MONTAGSBLOCK /85 – Ein soziologischer Geburtstagsgruß an Jürgen Habermas

Manche nennen Jürgen Habermas den Philosophen der (alten) Bundesrepublik, manche den Hegel des 20. Jahrhunderts. Seine Philosophie ist eine Philosophie der kommunikativen Verflüssigung, keine dialektische Philosophie, aber eine Philosophie der Dialektik im Sinne der Einsicht darein, dass das Aufeinandertreffen von Spruch und Widerspruch ein Drittes erzeugt, im besten Falle Verständigung. Es ist eine Philosophie, die über die Bedingungen der Möglichkeit symmetrischer Verhältnisse aufklären will. Es ist eine Philosophie öffentlicher Deliberation, und es ist eine Philosophie, die den bornierten unvernünftigen Sprecher zur Vernunft bringen will, und zwar durch die Zugzwänge des Sprechens selbst. Es ist eine praktische Philosophie, nicht nur in dem Sinne, dass sie eine Verständigungsethik formuliert und eine normative Idee, dass die Moderne ihre normative Kraft aus sich selbst schöpfen muss. Es ist auch eine praktische Philosophie, weil sie nicht die Systematik der Sprache, sondern die Praxis des Sprechens in den Vordergrund stellt. Vielleicht ist es eine Philosophie, die selbst darüber befremdet sein könnte, dass sich manche Symmetrieerwartungen und Symmetrisierungspraxen in der Gegenwart so stark realisiert haben, dass für die Asymmetrie der Vernunft kein Platz mehr bleibt: dass nämlich das bessere Argument besser ist als das schlechtere, wie es Irmhild Saake einmal formuliert hat. Es ist eine Philosophie, die die Symmetrisierung kommunikativer Verständigung in eine Welt einbauen will, die in ihren deliberativen Arenen noch allzu sehr von der Asymmetrie des klassischen Expertentums und der traditionellen Sprecher geprägt ist. Und es ist eine Philosophie, die nun, da diese Sprecher infrage gestellt werden, der Tatsache gewahr wird, dass das bloße Sprechenlassen noch keine besseren Argumente erzeugt. Die kommunikative Revolution, auch getriggert durch ganz neue Kommunikations- und Verbreitungsmedien, kennt nun zwar mehr Sprecher, aber immer weniger den „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“, wie eine der vielen wunderbaren Sentenzen von Habermas heißt. Was auf den ersten Blick wie eine Dementierung der Habermas‘schen Kommunikation aussieht, nämlich dass die Vermehrung der Sprecher nicht unbedingt die Argumente besser macht, ist auf den zweiten Blick womöglich eine Diagnose, die Habermas bestätigt: Solange ein Diskurs, eine deliberative Praxis und eine frei diskutierende Öffentlichkeit den unvernünftigen Sprecher nicht zugunsten des besseren Arguments verändern kann, nützt auch die quantitative Vermehrung von Sprechern nichts.

Das ist, in der verkürzten Lesart eines Soziologen, vielleicht das philosophische Erbe dieses gigantischen Denkers. Was freilich darüber in Vergessenheit zu geraten scheint, ist der Soziologe Jürgen Habermas, der er auch ist. Er ist nicht nur der Philosoph der kommunikativen Verständigung und der Deliberation, sondern auch ein Soziologe, der den gesellschaftlichen Ort der kommunikativen Verständigung in der Gesellschaft theoretisch und empirisch bestimmen wollte. Es ist aus soziologischer Perspektive das größte Verdienst von Jürgen Habermas, dass er seine philosophische Ambition der Klärung kommunikativer Verhältnisse und der philosophischen Bestimmung einer kommunikativen Vernunft, die anders als Hegel, aber mit ähnlichem Impetus das System des „Atomismus“ Kants zu überwinden trachtet, mit soziologischen Einsichten einschränkt.

Es ist dies keine prinzipielle Einschränkung, sondern eine empirische. Soziologisch wäre seine Philosophie kaum lesbar gewesen, würde man die Idee der Verständigung und der kommunikativen Vernunft als ein Prinzip der Gesellschaft selbst deuten wollen. Habermas behauptet nicht, dass die Gesellschaft als Ganze ihre Handlungskoordination auf kommunikative Verständigung aufbaut. Das wäre empirisch auch nicht haltbar. Neben den Sphären der Sozialintegration macht er auch solche der Systemintegration aus. In diesen mediengesteuerten Systemen, wie Habermas formuliert, wird weniger Verständigung vorausgesetzt, sondern politische und organisatorische Macht und Geld. Macht und Geld sind Steuerungsmedien, die Handlungskoordination vereinfachen und die Sprecher von Verständigungsnotwendigkeiten entlasten. Eine moderne Wirtschaft wäre nicht denkbar, würde man sich über jede Transaktion in Tauschverhältnissen oder in der betrieblichen Organisation verständigen müssen, und eine staatliche Verwaltung und die Durchsetzung legitimer politischer Macht wäre nicht möglich, wenn jeder Machtmechanismus kommunikativ verflüssigt würde. Das gilt sowohl für die Staatsorganisation als auch für die Verbetrieblichung der Wirtschaft.

