MONTAGSBLOCK /6

Was ist eigentlich Respekt? Diese Frage heute zu stellen, scheint bemerkenswert aus der Zeit gefallen zu sein. In einer digitalen Zeit, in der Respekt oft an den Gestaden gegenseitiger Abwertungsrhetorik zerschellt (etwa in zahlreichen infantilen Bewertungsportalen oder YouTube-Channels). Jeder darf offenbar jeden an den Pranger stellen. Arzt, Rechtsanwalt, Buchautor. Stigmatisierung und Denunzierung finden oft im Vorbeigehen statt. Ausgrenzung als Pop. Kein Zweifel: Respekt ist offenbar ein knappes Gut geworden, und es verletzt und tut weh, wo es abhanden kommt. „Man wird nicht als ein Mensch angesehen, dessen Anwesenheit etwas zählt“, sagt der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Er weiß, wovon er spricht. Denn Sennett hat es in der Kindheit selbst erlebt: Ausgrenzung und fehlenden Respekt. Er ist in Cabrini Green in Chicago aufgewachsen, einer Sozialsiedlung, in der Schwarze und Weiße wie in einer Enklave zusammenlebten.

Cabrini war der Versuch, den Rassenunruhen in den 1930ern zu begegnen. „1942 machten die Behörden armen Weißen ein Angebot: Wenn ihr mit den Schwarzen zusammenlebt, übernehmen wir die Miete.“ Rassenintegration am Reißbrett städtischer Sozialplanung (siehe Flüchtlingsplanung aktuell). Ein Jahr später zogen die Sennetts ein, Richard war gerade einmal drei Jahre alt. Die Bewohner von Cabrini gehörten zu den Verlierern der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs. Sennett erinnert sich an Bandenscharmützel zwischen schwarzen und weißen Jugendlichen. Und an die behördlichen Versuche, Ordnung von oben zu verordnen. Was aber misslang. Mittels Sozialhilfe wurde Abhängigkeit geschaffen, sie war, so Sennett, sogar ein Synonym für Demütigung. Überdies raubte man den Bewohnern der Cabrini-Siedlung ihre Selbstbestimmung. Die Bewohner „erlebten jenen eigentümlichen Mangel an Respekt, der darin besteht, nicht wahrgenommen und nicht als vollwertige Menschen angesehen zu werden“. Leider aber schafften nur wenige die Flucht aus diesem Dilemma. Wie fast überall in amerikanischen Großstädten.

Nur wenige haben es geschafft. Sennett wurde ein guter Cellospieler, erfuhr Beachtung und Anerkennung und schwenkte ein in die gutbürgerliche Stube gegenseitigen Respekts. Er gewann die Freiheit, sich selbst verwirklichen zu können. Gleichzeitig aber war es die autobiographische Geburtsstunde sozialer Ungleichheit, denn während Sennett auf dem linearen Erfolgspfad ein international renommierter Soziologe wurde, blieben die anderen in ihrem Milieu kleben. Strampeln vergeblich. Irgendwann übernahm die Sozialstaatsbürokratie dann die Entfaltung und Lenkung des Einzelnen.

In der Flüchtlingsfrage, aber nicht nur dort, steuern wir hierzulande gerade auf steigende Ungleichheit zu. Das hat Folgen. Die Aufstrebenden und die Beiseitegestellten verstehen einander nicht mehr oder nur noch mit großer Anstrengung. Es fehlt am wechselseitigen Respekt über die Grenzen der Ungleichheit hinaus. Überdies würden sich – AfD und Pegida lassen neben anderen grüssen – überall Netzwerke bilden, auf die sich die jeweiligen Mitglieder im Ernstfall stützen könnten. Schutzräume der jeweiligen Schicht, in denen man unter sich bleibt. Man kümmert sich um seinesgleichen. Beispielsweise nach wie vor MBA-Studenten in den Eliteeinrichtungen, die in einem Sicherheitsnetz leben und arbeiten. Und später als Topmanager wie in einem Herrenklub für gegenseitige Solidarität und Anerkennung sorgen. Die aber unten sind, die sieht man nicht: „Netzwerke auf den unteren Ebenen sind zu schwach, um den Menschen sonderlich viel Halt zu geben.“

Was aber sind die Bande, mit denen man ein starkes Respektseil knüpfen könnte? Gegenseitige Anerkennung ist ein zentraler Begriffsfaden, im Sinne von, wie es Jürgen Habermas formuliert hat, „Achtung der Bedürfnisse, die einem nicht gleichgestellt sind“. Doch wie formt die Gesellschaft den Charakter, der die Menschen befähigt, den Respekt der anderen zu gewinnen und deren Bedürfnisse zu achten?

Der Ausweg liegt vielleicht in der Selbstbeschränkung. In einer Beziehung, in der die eine Seite akzeptiert, dass sie die andere nicht vollkommen verstehen kann. Die Akteure sind sich also darüber bewusst, dass sie sich nah und fremd zugleich sind. Selbstbeschränkung als Ausgangspunkt für ein Zusammenspiel der Kräfte. Sich ausdrücken und darstellen können, gleichzeitig aber auch neue Werte aufnehmen und erproben, ohne zu dominieren.

Lernkurven am Horizont!

Peter Felixberger
MONTAGSBLOCK /6, 09. Mai 2016

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