sie nach oben offen.

Bei manchen Arten wie dem Flammenlaubenvogel, dessen Gefieder in sattem Rot und Gelb leuchtet, sind die Männchen tropisch bunt gefärbt. In solchen Fällen sind die Lauben meist eher von schlichter Baukunst gezeichnet und werden auch nicht sonderlich kunstvoll dekoriert. Anders ist das bei den eintöniger gefärbten Arten wie den Graulaubenvögeln und dem Seidenlaubenvogel. Beide Arten sind Meister des Laubenbaus und der Dekoration. Manche der sehr hübschen, aber einfarbig indigoblauen Seidenlaubenvögel scheinen sich dabei in der Farbvorliebe der Gegenstände, die sie um ihre Lauben legen, zu spiegeln. Bis zu 200 tiefblaue Gegenstände kann ein Männchen sammeln und um seine Laube drapieren. Das können Federn, Früchte und Steine sein. Je näher sie aber menschlichen Siedlungen kommen, desto künstlicher werden ihre zur Schau gestellten Dinge. In einem Fall waren es Zahnbürsten, Wäscheklammern, ein Babyschnuller und die Deckel von blauen kleinen Campinggasflaschen. Der Vogel hatte die Gegenstände so sorgfältig und farbharmonisch vor seine Laube gelegt, dass es für einen menschlichen Betrachter fast unmöglich war, dabei nicht an skulpturale Kompositionen zu denken.

Ähnliches muss man von der Laube eines Graulaubenvogels, die man in der Nähe der australischen Stadt Darwin gefunden hat, sagen. Mehr als 12 000 Schneckenhäuser, Steine und Knochen hatte der Vogel eingesammelt, alle in fein abgestimmten Grauweißtönen, und vor seine Laube gelegt. Die Dekoration wog mehr als zwölf Kilogramm, der sammelnde Hahn gerade einmal 40 Gramm.

Bei Graulaubenvögeln kommt noch hinzu, dass sie eine Laube von über einem halben Meter Länge bauen. Der Gang in der Laube, in der englischsprachigen Literatur durchgängig als »avenue« bezeichnet, führt regelmäßig von Norden nach Süden. Die Weibchen betreten während der Balz die Laube von der südlichen Seite her. Von dort aus beobachten sie das vor dem Nordeingang seine Zeremonie aufführende Männchen, das hier auch seine Schnecken, Steine und Knochen angeordnet hat. Vor diesem Ensemble der weißgrauen Gegenstände führt der Hahn dann seinen Tanz auf. Dabei verbeugt er sich, stellt seine Scheitelkammfedern auf, singt und dreht immer wieder zwischendurch eine Runde im schnellen Lauf um die Laube. Wieder vor dem Eingang angekommen, greift er mit dem Schnabel farblich mit der weißgrauen Dekoration kontrastierende Dinge. Das können rote Wäscheklammern, bläuliche Muschelschalen wie grüne Früchte sein. Diese mehr oder weniger leuchtenden Gegenstände schwenken sie mit dem Schnabel vor dem Weibchen auf und ab, werfen sie manchmal in die Höhe oder donnern sie auch aggressiv auf die Steine am Boden. Es ist die Kombination aus Laube, Dekoration und Performance des Männchens, nach der die Weibchen ihre Wahl treffen. Die Wahl der Weibchen fällt dabei äußerst selektiv aus. Viele Männchen schaffen es nie, ein Weibchen von sich zu überzeugen, während wenige andere bevorzugt gewählt werden. Das ist alles seit Längerem bekannt, und die Forschung hat sich über Jahrzehnte immer einigermaßen stur auf die Betrachtung der tanzenden und singenden Männchen konzentriert. Erst seit einigen Jahren beginnt man, auch nach den Kriterien der wählenden Weibchen zu fragen. Also nach den akustischen, optischen oder geruchlichen Effekten, die während der Balz das Weibchen tatsächlich erreichen und ihre Wahl beeinflussen. Laura Kelly und John Endler fügen sich insofern in diese neue Richtung der Forschung, indem sie danach fragen, was das Weibchen, wenn es vom Laubengang aus zusieht, überhaupt sehen kann. Und sie fanden im Aufbau der Dekoration einige Anordnungen, die aus der Blickperspektive des Weibchens optische Täuschungen ermöglichen. So hatten die Männchen die Steine und Schnecken so angeordnet, dass die kleineren davon immer nah am Eingang der Laube lagen und die größeren sich in weiterer Distanz zum Blickstandort des Weibchens befanden. Diese Anordnung könnte im Blickfeld der Weibchen aus der Laube heraus eine optische Täuschung begünstigen, die den vom Männchen im Schnabel geschwungenen Gegenstand größer erscheinen lässt, als er ist. Dadurch könnten Effekte optischer Täuschungen einen Einfluss auf die Partnerwahl haben. Aber wie gesagt: könnten.