Habermas hat in der biografischen Mitte seines Schaffens, in seinem 1981 erschienen zweibändigen Werk Theorie des kommunikativen Handelns in rekonstruktiver Arbeit sowohl die Quellen der kommunikativen Verständigung in lebensweltlichen, kommunikativen Zusammenhängen, als auch diese systemischen, eben nicht auf Verständigung gebauten Formen der Handlungskoordination herausgearbeitet. Er hat dabei eine kritische Generation, die sich an die eigene Praxis der Deliberation gewöhnt hat, mit der politischen und ökonomischen Praxis einer Moderne versöhnt, die sich eigendynamisch einer per se symmetrisierenden kommunikativen Praxis entzieht.

Habermas war dabei auf eine beispielhafte Weise konsequent. Man kann seine Versöhnung von kritischer Theorie und Systemtheorie tatsächlich so lesen, dass da ein Denker sich von der empirischen Beobachtung irritieren ließ, dass die Pathologie der Moderne eben nicht in der Steigerung der Produktivkräfte oder in der Dynamik des Kapitalismus, auch nicht in der gewaltmonopolisierenden Staatsmacht liegt, sondern lediglich darin, dass die Idee der kommunikativen Verständigung aus der gesamten Gesellschaft vertrieben werden könnte. Er schrieb: Wenn die Medien Macht und Geld in Bereiche, die auf deliberative Verständigung angewiesen seien, eindringen würden „wie Kolonialherren in eine Stammesgesellschaft“, beginne die Moderne pathologisch zu werden. Die mediengesteuerten Bereiche seien auf Austauschprozesse mit der deliberativen Öffentlichkeit ebenso angewiesen wie diese auf Versorgungs- und Ordnungsleistungen eines demokratischen Staates und einer kapitalistischen Wirtschaft

Man muss den theoretischen Argumenten eines so gebauten zweistufigen Gesellschaftsbegriffs in Lebenswelt und System nicht in toto folgen, um darin nicht eine erstaunliche Leistung anzuerkennen. Habermas hat der Idee der Kritik und der gerade im sozialwissenschaftlichen Milieu weit verbreiteten romantisierenden Idee eines lebensweltlich verkürzten Gesellschaftsverständnisses eine klare Absage erteilt. Er hat dieser Generation gewissermaßen eine Art Realitätsprinzip verpasst, ohne freilich von der Grundidee der Kraft der kommunikativen Verständigung zu lassen. Für mich als damals 21-jährigem Philosophie- und Soziologiestudent war dieses Denken eine Initialzündung dafür, die Idee der Handlungskoordination auch außerhalb der eigenen Generations- und Milieuerfahrungen mitzudenken. Denn gerade für die kritische sozialwissenschaftliche Intelligenz, gerade die ganz junge, waren die Handlungskoordinationen durch Geld und Macht, in betriebsförmiger Arbeit und staatlicher Machtausübung eher abstrakt als konkret präsent.

Dieses zweistufige Gesellschaftskonzept ist in der Soziologie fast in Vergessenheit geraten, sogar in Habermas‘ eigenen Arbeiten – und in der sozialphilosophischen Rezeption, auch bei seinen direkten Schülern, herrscht eher jene lebensweltliche Verkürzung der Gesellschaft vor. Man kann nur darüber spekulieren, woran das liegt. Vielleicht hat sich die gesellschaftliche Selbstbeschreibung so sehr an das Symmetrisierungsmotiv gewöhnt, dass sie diesen Habermas‘schen Stachel im Fleisch gar nicht mehr denken kann. Und vielleicht ist überhaupt die Strenge und Stringenz dieser Art „großer Theorie“ in heutigen posenhaften Zeiten gar nicht mehr möglich. Aber ein explizit soziologischer, in ehrlicher Bewunderung des Jubilars formulierter Geburtstagsgruß an den 90-jährigen Philosophen und eben auch Soziologen muss auf diesen Stachel hinweisen.

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /85, 17 . Juni 2019