MONTAGSBLOCK /88

Im Sommer ist der Revoltepegel in der Bevölkerung traditionell sehr niedrig. Einerseits sorgen die Ferien für Muße, Müßiggang und Muskelschwund, andererseits lähmt die Hitze aufkeimende Widerstandsgefühle. Die Deutschen dösen noch vor sich hin. Doch die Zeiten stehen womöglich mehr auf Remmidemmi als an Adria- und Ägäisstränden angenommen. Die kalte Jahreszeit naht. Rechte fiebern kantig den Ostwahlen im Herbst entgegen. Umweltaktivisten warten sehnsüchtig auf die nächsten Fahrverbote in größeren Städten. Und Greta Thunberg lässt die Jungen weiter von der Machtübernahme im Klimaschutz träumen. Da halten wir kurz auf einem bayerischen Balkon unter einem Sonnenschirm inne und dürfen zunächst an den großen Albert Camus erinnern, der einst schrieb: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt.“ Richtig, und mit dem Nein formulierte er glasklar die Grenze des Bis-hierher-und-nicht-weiter. Und hinter der Grenze wartet als Alternative das Da-haben-wir-ein-Recht-darauf-Land. Jeder Aufstand, jede Revolution folgt unausweichlich dieser Dialektik. Mit der Grenze des Unerträglichen wird gleichzeitig etwas definiert, was der Mühe lohnt. Aus dem dunklen Nein schält sich ein helles Ja heraus.

Historisch gesehen, braucht es genau diese Synchronizität aus dunklem Nein und hellem Ja. Dann brechen Revolten los. Es war und ist jedoch schwierig, zu bestimmen, wann genau diese Gleichzeitigkeit den unbedingten Drang zu Empörung und Aufruhr auslöst. Wann also ein Mensch revoltiert? Wenn er etwa nichts mehr zu essen hat, wenn er geknebelt in der eigenen Ohnmacht erstickt oder wenn die Regierenden ob ihres moralischen Zauderns jeden scharfen Pfeil und Bogen eingemottet haben? Vor allem, wann revoltiert der Mensch heute, in einer Zeit, in der laute Parolen medial oft zu austauschbaren Werbeeinblendungen verkümmern.

Seien wir ehrlich. Wir ahnen, warum sich keiner mehr so richtig eine Revolte vorstellen kann? Weil sie im frühmorgendlichen Berufsverkehr stecken bleiben, im Sommerschlussverkauf aus den Innenstädten gejagt oder im Feierabend-Swing der Postbüro-Freizeit untergehen würde? Im Moment ist das Revoltepotenzial gering, aber… deshalb, liebe LeserInnen, bereiten wir ja für die Kursbuch-Jubiläumsausgabe im kalten Dezember das Thema: Revolte 2020 vor. Wir wollen darin ein klein wenig erforschen, ob es noch ein so eindeutiges Nein und helles Ja geben kann? In einer Gesellschaft, die aus jedem klaren sofort ein brüchiges Ja oder Nein werden lässt, in dem diskursiv schnell unterschiedlichste begründungstheoretische Hackschnitzel herumliegen, die den Blick auf das große leuchtende Ja oder Nein verstellen.

Um uns die Zeit bis zum Erscheinungstermin dieses Kursbuchs zu vertreiben, werfen wir an dieser Stelle nur kurz einen Blick zurück. Auf damals, als die Revolutionen noch aus einem Guss waren. Auf 1789, als in Frankreich ein großes Nein inbrünstig zum alles überstrahlenden Ja strebte. Schauen wir uns den Revolutionärstyp von damals an: den Königsmörder. Als Erfüllungsgehilfe des Paradieses, eine Art selbst ernannter Erzengel, tötet er das Böse, damit das Gute unbefleckt bleibt. Gewalt und Terror kommen selbst ihm, dem Tugendhaften, gerade recht. Sein Trick: Der französische Revolutionär verlegt die Legitimation des Königsmordes außerhalb der Gesellschaft, etwa ins Naturrecht. In diesem speziellen Da-haben-wir-ein-Recht-darauf-Land regieren plötzlich die als absolut anerkannten Werte. Für den König ist dort kein Platz mehr. In den großen Königsmörder-Reden wurde deshalb höchster Wert darauf gelegt, den König als Außenstehenden, als Feind zu entlarven, der keine Verbindung zur Gesellschaft besitzt. »Die Revolte beginnt, wenn der Tyrann stirbt«, rief Louis-Antoine de Saint-Just aus. Dem König wurde letztlich zum Verhängnis, was er jahrhundertelang etabliert hatte: die Unberührbarkeit. Endlich fand man Gelegenheit, den Monarchen zu berühren, Hand an ihn zu legen, ihn zu töten. Die Aura der Unantastbarkeit für das Volk wurde im Handstreich zerstört. Zuvor blickte das Volk ehrfürchtig zum Schloss, dem tabuisierten Kernbereich der Macht. Welche in dem Moment in sich zusammenfiel, als dem Herrscher die eigene Ausgrenzungstaktik zum Verhängnis wurde.

Was hat das alles mit Deutschland 2019 zu tun? Freuen wir uns, wie gesagt, in einer revolteschwachen Zeit zumindest erkenntnistheoretisch auf das Jubiläumskursbuch 200. Dann, wenn AfD und Rechtsextreme mit noch kühneren Revoltephrasen prahlen werden. Dann, wenn Tugend und Jugend noch stärker ineinanderverschmelzen und das große Nein fordern werden. Dann, wenn Engländer plötzlich merken werden, dass ihre Supermärkte nur noch englische Bananen zum Verkauf anbieten. Dann, wenn das Wort „Arbeitslose“ in die Tagesthemen Einzug halten wird. Oder auch dann, wenn irgendwelche neue Schokoriegel oder Backrezepte zur Geschmacksrevolution aufrufen werden. Sage dann bitte keiner, er hätte nichts geahnt!

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /88, 05.08.19

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