MONTAGSBLOCK /66

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Reden wir übers Wetter. Jetzt, wo der Mega-Sommer vorbei ist. Zum Wochenende kam schlagartig die Wetterwende. Es wird wieder kühler. In der Klimaforschung herrscht indes weiter Hitzewelle: Polschmelze, Hitzerekorde, Dürren, Feinstaub und weitere ausweglose Krisen bilden eine große, kaum mehr beherrschbare Megarealität. In dieser Situation fällt mir Hartmut Graßl ein. Ich lernte ihn vor 20 Jahren kennen, er war damals Direktor des UN-Weltklimaforschungsprogramms in Genf. Zu jener Zeit suchte ich internationale Autoren für die EXPO-2000-Buchreihe, in diesem Fall zum Thema: globaler Klimaschutz. Als ich Graßl zum ersten Mal in der Schweiz besuchte, führte er mich in ein Forschungslabor, in dem Computer unterschiedlichste Klimaszenarien für die nächsten Jahrzehnte simulierten. Es war unglaublich: Kleinste Veränderungen der Parameter hatten langfristig große Auswirkungen. Ich war sofort im Panikmodus, als ich die roten Gebiete mit Dürre, Überschwemmungen und anderen Katastrophen auf der Weltkarte sah. Wirklichkeit simulieren, Zukunft vorhersagen – wow!

Dann ging ich mit Graßl in dessen Büro. Er begann seine Ausführungen mit dem legendären Satz, der auch seinen Weg ins spätere Buch fand: „Wenn sich Wetterextreme so heftig bemerkbar machen, dann vergisst man schnell, dass diese eigentlich etwas ganz Normales sind, auch wenn bei der momentanen Erwärmung der Welt der Mensch seine Finger im Spiel hat. Genau gesehen ist die Geschichte unseres Planeten eine Geschichte fortwährender Klimaveränderungen.“ Ich war etwas verdutzt. Wir wollten zur Weltausstellung doch Bücher machen, welche die Menschen aufrütteln und zu einer nachhaltigen Lebensführung anstiften sollten. Graßl indes schob den Panikregler nach unten. Er erklärte mir, wie das Klima zunächst vom Neigungswinkel der Erde abhinge und dass dieser sich in großen Zyklen verändert. „In den nächsten zehn Jahrtausenden, in denen die Neigung ihrem niedrigsten Wert zustrebt, werden die Jahreszeiten zunehmend schwächer ausgeprägt sein als heute.“

Damned, ich wollte Panik und bekam Deeskalation: In der Erdgeschichte gab es, so Graßl, neben den Eiszeiten auch Perioden, in denen nicht einmal die Pole mit Eis bedeckt waren. Gleichzeitig war während der letzten Eiszeit die Temperatur im Mittel nur vier bis fünf Grad geringer als heute – im Ozean sogar nur um eineinhalb Grad. Damals, vor rund 20.000 Jahren, war Mitteleuropa eine baumlose Tundra. Was Graßl damit zum Ausdruck bringen wollte: Einige wenige Grade rauf oder runter haben immense Auswirkungen. Und so endete diese kleine Klimalektion mit den Worten: „Die Erde wird wärmer als jemals zuvor seit es den Menschen gibt, aber die nächste Eiszeit kommt bestimmt. Auf den ersten Blick ein Widerspruch, doch es stimmt wahrscheinlich beides.“ In den folgenden Monaten durften wir mit Hartmut Graßl das Buch Wetterwende begleiten, das im Jahr 2000 erschien und zum Umweltbuch des Jahres gekürt wurde.

Was wir für die Debatte heute aus diesem Buch lernen können? Dass Klima ein komplexes Phänomen ist. Man muss „messen, messen, messen“. Lufthülle, Meer, Lebewesen, Eisgebiete, Böden und Gesteinshülle genauso wie überraschende Phänomene und Wechselwirkungen. Daraus ergibt sich eine unglaubliche Differenzierung an Wissensperspektiven und Erklärungsmustern. Klimaforschung, so Graßl, sei auch die ewige Suche nach kleinteiligsten Verbindungslinien und kleinräumigsten Überraschungen. Und gleichzeitig darf nicht vergessen werden: Klimaschutz ist nötiger denn je. Aber es bedarf analytischer Kühle und wissenschaftlicher Ausdauer. Wie gesagt: Eiszeit und Erderwärmung passieren gerade gleichzeitig. Nur einer von vielen Widersprüchen in der menschlichen Wahrnehmung, aber ein gelassenerer Ansatz, aufs Wetter zu blicken, als die medialen Dauerdramatisierungen der Klima-Großwesire. Hartmut Graßl ist übrigens heute 78 Jahre alt und immer noch einer der klügsten Klima-Aufklärer in diesem Land (siehe zum Beispiel:  https://www.klimareporter.de/international/heisses-eisen-klimamigration-uebereiltes-roden-und-erneuerbare-in-der-wueste).

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /66, 24. September 2018