MONTAGSBLOCK /71

Blutwurst kann auch eine Lösung sein. Man kann wunderbar darüber streiten, ob ihre Anwesenheit auf dem Buffet der Islamkonferenz bösen Motiven des Innenministers entspringt oder schlicht der Gedankenlosigkeit des Caterers. Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen, ob hier subtiler Rassismus waltet oder eher Minderheitenschutz für die nicht muslimischen Teilnehmer der Konferenz, damit auch sie etwas zu futtern bekommen und sich nicht zu fremd fühlen. Das Schöne ist, dass man Motive nicht sehen kann, sondern zurechnen und unterstellen muss. Wenigstens ist der ganz offenkundige Versuch des Innen- und Heimatministers in den Hintergrund getreten, für semantische Abrüstung zu sorgen. Performativ hat er ja seine erste, fast übersprungförmige Aussage im bayernfernen Amt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, geradezu revidiert.

Wie gut, dass auf dem Buffet Blutwurst gereicht wurde, was, wenn man den Berichten Glauben schenken darf, in actu gar nicht aufgefallen zu sein scheint, zumal es Alternativen gegeben haben soll, die allen religiösen und gesundheits- wie befindlichkeitssensiblen Speisebedenken Rechnung getragen haben. Erst im Nachhinein wurde die Sache skandalisiert und ging dann den Gang aller elektronischen Informationsverarbeitung, wie wir sie kennen: empörte Empörung, ebenso empörte Gegenempörung, empörte Vorwürfe, empörungsabwehrende Richtigstellungen, sensible Erklärungen, betroffenes Verständnis und wieder empörte Empörung und empörte Gegenempörung. Alles hat ein Ende, nur die Blutwurst hat zwei – man kann sich aussuchen, zu welchem Ende hin man sich empört. Mir ist das ehrlich gesagt wurscht.

Eine Lösung ist diese Blutwurstsache insofern, als die Fragen nach der Islamkonferenz selbst gar nicht mehr gestellt werden können. Würde man hinter dem ganzen Theater einen Regisseur und einen wirklich findigen Drehbuchautor vermuten, dann hätten beide sich das in etwa so vorgestellt: Wir legen Blutwürste aufs Buffet, es wird sich schon jemand finden, der sich empört. Die anschließende Diskussion wird genau die Dynamik entfalten, die man bei ähnlichen Anlässen kennt und alsbald wieder abebben. Aber sie wird lange genug genau das bestätigen, was die Geschäftsgrundlage der Islamkonferenz ist: nämlich die Unterscheidung von Muslimen und Nichtmuslimen zu stabilisieren – was mit Blutwurst einfacher ist als ohne. Mit Blutwurst lässt sich die Welt schön einteilen in die, die Blutwurst essen (dürfen) und die, die sie nicht essen (dürfen). Das ist eine eindeutige Unterscheidung, und sie ist eine wahrhaft diskrete Unterscheidung. Sie trennt augenfällig und macht aus einer schwierigen analogen Gemengelage zwei bestimmbare Gruppen, sie digitalisiert das Problem: 0 und 1, nichts dazwischen, keine Grauwerte. Als ob die analogen Muslime genauso eindeutig zu bestimmen wären wie die blutwurstdigitale Muslim-/Nichtmuslim-Binarität.

Natürlich gab und gibt es weder Drehbuch noch Regisseur, und doch haben alle Beteiligten ihre Rollen gespielt. Und sie spielen sie auch deshalb, weil es viel schwieriger ist, den Gegenstand der Islamkonferenz genau zu bestimmen. Sie krankt nämlich nicht nur an einem gewissermaßen politischen Repräsentationsproblem in dem Sinne, wer denn nun eigentlich für die Muslime sprechen kann/darf/sollte. Dass die eher stabilen Organisationen mit ihren ebenso stabilen Kontakten zu den autoritärern Herren ihrer Länder im diskursstrategischen Vorteil sind, ist nicht verwunderlich. Das ist das Schöne an stabilen Organisationen, sie sind stabil und zeitfest, und man wird sie so leicht nicht los.

