Cord Riechelmann – Können Tiere lügen?

Eine Reise durch die Natur   Wenn man die aktuelle Suche nach Lügen in Politik und Medien in die nicht menschlichen Sozial- und Kommunikationssysteme versucht auszudehnen, fällt erst einmal auf, dass nur der Wissenschaftsjournalismus von der Lüge unter Tieren spricht. Verhaltens-, Psycho- und Evolutionsbiologen vermeiden das Wort Lüge in der Regel selbst dann, wenn sie sich in ihren Texten an ein allgemeines Publikum wenden. Sie sprechen lieber von Manipulation, Täuschung oder der Sendung falscher Informationen als von der Lüge.

»Signaling False Information« heißt eine Kapitelüberschrift in Dorothy L. Cheneys und Robert M. Seyfarths Buch How Monkeys See The World, das im amerikanischen Original 1990 erschienen ist.[1] Die amerikanischen Primatologen beginnen in ihrem mittlerweile zum Klassiker gewordenen Werk mit einem Beispiel aus der Welt der Insekten, das ihre Kapitelüberschrift eindeutig illustriert. Es gibt männliche Skorpionsfliegen, die es schaffen, das Verhalten von weiblichen Fliegen so täuschend echt zu imitieren, dass andere Männchen ihnen das normalerweise die Paarung einleitende Futterbrautgeschenk übergeben, das sie dann selbst als Brautgeschenk benutzen oder einfach auffressen. Das ist natürlich ein Akt, der auf der Vortäuschung falscher Tatsachen beruht: Die männliche Fliege ist kein Weibchen. Um aber als Lüge im menschlichen Sinn bezeichnet werden zu können, fehlt den Skorpionsfliegen ein entscheidendes Moment: die Sprache. An die Nachahmung des weiblichen Verhaltens durch eine männliche Fliege knüpft sich keine Erzählung, der Akt wird nicht in einer weitergesponnenen Narration über sich selbst hinaus verlängert oder verdoppelt. Der Täuschungsakt bleibt, auch wenn er wiederholt werden kann, in gewisser Weise einmalig. Er findet statt und endet mit dem Klau des Brautwerbegeschenks.

Und damit hat man einen der Gründe benannt, warum Verhaltenswissenschaftler es vermeiden, unter Tierverhältnissen von Lüge zu sprechen. Es fehlt in Tierkommunikationen die menschliche Sprache und damit ein ganzes Ensemble an Möglichkeiten, die die Lüge noch einmal unabhängig von körperlichen Bewegungen und Gesten inszenieren beziehungsweise verkleiden können. Die Sprache, und damit auch die Schrift, schafft es, der Lüge ein eigenes vom Körper unabhängiges Verhaltensterrain zu erschaffen, das Tieren nicht zur Verfügung steht. Das heißt aber nicht, dass tierische Manipulationen und Täuschungen nicht genau die Funktionen erfüllen können, die menschliche Lügen auch erfüllen sollen.

Nur bleibt die Erforschung von Täuschungen und Manipulationen in tierischen Sozialsystemen, vor allem unter Primaten wie Schimpansen, Gorillas und Pavianen, immer noch an Anekdoten und Einzelfälle gebunden, aus denen sich nur schwer eine politische Systematik der Lüge ableiten lässt, wie sie Theoretiker der Politik wie Niccolò Machiavelli und Leo Strauss als Kunst der Macht und Ausweg der Unterdrückten formuliert haben. Thesenhaft kann man aber feststellen, dass die Tricks und Taktiken, die in tierischen Rang- und Machtkämpfen zum Einsatz kommen, in der Evolution ein Feld von Verhaltensmanipulationen eröffnen, die man als Präadaptationen der überbordenden menschlichen Manipulationstechniken ansehen kann. Zum Regelfall politischer Auseinandersetzungen, wie in menschlichen Gesellschaften nicht erst in der Nachfolge Machiavellis üblich, sind Täuschungen und Manipulationen aber nie geworden. Wenn man für die Politiken der menschlichen Gesellschaften, sagen wir für die Zeitspanne der letzten 500 Jahre, in den sogenannten entwickelten Ländern feststellen kann, dass es in dieser Zeit nie eine Epoche der Wahrheit in der Politik gab, gilt dies für tierische Gesellschaften nicht. In tierischen Gesellschaften überwiegt in der Summe der Kommunikationen die verlässliche Nachricht, der richtige Warnruf aus aktuell akutem Anlass, die täuschenden Meldungen immer.
Was aber nicht heißt, dass es nicht auch unter Tieren Situationen gibt, in denen die Täuschung der einzige Weg zum Ziel ist. (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

[1]   Dorothy L. Cheney, Robert M. Seyfarth: How Monkeys See The World. Inside the Mind of Another Species. Chicago 1990, S. 194.

Cord Riechelmann, geb. 1960, ist Biologe und Publizist und lebt als freier Autor (unter anderem FAS und taz) in Berlin. Zuletzt erschien Krähen. Ein Portrait.

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