Cord Riechelmann – Können Tiere lügen?

Eine Reise durch die Natur

Wenn man die aktuelle Suche nach Lügen in Politik und Medien in die nicht menschlichen Sozial- und Kommunikationssysteme versucht auszudehnen, fällt erst einmal auf, dass nur der Wissenschaftsjournalismus von der Lüge unter Tieren spricht. Verhaltens-, Psycho- und Evolutionsbiologen vermeiden das Wort Lüge in der Regel selbst dann, wenn sie sich in ihren Texten an ein allgemeines Publikum wenden. Sie sprechen lieber von Manipulation, Täuschung oder der Sendung falscher Informationen als von der Lüge.

»Signaling False Information« heißt eine Kapitelüberschrift in Dorothy L. Cheneys und Robert M. Seyfarths Buch How Monkeys See The World, das im amerikanischen Original 1990 erschienen ist.[1] Die amerikanischen Primatologen beginnen in ihrem mittlerweile zum Klassiker gewordenen Werk mit einem Beispiel aus der Welt der Insekten, das ihre Kapitelüberschrift eindeutig illustriert. Es gibt männliche Skorpionsfliegen, die es schaffen, das Verhalten von weiblichen Fliegen so täuschend echt zu imitieren, dass andere Männchen ihnen das normalerweise die Paarung einleitende Futterbrautgeschenk übergeben, das sie dann selbst als Brautgeschenk benutzen oder einfach auffressen. Das ist natürlich ein Akt, der auf der Vortäuschung falscher Tatsachen beruht: Die männliche Fliege ist kein Weibchen. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 189)

[1]   Dorothy L. Cheney, Robert M. Seyfarth: How Monkeys See The World. Inside the Mind of Another Species. Chicago 1990, S. 194.

Cord Riechelmann, geb. 1960, ist Biologe und Publizist und lebt als freier Autor (unter anderem FAS und taz) in Berlin. Zuletzt erschien „Krähen. Ein Portrait“.

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