MONTAGSBLOCK /7

Das Kursbuch 186 – Rechts. Ausgrabungen ist im Druck. Und schon beginnt die Vorbereitung des nächsten Kursbuchs. Nummer 187. Es wird Welt verändern heißen. Bei der Vorbereitung stellt sich zunächst die Frage, was man unter diesem Titel eigentlich verhandeln kann. Wird die Welt verändert? Oder verändert sich die Welt selbst? Ist das Erste vielleicht unmöglich, weil das Zweite gilt? Oder ist es umgekehrt? Ändert sie sich selbst, ohne dass sie sich um unsere Veränderungsbemühungen schert? Oder ist es schon zu groß gedacht, gleich an die Welt zu denken, geht es bei Veränderungen doch meist um eher kleinere Dinge – um Lebensstile oder Routinen, um Überzeugungen oder kleinere Praktiken? Letztlich machen wir alle die Erfahrung, dass Veränderungen sich entweder von selbst einstellen oder aber durchaus gewollt sein können. In dieser Spannung bewegt sich jeder, der etwas ändern möchte, auch deshalb, weil der Gegenstand unserer Veränderung selbst während des Veränderungsprozesses auf diesen reagiert. Erstaunlicherweise merken wir die Widerständigkeit der Welt dann besonders deutlich, wenn sie sich verändert bzw. wenn wir versuchen, die Veränderungsrichtung zu beeinflussen. Das weiß jeder, der nur sich selbst ändern möchte – abnehmen und gesünder leben will, oder freundlicher, fleißiger, gemeinwohlorientierter, gerechter, nikotinärmer oder gar gottesfürchtiger sein möchte.

Es gibt einen bestimmten Typus von sozialen Gebilden, der für Veränderungen geradezu prädestiniert ist, nämlich Organisationen. Organisationen sind soziale Systeme, in denen die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem organisiert wird – etwa Unternehmen oder Universitäten und Schulen, Kirchen oder Verwaltungen, Vereine oder Parteien, Gerichte oder Ministerien. Das Besondere an Organisationen ist, dass sie gewissermaßen künstlich veränderungsresistent gehalten werden. Organisationen stellen Routinen, Zuständigkeiten, Selbstverständlichkeiten, Arbeitsteilung, Kommunikationsflüsse, Entscheidungswege und nicht zuletzt Rollenerwartungen auf Dauer und machen sie von Umweltveränderungen möglichst unabhängig. In einer Organisation sind wir es gewöhnt, die Struktur des Systems zu bestätigen und uns an das zu halten, was man in Organigrammen nachlesen kann. Wir schränken Kommunikation ein, indem wir mit den üblichen Zuständigen reden, und wir können unterscheiden, ob wir informell oder formell handeln. Und wir machen Witze darüber, dass wir in Organisationen Probleme lösen, die es längst nicht mehr gibt.

Organisationen sind dafür gemacht, dass sich nichts ändert. Sie sind aber auch dafür gemacht, um die Welt zu verändern. Denn in Organisationen kann man gerade deswegen etwas ändern, die ganze Welt gewissermaßen, weil man das, was festgelegt wurde, anders festlegen kann. Man kann Zuständigkeiten, Entscheidungsroutinen, Ressourcenverteilungen, Anreizstrukturen, Geldflüsse, Programmschriften, mission statements usw. verändern. Wer die Welt ändern will, ändert Organisationen – und kann sich selbst dann, wenn sich trotzdem nichts ändert, dennoch als revolutionärer Veränderer gerieren. Universitäten oder Unternehmen zum Beispiel werden permanent verändert – Karrierewege ebenso wie Zuschnitte von Fakultäten oder Abteilungen; Mittelverteilungen ebenso wie Berechnungsgrundlagen für Erfolg; Produkte und Studienabschlüsse ebenso wie Personal – weiblicher, diverser, jünger, älter, einheitlicher, gebildeter usw.; Bezeichnungen ebenso wie die Gremienstruktur – all das ändert sich , und es ändert sich dann oft nichts. Oder es ändert sich etwas anderes als das, was sich ändern sollte. Vielleicht gilt also: Wenn wir die Welt verändern, ändert sich die Welt, aber oft ganz anders. In Organisationen jedenfalls ist das so.

Und in der Welt? Wir denken noch ein wenig darüber nach.

Armin Nassehi
MONTAGSBLOCK /7, 23. Mai 2016

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