MONTAGSBLOCK /79

Der mörderische rechtsradikale Terroranschlag gegen Muslime im neuseeländischen Christchurch ist etwa 10 Tage her. Seitdem gilt der neuseeländischen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern weltweite Aufmerksamkeit. Einen Satz hat man seitdem immer wieder gehört: sie habe alles richtig gemacht – ich habe ihn selbst auch in einem Radiointerview gesagt. Erstaunlich an dieser Diagnose ist, dass Ardern tatsächlich alles anders gemacht hat als andere Regierungschefs in ähnlichen Situationen. Vielleicht ist das tatsächlich das Geheimnis ihres Verhaltens, dass es so ganz anders war, offensichtlich unerwartet, offensichtlich in Differenz stehend zu dem, was wir sonst kennen. Man muss nicht gleich an die potentiellen Schurken denken und an ihre rüpelhaften bis primitiven, vor allem die Sache für eigene Zwecke instrumentalisierenden Reaktionen denken. Sicher hat man gleich Figuren wie Trump oder Erdogan im Blick, die ihre Rolle viel erwartbarer spielen – und auch in diesem Fall gespielt haben.

Ardern hat sich anders verhalten – und das muss hier nicht noch einmal nacherzählt werden, weil die starken Bilder und Sätze bekannt sind und millionenfach verbreitet wurden. Das Frappierende daran ist tatsächlich, dass die Diagnose „alles richtig gemacht“ sich mit der Erfahrung „völlig anders als andere“ paart. Und das liegt nicht an der Rüpelhaftigkeit der anderen. Denkt man etwa an die deutsche Staatsspitze nach dem Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin, so hörte man nur die üblichen verdächtigen Sätze mit der geradezu sinnfällig spürbaren Vorsicht, die Dinge nicht zu sehr beim Namen zu nennen, um nicht Fremdenfeindlichkeit, antiislamische Ressentiments und nicht zuletzt das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu verletzen. Das war den Opfern gegenüber zum Teil beschämend. Zugegeben – Ardern hatte es insofern einfacher, als der Mörder ein „Eigener“ war, der sich an „Anderen“ vergangen hat – wohlgemerkt verstanden als Diskurspositionen. Das Fremde lag im Eigenen. Ähnlich war es beim Anschlag des norwegischen Rechtsradikalen auf der Insel Utøya im Jahre 2011.

Aber die Art und Weise, wie Ardern sich der muslimischen Minderheit als muslimischer Minderheit zugewandt hat, war eben nicht von dieser Hilflosigkeit geprägt – sie hat alle Vorsicht fahren lassen und ist Risiken eingegangen. Sie regiert immerhin in einer Koalition mit einer populistischen „New Zealand First“-Partei, und sie hat starke Bilder erzeugt, indem sie sich mit dem Kopftusch gezeigt hat – jenem Symbol, dessen Uneindeutigkeit und Konflitkpotential wie eine gewebte Metapher für das Bild des Islam vor allem in der westlichen Welt steht. Sie hat diese Risiken auf sich genommen – und das Richtige getan, offensichtlich auch als authentisch handelnde Person.

Dass die Dinge so aussehen, wie sie aussehen, liegt nicht nur an dieser offensichtlich starken und klugen Frau. Es liegt auch an unseren Beobachtungsroutinen und Erwartungen. Was wir gesehen haben und sehen, ist nicht nur das Richtige, es ist auch das, was wir offensichtlich nicht für möglich gehalten haben oder zumindest kaum erwartet haben. Anders ist die große weltweite Anteilnahme nicht nur den Opfern gegenüber, sondern vor allem der Ministerpräsidentin gegenüber nicht zu erklären. In der New York Times hat die Autorin Maya Salam einen Kommentar so betitelt: „Jacinda Ardern is leading by following no one.“  Das bringt es gut auf den Punkt. Das Faszinierende ist wohl die Abweichung, das Unerwartete, das Ausscheren aus einem Muster. Das Verhalten weicht ab. Und die Abweichung ist die Mutter aller Lernprozesse.

Gerade weil das Verhalten von dem erwartbaren Muster abweicht, verweist es auf ein Muster, das durch Bestätigung eher unsichtbar wird. Es ist bei den meisten Reaktionen auf solche Anschläge tatsächlich durch Bestätigung unsichtbar geblieben, weil es eben die üblichen verdächtigen Sätze sind. Und hier spielen zumeist alle ihre vorher schon bekannten Rollen wie in einem Drehbuch. Auch diesmal konnte man auf den üblichen verdächtigen Blogs nachlesen, wozu der „große Austausch“, der „Bevölkerungswechsel“ am Ende führt und dass es dann eben auch die Rolle jener Mörder gibt, die dann krokodilstränenreich beklagt werden. Ich verlinke hier nicht, aber wer sich ein wenig auskennt, weiß, wo zu suchen ist.

Hier hat eine Rollenträgerin etwas anderes getan – und schon wird die Hilflosigkeit als Muster sichtbar. Hier wurde geführt, ohne zu folgen. Auch nicht dem Muster, das man üblicherweise kennt.

Systeme brauchen Abweichungsverstärkungen, um zu lernen. Sie müssen sich selbst mit Abweichungen konfrontieren, um sich besser mit neuen Situationen auseinandersetzen zu können. Solche Abweichungen verändern Strukturen, weil sie Erwartungen verändern. Nach den Reaktionen in Neuseeland wird es in Zukunft schwieriger, wieder die üblichen verdächtigen Sätze zu sagen – oder wenigstens wird es schwieriger, sie nicht als übliche verdächtige Sätze wahrzunehmen. Strukturen ändern sich selten dadurch, dass man es will oder dass man es beschließt oder verordnet. In sozialen Systemen bestehen Strukturen aus den Erwartungen und dem Erwartbaren – und Abweichungen erweitern den Raum des Erwartbaren, des Möglichen. In der soziologischen Systemtheorie versteht man unter „Sinn“ die Differenz von Aktualität und Möglichkeit. Mit der Erweiterung des Möglichen, bezeugt dadurch, dass es offensichtlich geschehen kann, kann etwas aktuell, also wirklich werden, das man sich zuvor nicht vorstellen konnte. Jacinda Arderns starkes Verhalten, über das man noch viel mehr sagen könnte, ist so ein Anlass, an dem sich das Verhältnis von Aktualität und Möglichkeit verschiebt und in dem offensichtlich auch Anderes als das übliche Verdächtige zu möglichen sinnhaften Erwartungen gehört.

Daran wird sich in Zukunft messen lassen müssen, wer in solchen Situationen etwas zu sagen haben wird. Das Schreckliche an dem letzten Satz ist freilich, dass die Wiederholung solcher Anschläge ganz offensichtlich zu den Erwartungen gehört, mit denen man tatsächlich rechnen muss. Jedenfalls werden dann, je nach Art des Ereignisses, entweder die rechten oder die islamistischen (oder auch sonstigen) Verschwörungstheoretiker ihre Sätze dazu zu sagen haben, warum all das sein musste. Lernen kann man zumindest: Es muss nichts sein, nicht alles, aber Vieles könnte auch anders sein. Und dafür brauchen Systeme Gelegenheiten der Abweichungsverstärkung. Zum Beispiel als Führung, die nicht folgt.

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /79, 25. März 2019