Die Islamkonferenz krankt aber darüber hinaus an einem semantischen und epistemologischen Problem. Welcher ontologischen Natur ist eigentlich ihr Gegenstand – der Islam? – und wer eigentlich sind diese Muslime? Für wen spricht die Konferenz? Was wissen wir überhaupt über die ca. fünf Millionen Menschen, die dort konferierend repräsentiert werden sollen? Welche Einheit trifft hier auf welche andere? Wird der Islam nicht eigentlich durch eine solche Konferenz erst zur adressierbaren Adresse? Ist das womöglich eine subtile Form der Islamisierung oder anders ausgedrückt, muss man ihn nun in einer adressierbaren Einheit erst erzeugen, um ihn ansprechen zu können?

Ich spreche nicht gegen die Islamkonferenz. Es ist gut, dass man sich dem Problem stellt. Die Frage ist nur: Welchem Problem muss man sich stellen? Im Kulturkampf mit der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert hat man wenigstens einen Vertragspartner gehabt, mit dem man in Preußen und auf Reichsebene verhandeln und nach scharfen Auseinandersetzungen Frieden schließen konnte und das Verhältnis von Staat und Kirche mit Wirkung bis heute neu regelte. Es gibt aber auf islamischer Seite heute keinen Papst Leo XIII., mit dem man Frieden schließen könnte. Es gibt nur einen mehr oder weniger (un)organisierten Islam in Deutschland, mit dem man kaum reden und auch keinen diplomatischen oder vertraglichen Ausgleich schaffen kann. Was es gibt, ist eine sehr diversifizierte, sehr uneinheitliche, kaum adressierbare Praxis, in die nun alles hineingezogen wird, was muslimisch sein könnte. Der Vorteil einer diplomatischen Adresse besteht darin, dass man mit ihr Schriftstücke unterzeichnen kann, weswegen die eher traditionellen, eher autoritären, eher konservativen Islamverbände für solche Zusammenkünfte so attraktiv sind. Man kann dies den politischen Veranstaltern, sprich also dem Bundesinnenminister, gar nicht vorwerfen –  es besteht wirklich das Problem, dass es kein eindeutiges Gegenüber gibt. Dass sich nun weitere, eher liberale, sogar säkulare Organisationen gründen, um dem Islam eine andere Gestalt zu geben und auch nicht religiös praktizierenden Muslimen eine organisatorische Heimat zu geben, ist gut und erwartbar, verschärft aber die Frage danach, wer eigentlich angesprochen werden soll und mit wem die Islamkonferenz redet – und zu welchem Ende.

Ja, zu welchem Ende der Wurst! Die Wurst hat geschafft, was die politische Veranstaltung nicht vermochte: zwei klare opponierende Adressen zu erfinden – blutwurstverachtende Muslime und blutwurstkompatible Nichtmuslime -, die man nun aufeinanderhetzen kann. Das ist die ironische Wendung einer Affäre, die uns deutlicher als alle gelehrten Diskurse darauf verweist, wie schwierig es ist, muslimisches Leben in Deutschland auch nur genau zu benennen und zu adressieren, was unter anderem daran liegt, dass es viel selbstverständlicher, unauffällige und unproblematischer da ist, als es die adressierbaren Konflikte nahelegen. Die Blutwurst ist tatsächlich die Lösung – eine einfache Lösung eines komplexen Problems und Anlass dafür, die paradoxen Folgen solcher politischer Initiativen genauer in den Blick zu nehmen. Die Diversität und Vielfalt des Islam in Deutschland ist gerade auf einer Islamkonferenz, die mit dem Islam diskutieren will, kaum darzustellen.

Vielleicht liegt hinter allem doch der ewige Ratschluss Gottes – und dabei muss betont werden, dass der Gott der einen genetisch auch der Gott der anderen ist. Im Rheinland wird Blutwurst als regionales Nationalgericht gerne mit Kartoffelstampf und Apfelmus gereicht. Im rheinischen Idiom heißt das „Himmel un Ääd“ – Himmel und Erde. Ob das ein Zeichen ist?

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /71, 03. Dezember 2018