Kursbuch 180 – Editorial

Editorial Armin Nassehi Wenn man genau hinsieht, hängt die Latte des Wissens sehr hoch – nicht wenn wir im Alltag Wissen anwenden, aber wenn wir etwas übers Wissen wissen wollen und darüber räsonieren. Warum also nicht am Anfang die Latte wirklich hoch hängen? Wie hoch die Erwartungen ans Wissen letztlich sind, zeigt sich schon in…

Andrian Kreye – Brief eines Lesers (10)

Man landet beim Nichtwissen nicht mehr zwangsläufig bei Sokrates’ unzählige Male um- und fehlgedeutetem »Ich weiß, dass ich nichts weiß«. Das geläufigste Zitat der jüngeren Geschichte stammt vom damaligen amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der im Februar 2002 während der Vorbereitungen für den Irakkrieg bei einer Pressekonferenz jenen Satz prägte, der zunächst als eine der rhetorischen…

Armin Nassehi – Wenn wir wüssten!

Kommunikation als Nichtwissensmaschine Eines der schönsten Kinderspiele ist die »Stille Post«. Einer beginnt und flüstert dem Nächsten ein Wort oder einen Satz ins Ohr, und am Ende wird dann geprüft, ob tatsächlich das herausgekommen ist, was der Erste gesagt hat. Dieses bisweilen lustige Kinderspiel klingt sehr harmlos, und doch variiert es die vielleicht wirkmächtigste Kommunikationstheorie…

Jürgen Zöllner – Sterben müssen wir alle

Nichtwissen in der Medizin Ziel medizinischer Wissenschaft ist die Gesundheit. Was die Medizin nicht weiß? Es mag im Auge des Betrachters liegen: Verstehen wir unter Gesundheit die Abwesenheit von physischen, sozialen und psychischen Beschwerden, so wird Gesundheit wegen dieser zwangsläufig individuellen Sicht dem individuell Gefühlten ausgeliefert und einem rein wissenschaftlichen Ansatz wohl verschlossen bleiben müssen.…

Harald Lesch – Warum bin ich ein Mensch?

Nichtwissen in der Physik Will man etwas verstehen, muss man sich mit äußerst einfachen Phänomenen beschäftigen. Physikerinnen und Physiker haben das begriffen. Und ihr Fach befasst sich mit derart einfachen und von äußeren Störungen weitgehend unbeeinflussten natürlichen Erscheinungen, dass man mit einer vernünftigen Perspektive auf Erfolg hoffen kann, sie mathematisch präzise zu beschreiben. Damit kann…

Gregor Maria Hoff – Gott im Verzug

Nichtwissen in der Religion Waco (Texas), 19. April 1993. Seit Wochen belagert das FBI einen Gebäudekomplex, der als Mount Carmel bekannt ist und von einer adventistischen Gemeinschaft bewohnt wird. Unter dem Verdacht eines Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie des Kindesmissbrauchs gehen die Behörden gegen die Davidianer vor und stoßen auf erbitterten Widerstand. Am Ende steht…

Peter Felixberger – Die Stunde der Blender

Über die letzten Geheimnisse echter Autorität Diktaturen, oder sanfter ausgedrückt Monarchien, beruhen auf einer simplen Denkfigur. Der weise Alleinherrscher weiß erstens, was zu tun ist, und er tut aus seiner Sicht zweitens immer das Richtige. Das Geschäft funktioniert so lange, wie diese stillschweigende Übereinkunft Herrscher und Beherrschte vereint. Auf diese Weise hält der selbstbestimmte Weise…

Martin G. Kocher – Richtig falsch

Verzerrungen, Abweichungen und Fehler bei der Entscheidungsfindung Je nach Definition des Begriffs »Entscheidungen« treffen wir täglich Tausende von Entscheidungen oder vielleicht doch nur ein paar Hundert. Eine ganze Menge sind es in jedem Fall. Dazu zählen wenig komplizierte motorische Entscheidungen (Soll ich zum Kühlschrank gehen und mir etwas zu trinken holen?), Kaufentscheidungen aller Art, Entscheidungen…

Colm Tóibín – Zwei Frauen

Eine Erzählung Als der Taxifahrer nicht bemerkte, dass die Ampel umgesprungen war, und in einen stumpfen Traum versunken schien, fragte Frances sich, ob es wohl zu unhöflich wäre, ihn darauf hinzuweisen und ihm zu sagen, er solle fahren, sich in Bewegung setzen. Hinter ihnen war kein anderer Wagen, der ungeduldig gehupt hätte; um sechs Uhr…