MONTAGSBLOCK /86

Vor einigen Monaten wurde auf einer Konferenz in New Orleans, die sich mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzte, eine interessante Geschichte publik. Einem Großcomputer wurde nämlich die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Es ist nicht bekannt, wie stark der Rechner daraufhin gekühlt werden musste, um sich durch Milliarden von Items und Daten zu wühlen. Jedenfalls kam am Ende heraus: „Living is the experience of happiness.“ Tja, was will man da entgegnen? Die KI-Forscher indes wollten die banale Essenz, auf die der Mensch in seiner langen Geschichte gefühlt schon 20 Milliarden Mal gekommen war, nicht so stehen lassen und fragten hurtig nach: Wie findet man sein Glück?

Jetzt wurde die Sache spannend. Wieder zog sich der Großrechner in seine Eingeweide zurück und spuckte nach erneuter grobsemantischer Rauchentwicklung vier Antworten aus. Die erste brachte mich sofort ins Grübeln:  „Spend some time each day thinking about how you’re feeling.“ Ich begann also, dreimal täglich bewusst darüber nachzudenken, wie ich mich fühle. Blöderweise hatte ich mit einem Tag begonnen, wo ich mich dreimal ziemlich ausgelaugt und ausgepowert fühlte. Was mich zu der Überlegung brachte, vielleicht auf die Übung zu verzichten, wenn ich mich kacke fühle.

Meine Hoffnung lag deshalb eher in der zweiten Antwort: „Take a moment to look within and find what makes you happy.“ Ich hörte sofort in mich hinein, als ich just beim Fußball spielen ein Kopfballtor erzielte. Was einmal in zwei Jahren vorkommt und meine Mitspieler immer zu herablassenden Witzen animiert, dass ich den Kopf zu spät aus der Flugbahn des Balles bekommen habe. Was mich daran erinnerte, dass in jedem Glück ein wenig Humor, aber auch Zweifel stecken. Ich fühlte also, dass ich ab sofort immer und jedes Mal ein Kopfballtor machen möchte, bemerkte aber umgehend, dass mir gewisse Limitationen bei der Erfüllung dieses Wunsches auferlegt sind. Ich kann nämlich fühlen, was ich will, wenn mein Gegenspieler einen Kopf größer ist als ich, baut der Ball gerne eine gewisse Distanz zu mir auf.

Bei der dritten Antwort fühlte ich mich dann wieder wertgeschätzt: „Read a book.“ Na ja, dachte ich mir, diese Kulturtechnik war mir irgendwie vertraut. In der Ergänzung aber sprach der große KI-Guru: „Anything.“ Egal ob einen billigen Moralratgeber oder einen Krimi. Hauptsache Buch. Dies erinnerte mich sofort an eine Werbeaktion des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in den 1980er Jahren. Dort war der Headliner: „Lesen statt dösen.“ Ein appellativer Aufruf, der nur noch von dem Jahrhundertsatz getoppt wurde: „Buch macht kluch.“ So blieb mir nur noch die vierte Antwort, um endlich mein Leben in sinnvolle Bahnen zu lenken.

„Eat a healthy diet – especially lots of vegetables.“ Hier regte sich bei mir sofort Widerstand, jedoch ertappte ich mich gleichzeitig, wie ich beim nächsten Spargelessen auf den gekochten Schinken verzichtete. Gab es doch noch Hoffnung für mich? Interessanterweise begann ich zur gleichen Zeit mit der Lektüre des neuen Buches von Armin Nassehi, das im August das Licht der Welt erblicken wird. Darin vertritt er unter anderem die These, dass die Digitalisierung die Verdoppelung der Welt in Datenform sei. Das machte mich stutzig. Besteht der ganze Trick der Künstlichen Intelligenz offenbar nur darin, die Welt und nichts als die Welt zu rekonzentrieren? Wie ein Glas Tomatensugo, das außen mit prallen, reifen Tomaten auf die Inhalte hinzuweisen versucht?

Mir war spontan klar, dass ich nur noch den Maibock aus der Gefriertruhe schaffen müsste. Doch das nächste Gedankendilemma preschte heran: Der Maibock war nämlich mal ein Maibock, und bald wird er ein Ragout oder ein Rehschnitzerl sein. Eine Verdoppelung der ganz anderen Art. Analog, aber ganz real ein Gaumenschmaus. In diesem Augenblick überkam mich ein warmes Gefühl voller Dankbarkeit. Wie glücklich ich in diesem Moment war, als ich merkte, dass mir kein Computer dieser Welt das Rehragout wegfressen kann. Jetzt fühle ich mich wieder richtig gut, wenn es mir gut geht!

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /86, 08 . Juli 2019

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