MONTAGSBLOCK /70

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In der letzten Woche feierten Staatsfunk und -fernsehen eine sogenannte Themenwoche. Gerechtigkeit. Da funkt’s sofort. Ungerechte Löhne, ungerechte Bildung, ungerechte Reichtumsverteilung. Die arme Krankenschwester, der nicht integrierte Flüchtling oder der reiche Topmanager mussten antreten zum Rapport. Ein Tohuwabohu an Gerechtigkeitsmoral.

Mir fällt bei dieser Gelegenheit mein früherer Mathematiklehrer, der Herr Haarländer, ein. Seine Unterrichtstechnik war im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend. Er betrat den Raum und schrieb innerhalb von 45 Minuten die offene Tafel von links oben nach rechts unten voll. Front(al)unterricht. Ob wir SchülerInnen anwesend waren oder womöglich das Tafelbild nur sehr begrenzt nachvollziehen konnten, interessierte ihn wenig. Beim Gong verließ er schnell den Raum, natürlich nicht, ohne uns Sekunden zuvor schnell noch die Hausaufgabe zu diktieren. Alle sechs Wochen dann eine gepfefferte Schulaufgabe. Wer das Klassenziel nicht schaffte, das war dem Herrn Haarländer egal. Sein Damoklesschwert jedoch schwebte über uns. Der Haarländer, wenn ich ihn heute so nennen darf, war ein großer Anhänger von Leistungsgerechtigkeit. Im Mittelpunkt steht dabei, so hätte es Pierre Bourdieu umschrieben, der Kampf des Individuums um Chancen und Möglichkeiten in einer begabungsungleichen Welt. Man kämpft um Anerkennung in einem sozialen Feld von Herrschenden und Beherrschten. In meiner Schulzeit war das Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht selten so codiert. Löse deine Aufgaben und die Türen stehen dir offen. Autonom war, wer etwas leistet.

Gerecht empfand dieses Konzept damals fast jeder. Auch die Eltern. Ja, ja, zu ihnen kommen wir noch. Obwohl es aus heutiger Sicht natürlich völlig ungerecht war, dass in der leistungsgerechten Schularistokratie nur wenige das Abitur schafften. Allerdings, das sollte man nicht verschweigen, durften wir auch aus schwächeren sozialen Schichten stammen. Bildungsfahrstuhl eben.

Mit der Sozialdemokratisierung in den folgenden Jahrzehnten kam es zum Aufstieg einer weiteren Gerechtigkeitskonzeption. Wie Ralf Dahrendorf festgehalten hat, ist das kein Wunder. „Verschiedene Gesellschaftsformen, verschiedene historische Entwicklungsstufen bestimmen auch den Begriff des Gerechten in je verschiedener Weise. Jede Epoche hat ihren Begriff des Gerechten.“ Recht hat er. Gerechtigkeit wurde in den Nuller- und Zehnerjahren plötzlich viel stärker mit Verteilung und Chancen in Verbindung gebracht. Übersetzt bedeutete das: Schule sollte jetzt noch mehr Bildungsgleichheit für alle herstellen und die Begabungsungleichheit kompensieren. Der Chancengerechtigkeit zufolge verdient es nämlich jeder Mensch, in einer Weise behandelt zu werden, die seinen je individuellen Eigenschaften angemessen ist. Alle SchülerInnen einer Gesellschaft haben die gleiche Möglichkeit, nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Ambitionen, ihre Schullaufbahn selbst zu wählen und später in begehrte soziale Positionen (Beruf, Karriere) zu gelangen.

Tja, Herr Haarländer, da kam die Pensionierung gerade noch rechtzeitig. Denn jetzt durften die KollegInnen gerechtigkeitstheoretisch die Schwächen der SchülerInnen verstärkt entdecken und versorgen. Hinzu kam, dass die Eltern plötzlich ihre Kinder noch mehr in Obhut nahmen und beschlossen, bildungsbiografisch eine stärkere Rolle zu übernehmen. Die Schule rückte somit in das unmittelbare Beobachtungsfeld der Helikoptereltern. Niklas Luhmann nennt das den Beobachter zweiter Ordnung. „Wer auch immer beobachtet, kann, ob er will oder nicht, beobachtet werden und setzt sich damit dem Risiko aus, anders gesehen zu werden, als er selbst sich und die Welt sieht.“ Die Nachfahren meines Herrn Haarländer waren der ständigen Beobachtung ausgesetzt. Der Lehrer, früher noch im leistungsgerechten, unbeobachteten Biotop, war plötzlich in die verteilungs- und chancengerechte Wildnis geschubst worden. Dort traf er auf Eltern, die Benotungen per Gericht einklagen oder Nachhilfe überdramatisieren. Auf KollegInnen, die aus Angst vor Gerechtigkeitsrepressalien schon einmal eine schlechte Note streichen. Und auf Schüler, die irgendwie das Gefühl haben, irgendwie immer und überall durchgeboxt zu werden. Im chancengerechten Schulparadies von heute schaffen deshalb fast alle das Abitur. Auch irgendwie gerecht.

Was wir daraus lernen? Jede Form von Gerechtigkeit erzeugt Widersprüche und Unterschiede. Amartya Sen erzählt in seiner Idee der Gerechtigkeit ein wunderbares Beispiel, wie kompliziert und komplex heute die Anwendung von Gerechtigkeitsgrundsätzen ist. Oder besser gesagt, wie schwierig es überhaupt ist, Gerechtigkeit walten zu lassen. Drei Kinder, Anne, Bob und Carla, streiten sich um eine Flöte. Anne fordert die Flöte für sich, weil sie das Instrument als Einzige spielen kann und es ungerecht wäre, ihr die Flöte deshalb zu verweigern. Bob verteidigt seinen Anspruch auf die Flöte mit dem Argument, dass er so arm sei und als Einziger der drei kein Spielzeug besitze. Bekäme er die Flöte, hätte er etwas zu spielen. Carla schließlich erklärt, dass sie viele Monate gearbeitet habe, um die Flöte selbst zu bauen. Jetzt kämen diese Ausbeuter und würden ihr die Flöte wegnehmen wollen. Das sei ungerecht. Wer aber soll die Flöte erhalten? Alle?

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /70, 19. November 2018