MONTAGSBLOCK /82

Wer gerade von einer Jägerkanzel auf die Welt blickt, sieht seltsame Dinge. Aufgrund des langen Winters werden die Rehkitze heuer etwas später geboren, gleichzeitig sprießen in diesen regenreichen Tagen die Wiesen, in denen die Jungtiere dann liegend kauern. Der Vorteil ist, dass kein Feind so leicht Witterung von ihnen aufnehmen kann. Vor allem die Füchse also, die gerade auch einige junge Mäuler stopfen müssen, werden ihnen nicht so gefährlich. Außer, sie stolpern über ein Kitz. Eine große Gefahr indes kommt vom Menschen. Die Landwirte wollen jetzt ihre Wiesen mähen, weil sie Heu machen müssen für ihre Tiere im Stall. Blöd nur, dass sie mit den Mähmaschinen auch über die Kitze hinwegfahren und diese dabei massakriert werden. Was wiederum auch für das Schnittgut schlecht ist, weil sich die Stalltiere mit Keimen infizieren und sogar sterben können. Schöner Schlamassel! Keine Lösung in Sicht. Der Landwirt sitzt auf seinem Traktor, das Kitz kauert ängstlich im hohen Gras, der Jäger hockt auf der Kanzel und runzelt die Stirn, der Fuchs lauert im Wald auf Gelegenheiten, und dem Montagsblockschreiber fällt der Kevin Kühnert ein.

Kevin ist gerade – der Vergleich drängt sich auf – ein besonders schutzbedürftiges Rehkitz. Er liegt im hohen Gras einer üppig sprießenden Medienöffentlichkeit und fordert mehr sozialistische Gleichheit und Umverteilung für alle Waldbewohner. Da reißt es die Mähmaschinenfahrer in den anderen Parteien. Der Scheuer Andi vom Maschinenring CSU plärrt: „Zum Glück haben wir den Sozialismus überwunden, bei dem zwar alle gleich, aber alle gleich arm waren. Die Forderung, Betriebe wie BMW zu kollektivieren, zeigt das rückwärtsgewandte und verschrobene Retro-Weltbild eines verirrten Fantasten.“ Da duckt sich das Kevin-Kitz gleich noch stärker in den Boden. Doch auch die Verwandtschaft ist nicht gut auf das Kevin-Kitz zu sprechen. Von der SPD wird er als Rabauke, der noch viele Erfahrungen im Wald sammeln müsste, abgekanzelt. Oben auf der Kanzel wiederum sitzen die vielen Journalisten und räuspern sich. Der Kevin sei eigentlich ein guter Kerl, der, siehe Süddeutsche Zeitung vom Wochenende, auf größere Dinge hinweise. Zum Beispiel darauf, wie die Sharing Economy den bösen Waldkapitalismus überwinden könnte. Den aber verteidigen die Füchse und schütteln wie der BMW-Betriebsratsvorsitzende Schoch Manni den Kopf: „Für Arbeiter deutscher Unternehmen ist diese SPD nicht mehr wählbar.“ Schöner Schlamassel! Keine Lösung in Sicht. Die Landwirte mit ihren Mähmaschinen schäumen, das Kevin-Kitz sagt jetzt mal lieber nichts mehr, die Jäger träumen wieder ihren Traum von einer besseren Welt, der Fuchs spekuliert darauf, das Kevin-Kitz auszuhungern, und der Montagsblockschreiber denkt – immer noch an den tapferen Kevin Kühnert.

Und fragt sich, warum der Sozialismus nicht mal wieder fröhlich-optional gedacht werden darf. Sozusagen als Was-wäre-wenn-Spiel! Zum Beispiel mit Ronald Dworkin. Der hierzulande viel zu wenig bekannte Philosoph würde den Ausweg womöglich darin sehen, alle Beteiligten erst einmal mit Ressourcen auszustatten, um so ihre je besonderen Lebenspläne verwirklichen zu können. In einem Sozialismus der Chancengleichheit. Aufgepasst, liebe paradoxierten Waldbewohner, lauscht der Erzählung von den Schiffbrüchigen, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind, einer Insel mit Ressourcen im Überfluss, aber ohne einheimische Bevölkerung. Das knappe Dutzend Schiffbrüchiger rechnete nicht damit, in den nächsten Jahren gerettet zu werden. Aber sie alle waren sich einig, jetzt kooperieren und sich nicht gegenseitig massakrieren zu wollen. Unter sengender Sonne entschieden sie: Jeder sollte von einem gewählten Auktionator die exakt gleiche Menge an Muscheln, die als Währung dienten, erhalten. Jede Ressource auf der Insel sollte damit ersteigert werden können, ohne dass – was besonders wichtig war – am Ende der Auktion einer dem anderen sein Ressourcenbündel neidete. Die Schiffbrüchigen akzeptierten das Prinzip, dass keiner von ihnen bis zu diesem Zeitpunkt einen legitimen Anspruch hatte auf irgendeine der Ressourcen und diese stattdessen völlig gleichmäßig unter ihnen verteilt werden sollten. Und die Moral von der Geschicht? Hört dem Kevin einfach erst mal zu und lasst dann eure Gedanken in eine bessere Zukunft schweifen!

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /82, 06. Mai 2019

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