Die Trugbilder, die die männlichen Laubenvögel in der Perspektive der Weibchen entstehen lassen, lassen über die Frage nach ihrer tatsächlichen Wirkung hinaus zwei Schlüsse zu. Zum einen stehen sie in einer ganzen Reihe von optischen Täuschungen, die Tiere mit dem plakathaften Signalgebrauch ihrer Körperfarben, von tropischen Fischen in Korallenriffen bis zu Vögeln, Reptilien und Insekten in Regenwäldern, im Spiel mit wechselnden Lichtverhältnissen hervorbringen, die man aber eher als Parallelbewegungen zu den Illusions- und Fiktionsspielen in den menschlichen Künsten ansehen sollte, denn als naturgeschichtliche Grundierung der Manipulationspraxis in aktuellen menschlichen Politiken. Zum anderen deuten sie in ihrer Verspieltheit, die die Vögel dazu bringt, einen großen Teil ihrer Jahreszeit mit dem Zusammentragen ihrer Materialien und dem Bau der Laube zu verbringen, darauf hin, dass sie die Lauben nicht nur für andere bauen, sondern auch, weil es ihnen selbst Spaß oder Lust bereitet. Was generell ein Moment in vielen tierischen Täuschungen, besonders bei Vögeln und Insekten, beschreibt: dass nämlich ihre Täuschungsmanöver eher in den Bereich des Spiels als in den der Machterlangung oder -zementierung zu rechnen sind.

Auf eine Formel gebracht, könnte man zusammenfassend sagen: Ja, es gibt Täuschungen und Manipulationen in vielfältiger Form im Tierreich, von den Insekten bis zu den Primaten. Als naturgeschichtliche Vorläufer der menschlichen Täuschungs- und Lügenpraxis vor allem in Machtbeziehungen taugen sie aber nur bedingt. Es fehlt Tieren nicht nur die Sprache, die eine weitreichende Trennung ihrer Aussagen von ihren Körperbewegungen möglich machen würde; es fehlen ihnen auch die Massenmedien, die eine direkte Kontrolle einer Aussage und ihres Inhalts möglich machen würden.

 

Cord Riechelmann, geb. 1960, ist Biologe und Publizist und lebt als freier Autor (unter anderem FAS und taz) in Berlin. Zuletzt erschien Krähen. Ein Portrait.

 

Der Text ist in Kursbuch 189 »Lauter Lügen« erschienen. Sie finden dieses und weitere Kursbücher in unserem Shop.

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Anmerkungen

[1]   Dorothy L. Cheney, Robert M. Seyfarth: How Monkeys See The World. Inside the Mind of Another Species. Chicago 1990, S. 194.

[2]   Vgl. Jane Goodall: The Chimpanzees of Gombe. Patterns of Behavior. Cambridge, Mass. 1986.

[3]   Vgl. Frans de Waal: Chimpanzee politics. Power and Sex Among Apes. New York 1982.

[4]   Hans Kummer: Weiße Affen am Roten Meer. Das soziale Leben der Wüstenpaviane. München 1992, S. 262–263.

[5]   Ebd., S. 263.

[6]   Andrew Whiten, Richard Byrne: Machiavellian Intelligence. Social Expertise and the Evolution of Intellect in Monkeys, Apes and Humans. Oxford 1988; dies.: Machiavellian Intelligence II. Extensions and Evaluations. Cambridge 1997.

[7]   Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe Bd. I, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München 1999, S. 876.

[8]   Laura Kelly, John Endler: »Illusions Promote Mating Success in Great Bowerbirds«, in: Science Vol. 335, 22.01.2012, S. 335–338.

 

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