MONTAGSBLOCK / 63a

Add-on zu Montagsblock 63: Same shit, different day! Oder warum es mittlerweile egal ist, welchen Inhalt wir in die Waschtrommel werfen?

Im Jahr 1985 kam Coca-Cola auf die glorreiche Idee, Rezeptur und Geschmack der Coke zu ändern. Ein riesiger Werbe- und Presserummel machte das Ereignis landesweit bekannt. Binnen 24 Stunden hatten geschätzte 150 Millionen Menschen das neue Getränk probiert. Man hatte alles genau vorausberechnet, allein vier Millionen Dollar für Geschmackstests ausgegeben. Doch es kam zum Desaster. Massenhafte Anrufe von erzürnten Kunden. Konsumenten begannen, Hamstervorräte der alten Coke anzulegen. Deren Preis stieg in Minutenschnelle. Zehntausende von Protestschreiben gingen in den nächsten Wochen in der Firmenzentrale ein. Am 11. Juli gaben die Topmanager ihren Entschluss bekannt, die ursprüngliche Rezeptur unter der Firmenmarke Coca-Cola Classic wieder einzuführen, und versicherten allen Kunden, dass der Konzern die Botschaft verstanden habe.

Das Beispiel zeigt zunächst, wie unsinnig es ist, die Zukunft mittels kontrollierter Kreativität exakt vorherbestimmen zu wollen. Alle Beteiligten bei Coca-Cola entschieden in der Illusion, sie hätten die Lage jederzeit im Griff. Alle Anzeichen von Fehleinschätzung wurden standhaft ignoriert. Die Firma setzte überdies blind auf die eigene Überzeugung und betrachtete andererseits den Kunden als dummes Schaf, das trinkt, was es vorgesetzt bekommt. Hinzu kam: Die Marketingstrategen suchten nur nach Hinweisen, die ihren Entschluss bestätigten. Sie waren nicht in der Lage, das eigene Wissen unvoreingenommen zu aktualisieren. Ja, sie waren geradezu achtlos mit der Beurteilung der Umstände umgegangen. 

Was lernen wir daraus? Kreativ ist, wem nicht klar ist, was er nicht weiß. Das Besondere liegt also in der Negation der Überzeugung, Wissen bedinge Kreativität. Im Gegenteil: Nichtwissen treibt die Kreativitätsökonomie. Oder wie ein uraltes arabisches Sprichwort sagt: „Das beste Wissen ist das, was du erst kennst, wenn du es brauchst.“ 

Mesut Özil war bisher in der Kreativitätsökonomie und in der Welt arabischer Lebensweisheiten eher unbekannt. Nichtsdestotrotz können wir hier ein ähnliches Drehbuch verfolgen. Im Jahr 2018 kommt er auf die glorreiche Idee, Rezeptur und Geschmack des Özils zu ändern. Eine Erdogan-Pirouette macht seine Verirrung landesweit bekannt. Binnen 24 Stunden haben geschätzte 30 Millionen Menschen den neuen Özil gesehen. Haben seine PR-Strategen nicht alles genau vorausberechnet? Es kommt zum Desaster. Massenhafte Kommentare von erzürnten Kollegen, Hamstervorräte des alten Özil bei manchen Leitartiklern. Sein Marktwert steigt in Minutenschnelle. Zehntausende von Protestnoten verstopfen die Mediakanäle. Der DFB gibt schon bald seinen Entschluss bekannt, die ursprüngliche Rezeptur unter der Firmenmarke „Alter Özil“ nicht mehr weiter vertreiben zu wollen, und versichert allen Fans, dass er die Botschaft verstanden habe. Der neue Özil schweigt und errichtet kurz darauf einen potemkinschen Rassismus.

Das Beispiel zeigt, wie unsinnig es ist, die Zukunft mittels kontrollierter Wahrheit exakt vorherbestimmen zu wollen. Alle Beteiligten in der Özil-Affäre entschieden in der Illusion, sie hätten die Lage jederzeit im Griff, und alle Anzeichen von Fehleinschätzung wurden standhaft ignoriert. Der DFB setzte blind auf die eigene Überzeugung und betrachtete andererseits den Fan als dummes Schaf, das bejubelt, was es vorgesetzt bekommt. Hinzu kommt: Die DFB-Marketingstrategen suchten nur nach Hinweisen, die ihre Wahrheit bestätigten. Sie waren nicht in der Lage, das eigene Wissen unvoreingenommen zu aktualisieren. Ja, sie waren geradezu achtlos mit der Beurteilung der Umstände umgegangen. Dto. Özil.

Was lernen wir daraus? Dumm ist, wem nicht klar ist, was er weiß. Das Besondere liegt in der Affirmation der Überzeugung, Wissen bedinge Wahrheit. Im Gegenteil: Nichtwissen treibt die Wahrheit in den Wahnsinn. Oder wie ein uraltes niederbayerisches Sprichwort sagt: „Jeder spuit sei Spui.“ Das Problem ist nur, dass die Drehbücher, egal welchen Unsinn sie produzieren, austauschbar werden. Özil, Cola, Klima, Trump – alles Koma, oder was?

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /63a, 03. August 2018